PLANET TERROR

*** PLANET TERROR / GRINDHOUSE: PLANET TERROR * USA 2007 * Musik: Rose McGowan, Robert Rodriguez, John Carpenter, Nouvelle Vague, u. a. * Produktion: Robert Rodriguez und Quentin Tarantino * Ton, Schnitt, Kamera, Drehbuch und Regie: Robert Rodriguez * Darsteller/-innen: Rose McGowan, Freddy Rodríguez, Marley Shelton, Jeff Fahey, Josh Brolin, Michael Biehn, Naveen Andrews, Bruce Willis, Quentin Tarantino, Tom Savini, Stacy „Fergie“ Ferguson, Rebel Rodriguez, Robert Rodriguez, u. a. * 105 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Planet Terror
(Bildrechte: Senator Film)

Synopsis: Wie bei allen Zombie-Filmen, die nicht vom godfather des Genres, George A. Romero (zuletzt: LAND OF THE DEAD), stammen, erübrigt sich eine Zusammenfassung der Handlung fast: Auf einer US-Militärbasis in der Nähe von Austin, Texas, weicht nach einem Kampf zwischen dubiosen Waffenschmugglern und nicht gerade der homeland security verpflichteten US-Soldaten chemisches Kampfgas aus, das die Bewohner der näheren Umgebung zu Menschenfleisch fressenden Zombies mutieren lässt. Eine bunt zusammen gewürfelte Mischung von tough girls’n’guys, darunter die bald nur noch einbeinige (aber ebenso bald mit einer schießwütigen Beinprothese ausgestattete) Go-Go-Tänzerin Cherry Darling (Rose McGowan) und ihr Ex-Liebhaber, Revolverheld El Wray (Freddy Rodríguez), versucht ebenso bald mit allen möglichen Körperflüssigkeiten besudelt, der Invasion der Untoten Einhalt zu gebieten … Mit wachsendem, weil im wahrsten Sinne des Wortes durch-schlagenden Erfolg … Dummerweise kennen sie den politischen Hintergrund des ganzen Schlamassels nicht, wird dieser doch durch keinen Geringeren als Osama Bin Laden verkörpert … (Ja, das ist mal ein Oscar-reifes Drehbuch!)

Kritik: Hey! Robert Rodriguez hat das Zombie-Genre revolutioniert! Wie das? Nun, sein Geniestreich bestand schlichtweg darin, den lebenden Toten auf dem PLANET TERROR so in etwa die Konsistenz von Wasserbomben, respektive Schleimbeuteln zu verleihen: Weiche Schale, weicher Kern … ein Hieb, ein Tritt, ein Schuss, kein Schrei, wie dem auch sei: Wo früher noch mühsam ausgeweidet wurde, reicht diesmal ein kleiner Schubser, schon platzen Zombiekörper wie überreife Eiterpickel. Na, das ist mal ein Spaß! Was für Möglichkeiten für die Ekel-effects-Abteilung sich da plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes auf-tun! George A. Romero wäre natürlich nie so weit gegangen, dafür liegt ihm der allegorische Charakter der lebenden Toten einfach zu sehr am Herzen … aber wenn es der cinéastischen Wahrheitsfindung dient? Her mit den Rotorblättern, her mit den Raketenwerfern, her mit den Spritzen, den Amputationssägen, den großkalibrigen colts! Und: Her mit den coolen, einzeiligen action-Film-Dialogen, die sich selbst karikieren! Her mit Blut-, Eiter-, und Gott-weiß-was-ich-denn-von-Körperflüssigkeiten bedeckten weiblichen und männlichen pin-up-Körpern! Wir wollen Spaß! Bitte, ja? 105 Minuten lang, reicht das?

Reicht völlig. PLANET TERROR – was für ein, Achtung Wortwitz!, hirn-rissiger Spaß! War Quentin Tarantinos GRINDHOUSE-Segment DEATH PROOF eher eine harmlose, weil fast schon rührende hommage an eben jenes Unter-aller-Sau-Kino der 70er Jahre, randvoll mit pointierten und im Vergleich zu PLANET TERROR eindeutig wortwitzigeren, besseren Dialogen (dafür konnte man all die schönen Frauen vor deren ostentativ in die Kamera gereckten Füßen nicht sehen), greift Kumpel Robert Rodriguez in seinem GRINDHOUSE-Beitrag PLANET TERROR in die Vollen: Wenn schon hommage, dann richtig! Tarantino legt den Fokus auf die Ästhetik des Genres, Rodriguez weidet seine Eingeweide aus. Und wühlt und wühlt und wühlt und kann gar nicht mehr aufhören zu wühlen …

Rodriguez’ Lust am Ekel kennt bei PLANET TERROR tatsächlich fast keine Grenzen: Allein die Tatsache, dass der die abgeschnittenen Hoden seiner Opfer sammelnde kleine Bösewicht Abby (Naveen Andrews) inmitten seiner glitschigen Beute liegen muss, damit Oberbösewicht Leutnant Muldoon (Bruce Willis) den Satz „Sieht so aus, als hätte ich Dich bei den Eiern!“ sagen darf … Ist das nun große Drehbuch-Kunst oder einfach nur sehr kranker Humor? Vielleicht dann doch eher letzteres, denn Rodriguez lässt sogar seinen eigenen kleinen Sohn in PLANET TERROR blutig Selbstmord begehen. Das Vaterdasein scheint also doch so seine Schattenseiten zu haben …

Was die streng genommen selbstverständlich hanebüchene Handlung angeht, hat PLANET TERROR mehr als genug davon, Schattenseiten nämlich: Selbst angesichts der aggressiven Untoten werden Familienkonflikte am liebsten mit Giftspritzen, Vorschlaghämmern und Hackebeilen ausgetragen – Rodriguez überlässt fast jeden noch so kleinen Konflikt seiner in Kunstblut förmlich erstickenden Ekel-effects-Abteilung, was den mehr als positiven Gesamteindruck dieser Über-hommage allerdings niemals schmälert: Rodriguez, der sich fast für jede Abteilung (Musik, Ton, Schnitt, Produktion, Kamera, Drehbuch, Regie) als Hauptverantwortlicher kennzeichnet, verliert nie sein Ziel vor Augen: PLANET TERROR ist als Gesamtkunstwerk trotz oder gerade wegen seines rücksichtslosen Ekelfaktors eine grandiose hommage / Überspitzung des horror trash cinema geworden, die es sich sogar leisten kann mit den Schwächen des Genres gekonnt zu spielen:

Allzu früh nämlich gibt das Drehbuch klare Anweisungen an die Protagonisten, wer gefälligst wann zu sterben hat. Überraschungen kennt das Skript nicht, es sind eher die typischen Horrorfilm-surprise moments, die Rodriguez hier bemüht: Da dürfen auch schon mal Charaktere wie aus dem Nichts auftauchen, die die story längst vergessen hatte und hinter sich gebracht zu haben schien. Und niemand sollte nach dem Warum? fragen, ohne gefälligst stante pede jeglichen Restverstand zu verlieren. Denn um solche Fragen schert sich der Horrorfilm nun wirklich nicht.

Einen unglaublichen, weil selten unverfrorenen Drehbuch-Kniff erlaubt sich Rodriguez allerdings mitten in der heißesten, weil einzigen Sexszene des Films, bei der angesichts der auf der Leinwand entstehenden Hitze konsequenterweise das eh schon arg ramponiert scheinende Zelluloid verbrennt: Plötzlich erscheint der lakonische Kommentar: „Filmrolle fehlt. Die Theaterleitung entschuldigt sich.“ Wunderhübsch, weil man sofort weiter denkt: Hat sich da etwa der Filmvorführer die beste Stelle der Sexszene unter den Nagel gerissen? Was für den Film natürlich heißt: Hier fehlt mindestens eine Viertelstunde, denn plötzlich sind alle Protagonisten, die vorher noch in alle Winde verstreut gegen die Zombiemeute gekämpft hatten, vereint. Genial. Bei schlechteren Drehbüchern wäre so ein Hinweis des öfteren angebracht, bei Rodriguez ist es einfach nur ein großer Witz (Das fehlende Segment wird nämlich vollständig auf der DVD enthalten sein …).

Ein großer Witz sind leider auch die Schauspielkünste von Quentin Tarantino, dem in PLANET TERROR leider mehr als eine bloße cameo-Rolle zugeschustert wurde: Dass er ja noch nie der größte Schauspieler vor dem Herrn war, wird niemand bestreiten wollen, aber warum seine fünf Minuten Leinwandpräsenz dem Film plötzlich jegliches Tempo, ja mehr noch, all den Spaß rauben können, den man ansonsten mit PLANET TERROR hat, ist q) rätselhaft und t) schlichtweg erschreckend.

Aber das sollte angesichts des furiosen Gesamteindrucks, den beide GRINDHOUSE-Segmente hier in Europa selbst voneinander getrennt hinterlassen haben, nicht weiter stören, haben sich Rodriguez’n’Tarantino doch längst zum Anti-Hollywood-Traumpaar entwickelt, zumal sie hinter der Kamera ein so rührendes wie notwendiges gemeinsames hobby vereint: Die inzwischen fast schon programmatisch zu nennende Wiederentdeckung von von Hollywood vergessenen, aber vom Kinopublikum nichtsdestotrotz durchgehend geliebten Schauspielerinnen und Schauspielern:

Rettete Quentin Tarantino in seinem GRINDHOUSE-Segment DEATH PROOF eher die von Hollywood mit Missachtung gestraften b-movie-Schauspielerinnen wie Jordan Ladd & Co. vorm endgültigen Vergessenwerden, so legt sich Kollege Rodriguez in PLANET TERROR beim männlichen Geschlecht derart ins Zeug, als hätte er Hollywoods rote Liste aussterbender Rauhbeine beim Drehbuchschreiben vor sich gehabt: Jeff Fahey, Mensch! Jeff Fahey! Wann immer man sich spät nachts durch die deutschen b-movie-Kanäle (Kabel Eins, Tele 5, Das Vierte, etc. pp.) zappte, konnte man fast sicher sein, einen Film (meist einen geradezu rührend miesen Erotikthriller) mit Frauenschwarm Fahey zu Gesicht zu bekommen. Und jetzt steht er zusammen mit Bruce Willis vor der Kamera! In seiner Rolle als ständig mit Eigen-, Schweine-, und Zombieblut bespritzter barbecue-König von Austin, Texas, blüht er nicht nur auf, sondern zeigt schlichtweg seine beste schauspielerische Leistung aller Zeiten. Soviel Spaß scheint er beim Dreh gehabt zu haben, dass selbst in den finstersten Szenen des Streifens seine blaue Augen glückstrahlend das Kameraauge suchen, als wollten sie sich vergewissern: Not dead yet! Not! Dead! Yet! Dass sowas ausgerechnet in einem Zombiefilm passieren muss, entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie.

Und dann Michael Biehn! Ja, genau!: TERMINATOR und ALIENS! Zwei der besten action-Filme aller Zeiten, in denen er beide Male eine Hauptrolle hatte! Und sich weder von Sigourney Weaver noch Arnold Schwarzenegger an die Wand spielen ließ! (Was bei letzterem ja auch schlichtweg unmöglich gewesen wäre …) Dennoch hangelte er sich seit Ende der 80er durch die miesesten Sponsored-by-Pentagon-Streifen der US-amerikanischen Filmgeschichte … Auftritt Robert Rodriguez, und alles wird gut: Biehn liefert eine Glanzleistung als good bad cop / bad good cop ab. Und dann ist da natürlich noch Tom Savini, der special effects creator, dem man so ziemlich sämtliche Monstren der jüngeren Filmgeschichte verdankt. Den musste Rodriguez nicht mehr retten, außer vor sich selbst vielleicht und vor seinen Alpträumen: Kein Mensch dürfte in seinem Leben durch mehr Kunstblut gewatet sein, als good ol’ Tom. Und so könnte man die Liste ewig fortführen … (War das nicht Cheech Marin (CHEECH & CHONG … KIFFEN BIS DER BONG PLATZT, hießen nicht alle Filme mit denen in etwa so?) in dem fiktiven MACHETE-trailer, der quasi als Vorfilm das Gemetzel eröffnete?)

Ja, war er. Aber wen wundert’s? – Wen wundert’s, dass hinter diesem so erfolgreich auf die niedrigsten menschlichen Instinkte zielenden Machwerk letzten Endes tatsächlich gelebter Humanismus steckt?

Mich nicht.

Take this, Hollywood! And take a full blow!

Splatter!


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