YELLA

Yella      (D, 2007)

Buch und Regie: Christian Petzold. Kamera: Hans Fromm. Musik: Stefan Will
Mit: Nina Hoss (Yella Fichte), Devid Striesow (Philipp), Hinnerk Schönemann (Ben), Christian Redl (Yellas Vater), Burghart Klaußner (Dr. Gunthen), Barbara Auer (Barbara Gunthen) u.a.
89 Minuten    (6 von 10 Punkten)

Yella
(Bildrechte: Piffl Medien)

Synopsis: Wittenberge, Gegenwart. Yella Fichte verlässt ihren nach der Firmeninsolvenz psychisch angeknacksten Ehemann Ben, um im Westen eine Stelle als Buchhalterin anzunehmen. Ben offeriert ihr eine Mitnahme zum Bahnhof und steuert den Wagen wissentlich von einer Brücke in die Elbe. Ben bleibt ohnmächtig am Ufer liegen, Yella entkommt. In Hannover entpuppt sich ihr Arbeitgeber als bankrott. Im Hotel lernt sie den Venture-Finanzier Philipp kennen, der sie kurzfristig als Begleitung engagiert. Die Zusammenarbeit setzt sich fort, als sich Yella am Verhandlungstisch als talentiert erweist.

Kritik: Die Elbe wird für Yella in zweifacher Hinsicht zu einem Symbol des Übergangs. Einerseits in einem Sinne, der hier wegen des überraschenden Filmendes nicht verraten werden darf, andererseits ist der Fluss die Trennlinie zwischen Yellas bisherigem Leben in Ostdeutschland und der vermeintlich besseren Perspektive im Westen. Wittenberge repräsentiert wirtschaftlichen Niedergang, Wegzug der jüngeren Bevölkerung und Arbeitslosigkeit. Und doch liegen Yellas Wurzeln hier, ihr Vater bleibt allein zurück, hier hatte sie mit Ehemann Ben an eine Zukunft geglaubt.

Dass der kapitalistische Westen nicht nur golden ist, erfährt sie, als aus der Konkursmasse ihres neuen Arbeitgebers letzte verwertbare Bürogeräte heraus getragen werden. Der Traum platzt, allein sitzt sie im nüchternen Hotelzimmer, aus Schamgefühl kann und will nicht wieder zurück.

Jene ersten 25 Minuten zeigen Nina Hoss als eine innerlich zerrissene Person, die nur mit großer Mühe nach außen hin verbergen kann, wie die Resignation auf ihr lastet. Sie füllt die Hauptrolle mit jeder Faser ihrer Körpers aus, und das wird sich bis zum Ende nicht ändern, wenngleich ihr bald mit Devid Striesow als Philipp ein Mitspieler an die Seite gestellt wird. Wer sich nicht mit Frau Hoss anfreunden kann oder nicht mit einem Film, dessen Hauptrolle mehr durch nuancierte, beherrschte Darstellung denn fulmiante Gefühlsausbrüche brilliert, der ist hier falsch. Es ist immerhin schon das dritte Mal, dass Regisseur Christian Petzold nach TOTER MANN (2002) und WOLFSBURG (2003) auf die 32-jährige Hoss als Hauptdarstellerin für das kritisch-dramatische Fach zurückgreift.

Bei einer schicksalshaften Begegnung im Hotel lernt Yella jenen Philipp kennen, der als Vertreter einer Private Equity-Firma kapitalschwachen Unternehmen „unter die Arme“ greift und unter der Hand gleich sein eigenes Scherflein abzweigt. Wie bei Bonnie und Clyde entwickelt sich eine Komplizenschaft: Die unbedarfte Yella offenbart Geschick in der Analyse von Bilanzen und blüht an der Seite des abgebrühten Finanzmaklers auf. Philipp erkennt den Nutzen aus der Allianz. Eine Romanze zeichnet sich ab.

Auch als Zuschauer muss man eingestehen, über weite Strecken Gefallen an den Mechanismen und Taktiken am grünen Tisch zu finden, die wie ein Pokerspiel daherkommen. Und vielleicht auch dem befreiten Lächeln, das Yella nun ab und an über die Lippen kommt. Zugleich unterlässt es Petzold nicht zu unterstreichen, dass jene Verhandlungen über Bestand oder Ruin von Firmen entscheiden. Diese Botschaft wird nicht plakativ, sondern moderat und per Gewissenskonflikt Yellas unterbreitet: Insgeheim hat sie das klassische Lebensziel mit eigenem Häuschen, Kind und Ehemann vor Augen, befindet sich aber auf einem Weg des Broterwerbs, der anderen dieses Idyll zerstören wird.

In YELLA gibt es keine Gewinner. Das war in den beiden oben genannten Filmen auch schon der Fall. Die Welt des Kapitalismus mit ihren Schattenseiten wird als unweigerlich gegeben anerkannt, die Akteure beiderseits der Verhandlungstische sind Täter und Opfer eines Systems, innerhalb dessen Regeln man sich bewegt.

Wenig belebend zeigt sich der Film denn auch in anderer Hinsicht: Vieles spielt sich in engen, geschlossenen Räumen ab (Hotelzimmer, Büros, im Auto), die Farben sind blass und unaufdringlich, mit Ausnahme von Yellas roter Bluse scheint ein permanenter Grauschleier jegliche Szenerie zu überdecken. Mehr als fünf Personen sind nie gleichzeitig im Bild, es sind die innigen Dialoge zu zweit oder eben Yellas stumme Auseinandersetzung mit ihrer Lage, von denen der Film lebt. Darauf sollte sich der neugierige Zuschauer gefasst machen. Ab und an dringen wogende Geräusche von Wasser und Wind wie aus dem Nichts in Yellas Ohr: Unheimliche, vom Zuschauer zunächst nicht einzuordnende Elemente, und man ahnt, dass trotz der ansonsten nachvollziehbaren Abfolge der Ereignisse nicht alles so ist, wie es scheint.

Nina Hoss erhielt für ihre Leistung verdientermaßen den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin der Berliner Filmfestspiele 2007. Für den Film selbst listet der Verleih im Presseheft auf der Homepage die rhetorisch ausgefeilten Lobeshymnen renommierter Quellen auf. Ich empfehle, sich selbst im Filmtheater Ihrer Wahl ein Bild und Bauchgefühl zu machen; letzteres wird vom intensiven Spiel der Akteure besonders angesprochen.


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