GEGENÜBER

Gegenüber      (D, 2007)

Regie: Jan Bonny
Drehbuch: Jan Bonny & Christina Ebelt. Kamera: Bernhard Keller. Schnitt: Stefan Stabenow
Mit: Matthias Brandt (Georg Hoffmann), Victoria Trauttmansdorff (Anne Hoffmann), Wotan Wilke Möhring (Michael Gleiwitz), Jochen Striebeck (Hans-Josef), Anna Brass (Marie) u.a.
96 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Gegenüber
(Bildrechte: W-Film)

Synopsis: Essen, Gegenwart. Georg Hoffmann ist ein Polizist, dem unauffällige, aber patente Diensterfüllung zur Lebensmaxime geworden ist. Seine Frau Anne sträubt sich gegen die schale Gleichförmigkeit ihrer über 20-jährigen Ehe, die zudem durch demütigende Zwangseinladungen bei ihren Eltern und die Leere durch den Wegzug der beiden Kinder gekennzeichnet ist. Georg reagiert auf die zunehmende Anspannung mit Sprach- und Tatenlosigkeit, ein Verhalten, das Anne bald dermaßen reizt, dass ihr „die Hand ausrutscht“. Und bei diesem einen Mal bleibt es nicht.

Kritik:
Filmfestival Münster im Cineplex, Freitag, 19. Oktober, 22 Uhr. Regisseur Jan Bonny ist persönlich anwesend und lädt nach der Vorstellung zum Smalltalk in die Festival-Lounge ein. An seiner Seite: Hauptdarstellerin Victoria Trauttmansdorff und Produzentin Bettina Brokemper. Gut zwei Dutzend Interessierte scharen sich um das Trio und lauschen seinen beredten Ausführungen. Wie z.B. die beiläufige Lektüre einer winzigen Zeitungsmeldung zur weiblicher Gewalt in der Ehe zum Auslöser für das Filmprojekt wurde. Dass die Reaktionen des Publikums bei der Uraufführung in Cannes 2007 durchaus unerwartet gewesen waren. Und Essen als Ort gewählt wurde, weil der Stadt kein besonderer Ruf wie etwa München oder Berlin vorauseilt. Bonny lässt keine Frage offen und ersetzt bei seinen gespannten Zuhörern das mulmige Gefühl unmittelbar nach dem Film durch nüchternes Wissen um Hintergründe und Produktionstechnik. Heilsam und faszinierend zugleich.

Nun weiß ich also aus erster Hand, dass GEGENÜBER doch ein Liebesfilm ist und dessen gezeigte innerfamiliäre Probleme auch in dieser Konstellation nicht unbedingt außergewöhnlich sind. Wir Deutschen haben ja ein Händchen dafür, die Abgründe hinter biederen Fassaden zu zeigen. Der Mann ist ein im Kollegenkreis geachteter Polizist, die Frau verdient als Grundschullehrerin mit, man lebt in gesicherten Verhältnissen. Versteckt vor der Außenwelt aber staut sich ein Druck, dessen Ursprung wir nur erahnen können und der nicht befreiend entweichen kann, weil sich Anne und Georg niemandem anvertrauen (können). Angestauter Frust trifft auf Beschwichtigung und Aussitzen: „Lass’ uns daraus kein Drama machen“ antwortet Georg mehr als einmal, eine Bemerkung, die wie Öl auf Annes schwelende Verzweiflung wirkt. Zaghafte Versuche der beiden, „einander einen schönen Abend zu bereiten“, fallen bei der kleinsten sarkastischen Bemerkung wie ein Kartenhaus zusammen.

Wie in ähnlich gearteten Filmen eskaliert auch hier die Situation und es kommt zum Eklat, wobei GEGENÜBER sich der ungewöhnlichen Variante bedient, dass das vermeintlich schwächere Geschlecht körperliche Gewalt ausübt. Der Mann steckt wehrlos die Schläge und Tritte ein. Zunächst aus Verblüffung, später in beinahe gefügiger Apathie. Annes Tun, das einem verzweifelten Schrei nach Liebe gleichkommt, stößt auf eine völlig irrationale Reaktion, was sie nur noch zu immer drastischeren Wutausbrüchen treibt. Eine Parteinahme für einen der Protagonisten ist kaum möglich.

Laut Bonny wurde bewusst auf Filmmusik verzichtet, um die Wirkung der Bilder auf das Publikum nicht zu verfälschen. Jene wirken umso eindringlicher durch die oft eingesetzte Handkamera und eine Lichttechnik, die die an sich große Wohnung (man sprach von 140 Quadratmetern) eher als bedrohliche Enge denn sicheres Refugium erscheinen lassen. Inmitten des klaustrophobischen Handlungsraumes, der auch durch wenige Außenaufnahmen im grauen vorweihnachtlichen Essen nicht gemildert wird, liefern sich Matthias Brandt und Victoria Trauttmannsdorf ein schonungsloses Psychoduell. Als mit in die Wohnung gequetschter Zuschauer kann man sich getrost darauf einstellen, die Schläge hautnah mitzuerleben und sich auf dem Fußboden krümmend wiederzufinden. Drastisch wird ein neues Szenario zwischenmenschlicher Beziehungsdefizite auf die Leinwand gebracht.

GEGNÜBER ist ein nachdrückliches Beispiel für die Aussage, man habe einen guten, aber keinen schönen Film gesehen. Und von der Festivaljury gab’s für ihn am Ende eine lobende Erwähnung.


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