DU BIST NICHT ALLEIN

Du bist nicht allein      (D 2007)

Buch und Regie: Bernd Böhlich
Kamera: Thomas Plenert. Schnitt: Karola Mittelstädt. Musik: Jakob Ilja
Mit: Axel Prahl (Hans Moll), Katharina Thalbach (Frau Moll), Katerina Medvedeva (Jewgenia), Herbert Knaup (Kurt Wellinek), Karoline Eichhorn (Sylvia Wellinek), Dominique Horwitz (Motivationstrainer), Mathieu Carrière (Regisseur) u.a.
97 Minuten     (6 von 10 Punkten)

Du bist nicht allein
(Bildrechte: Neue Visionen Filmverleih)

Synopsis: Berlin-Marzahn, Plattenbau, neunter Stock, Generation 50+: Hier wohnen die Molls neben dem ebenfalls arbeitslosen Physiker Wellinek, der nach der Trennung von seiner Frau gegen Frust und Alkohol kämpft. Als die attraktive Russin Jewgenia auf die Etage zieht, erwachen in Hans Moll Frühlingsgefühle, die seiner Frau zunächst verborgen bleiben, weil sie sich in ihren neuen (Nacht-)Job als Wachfrau reinkniet.

Kritik: Das Fatale an dem Film ist, dass ich die Schnulzenmelodie nicht aus dem Kopf kriege. Ich spreche von „Du bist nicht allein“, einem vergänglichen Hit von Gerd Höllerich alias Roy Black aus anno Tobak, der nun in einer Szene von Axel Prahl neu intoniert wird. Hoher Wiedererkennungswert ist garantiert. Allerdings wage ich die Voraussage, dass neben der Melodei auf Dauer nicht viel mehr aus dem Film im Gedächtnis der Zuschauer verbleiben wird.

Was nicht heißt, dass das Gezeigte nicht kurzweilig, unterhaltsam, bisweilen ergreifend und mit Anklängen von Kritik an der bundesrepublikanischen Befindlichkeit behaftet ist. Es geht schließlich um Arbeitslose aus dem „Segment der Schwervermittelbaren“, die im Schatten des gegenwärtigen Wirtschaftswachstums ihr Auskommen fristen und – eine an manchen Stellen deutlich werdende Botschaft – einen verantwortungsvollen Beitrag leisten wollen. Die Plattenbauromantik im Berliner Osten, die Warteschlangen vor den Büros der Arbeitsagentur und die uniforme Behandlung durch die Vermittler bieten eine passende Kulisse für persönliche Dramen.

Doch dieser Aspekt, zwar während der Handlung immer präsent, bleibt in der Tiefe nur mäßig ausgeleuchtet. Herbert Knaup hat diesbezüglich einen spektakulär emotionalen Auftritt, nachdem er während des ganzen Films über nur stumm gelitten hat. Katharina Thalbach muss sich fragen lassen, warum ihr Anspruch an ihre Aufgabe (Bewachung einer leeren Sporthalle) mehr Sinn beinhaltet als nur den bloßen Gelderwerb. Aber viel mehr ist nicht drin. Bernd Böhlich (Buch und Regie) ist ein Mann des Ausgleichs. Er weist weder Schuld zu, noch lässt er die Opfer im Regen stehen, sondern reicht jedem letztendlich ein Stück Hoffnung dar. Ein Beigeschmack des Weichgespülten bleibt.

Wie sieht es mit der Interaktion unter den Hauptakteuren aus? Hier kann Böhlich auf die Routine und Leinwandpräsenz seines Triumvirates Prahl, Thalbach und Knaup vertrauen. Prahl konnte in den letzten Jahren schon häufiger die Rolle des gebeutelten Mannes in den besten Jahren spielen, und seine teils unbeholfenen Versuche, bei Jewgenia zu landen und die Sache vor seiner Frau geheim zu halten, bilden das komödiantische Rückgrat der Handlung. Er und Katharina Thalbach wurschteln sich mit berlinerischer Zunge durchs Leben und verbuchen frühzeitig Sympathiepunkte. Knaups Wellinek (Doktor rer. nat., Schwerpunkt Festkörperphysik) verzeichnet weniger Filmminuten, bekommt aber vom Drehbuch eine Vita verpasst, die die Rolle im Vergleich zu den anderen Figuren ausgereifter erscheinen lässt.

Die weiblichen Nebenrollen haben weniger gute Karten: Katerina Medvedeva übernimmt eine Art Katalysatorfunktion für die Geschehnisse auf der Etage, bleibt aber ansonsten auf ihre Exotik als attraktive Russin beschränkt. Ihre z.B. zu Beginn des Films eingeführte Tochter verschwindet bald ohne Spur aus dem Drehbuch. Karoline Eichhorn als Noch-Ehefrau von Wellinek und Schauspielerin ohne festes Engagement darf auch kaum mehr als mit Leidensmiene ihr Schicksal ertragen.

DU BIST NICHT ALLEIN ist nicht nur Hans Molls Gesangsbeitrag während Jewgenias Einzugsfeier, sondern zugleich Programm des ganzen Films. Inmitten der beruflichen und privaten Probleme ist es doch das Zwischenmenschliche, das Trost, Hoffnung und Rettung verspricht. Eine einfache Botschaft, mit der Böhlich zwar nicht an die Qualitäten der Pate gestandenen Filme HALBE TREPPE und SOMMER VORM BALKON von Andreas Dresen heranreicht, aber für den Sommerkinobesucher etwas durchaus Schmackhaftes für Zwischendurch serviert.


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