HALLAM FOE – THIS IS MY STORY

*** HALLAM FOE – THIS IS MY STORY / HALLAM FOE * Großbritannien 2007 * Musik: Franz Ferdinand, Movietone, Clinic, Cinema, Juana Molina, Orange Juice, King Creosote, U.N.P.O.C., Sons & Daughters, Junior Boys, Future Pilot AKA, Hood, Psapp, James Yorkston & the Athletes, Bill Wells Trio, Woodbine * Kamera: Giles Nuttgens * Drehbuch: David Mackenzie und Ed Whitmore, nach dem gleichnamigen Roman von Peter Jinks * Regie: David Mackenzie * Darsteller/-innen: Jamie Bell, Sophia Myles, Claire Forlani, Ciarán Hinds, Ewen Bremner, Jamie Sives, Maurice Roeves, Lucy Holt, u. a. * 95 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Hallam Foe - This Is My Story
(Bildrechte: Monopole Pathé)

Synopsis: Vorname Hallam, Nachname Foe: Der siebzehnjährige schottische Wuschelkopf (Jamie „Billy Elliot“ Bell) macht seinem ungewöhnlichen Namen alle Ehre, ist er doch ein auf den ersten Blick zutiefst verstörter teenager, der über den Tod seiner über alles geliebten Mutter offenbar nicht hinweg kommen kann: Zurückgezogen in einem Baumhaus auf dem elterlichen Grundstück sich versteckend (wo er sich manchmal ein Dachsfell überwirft, um arglose Liebespärchen zu erschrecken), zieht es ihn nur höchst ungern in das mittelalterliche Gemäuer, in dem sein Architekten-Vater (Ciarán Hinds) mit seiner verhassten Stiefmutter (Claire Forlani) lebt, ist er doch von der Selbstmord-Theorie, die den mysteriösen Tod seiner Mutter erklären soll, ganz und gar nicht überzeugt: Für ihn steht fest, dass seine Stiefmutter dahinter steckt.

Als der Familienkrach im Hause Foe eskaliert, reißt Hallam aus: Mittel- und obdachlos zieht es ihn nach Edinburgh, wo er auf Kate (Sophia Myles) trifft, die Personalchefin in einem Nobelhotel und seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Aus Mitleid besorgt sie Hallam einen job als Tellerwäscher in eben jenem Nobelhotel, auf dessen Dächern er alsbald wieder seinem nicht ganz legalen hobby nachgeht, wegen dem er schon zu Hause zu einem Perversen abgestempelt worden ist: Hallam ist nämlich nicht nur schwindelfrei und mit einem Fernglas bewaffnet, sondern auch leidenschaftlicher voyeur: Ohne Skrupel verfolgt er die Objekte seiner Begierde bis in ihre Schlafzimmer …

Und da Hallam zwar charmant, intelligent und ehrgeizig sein kann, Vorsicht aber nicht gerade zu seinen Tugenden zählt, schlittert er irgendwann über die Dächer Edinburghs in das größte Abenteuer seines jungen Lebens … (und) in die Arme von Kate …

Kritik: Als hätte Hitchcock eine coming of age-Geschichte verfilmt: Was wie eine auf den ersten Blick unvereinbare Mischung aus DAS FENSTER ZUM HOF, ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA und GARDEN STATE daher kommt, war einer der Publikumslieblinge bei der diesjährigen Berlinale und wurde ebendort u. a. mit dem „Silbernen Bären“ für die beste Filmmusik ausgezeichnet. Völlig zurecht im übrigen, denn obwohl Franz Ferdinand auf dem soundtrack das Zugpferd abgeben, gebühren die wahren Meriten für die unvergleichlich-wunderbare akustische Untermalung von Hallams Streifzügen über die Dächer Edinburghs eher den verhuscht-kinematischen Klangcollagen von Künstlern von „Domino Records“, deren band-Namen (Movietone, Cinema) allein schon darauf hindeuten, dass wir es hier dankenswerterweise nicht mit einem reinen merchandise-Konglomerat aus möglichst hippen britischen „The TheTheThes“-bands zu tun haben.

Neben dem soundtrack kann HALLAM FOE – mal abgesehen von der im wahrsten Sinne des Wortes Schwindel-erregenden Kameraarbeit von Giles Nuttgens – mit zwei weiteren Trümpfen aufwarten, und das sind die beiden Hauptrollen: Jamie Bell, dessen Filmographie (u. a. der höchst seltsame Erste Weltkrieg-Horrorfilm DEATHWATCH und Peter Jacksons grandiose KING KONG-Neuverfilmung) seit dem Überraschungserfolg von BILLY ELLIOT – I WILL DANCE von einem feinen Gespür für außergewöhnliche Filmrollen zeugt, könnte so etwas wie der zweite Ewan McGregor werden (hoffentlich ist sich Jamie im Gegensatz zu Letztgenanntem zu schade für Obi-Wan Kenobi-eske blue screen-Schandtaten). Und sein weiblicher, nicht minder berückender counter part, Sophia Myles, könnte in die Fußstapfen von Kate Winslet treten – rein optisch gesehen tut sie das schon längst.

Mit diesem Arsenal an kinematographischen Wundermitteln hätte HALLAM FOE das Zeug zum schottischen Meisterwerk in bester TRAINSPOTTING-Tradition – käme das nach einer mir leider nicht bekannten Romanvorlage entstandene Drehbuch nicht so völlig überkonstruiert daher. Vor allem bei der murder mystery-Rahmenhandlung, die das Foe-sche Familiendrama um den mysteriösen Muttertod thematisiert, kracht es derartig im Gebälk, dass, wenn der Film (und mit ihm sein Protagonist Hallam) sich am Ende wieder von Edinburgh verabschiedet, das filmische Grundgerüst völlig zusammen bricht:

Nicht nur die Charaktere von Vater und Stiefmutter sind von Anfang an zutiefst unglaubwürdig (was im übrigen nicht an Ciarán Hinds und der schönen Claire Forlani liegt, die hier eine fast schon märchenhafte Hexe verkörpern darf), auch der trotz seiner Verschrobenheit grundsympathische Hallam bekommt am Ende derart mordlüsterne Züge, die man von ihm 90 Minuten lang nicht nur nicht erwartet hätte, sondern … Die Charakterzeichnung stimmt hier nicht nur einfach nicht, sondern dreht schlichtweg völlig durch. Nach dem Motto: Völlig egal, dass Jamie Bell als Hallam Foe das Publikum 90 Minuten lang zu verzaubern weiß, beknackt bleibt eben beknackt: So als würde Andrew Largeman in Zach Braffs GARDEN STATE zum Schluss seinen Vater umbringen, so dermaßen unglaubwürdig vergeigt das Drehbuch das Ende von HALLAM FOE, nur um der Geschichte einen finalen climax aufzunötigen.

HALLAM FOE ist in erster Linie ein ungeheuer liebenswerter Liebesfilm geworden, skurril und romantisch und (bitter-)süß und sexy. Fast 90 Minuten lang quasi eine Schokoladencrèmetorte mit unzähligen Schichten und liebevollen Marzipan-Verzierungen versehen, der Stolz des schottischen Konditorhandwerks, falls es sowas überhaupt gibt … und das wird dann eingepackt in einen verschimmelten Pappkarton von Pizza Hut. Ächz. Ehrlich: Werktreue zur Romanvorlage hin oder her, das tut dem Film nicht gut, das gibt dicken Punktabzug. (Unabsichtlich gereimte Kritik rulez!)

Und wenn man dann noch ein Haar in der an sich wohlschmeckenden Suppe von HALLAM FOE finden möchte, dann wäre da noch dieser merkwürdig hippe Musikvideo-Schnitt, der viel zu oft das auf der Leinwand zerfetzt, was man sich viel lieber in Ruhe hätte ansehen wollen: Die überbordend opulenten Stadtansichten von Edinburgh nämlich, dem heimlichen Hauptdarsteller des Films. Nur zum Beispiel. Ruhe und Kontemplation sind HALLAM FOE leider also auch fremd, trotz wuchtig-beeindruckender Bildsprache; ausnahmsweise sind 95 Minuten Spiellänge zu kurz geraten. Warum ist der Film nur so dermaßen angestrengt hastig? Diese pseudo-hippe Komponente hat er doch gar nicht nötig! Auch das ist schade.

Von einem negativen Gesamteindruck kann letzten Endes dann dennoch keine Rede sein, dafür brillieren Jamie Bell und Sophia Myles zu sehr, dafür sind die Nebenrollen zu liebevoll besetzt (Ewen „Spud“ Bremners Bitte-schlag-mich-nicht-tot-Fresse aus TRAINSPOTTING, Schottlands Antwort auf Steve Buscemi, ist mal wieder für comic relief zuständig – danke dafür!), dafür ist der soundtrack zu stimmungsvoll, dafür ist Edinburgh eine – ganz offensichtlich – zu schöne Stadt.

Dafür ist HALLAM FOE – noch viel offensichtlicher – ein zu schöner Film.


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