EL CUSTODIO

El Custodio – Der Leibwächter      (El Custodio, ARG, D, F, 2006)

Buch und Regie: Rodrigo Moreno
Kamera: Bárbara Alvarez. Schnitt: Nicolás Goldbart. Ton: Catriel Voldosola
Mit: Julio Chavez (Rubén), Osmar Núnez (Artemio), Marcelo D’Andrea (Lamas), Elvira Onetto (Delia), Cristina Villamor (Béatriz, Rubéns Schwester), Luciana Lifschitz (Rubéns Nichte) u.a.
95 Minuten    (6 von 10 Punkten)

El Custodio
(Bildrechte: Real Fiction Filme)

Synopsis: Buenos Aires, Gegenwart. Rubén, Anfang 50, arbeitet als Leibwächter für Artemio, den argentinischen Minister für Planung. Über einen unbestimmten Zeitraum (Tage, Wochen?) wird der Zuschauer zum Schatten der Person, die selbst wie ein Schatten dem Funktionär folgt und für dessen Sicherheit verantwortlich ist. Die selbstverständliche Gegenwart und Verfügbarkeit seiner Dienste wie auch das unerfüllte Privatleben steckt der wortkarge Rubén scheinbar stoisch weg.

Kritik: In der ersten Szene macht sich der Bodyguard bereit für den täglichen Job. Über die Panzerweste streift er eines seiner vielen weißen Hemden, im Halfter steckt die 9 Millimeter Automatik, verdeckt vom Jackett des dunklen Anzuges, die Krawattennadel hängt stets eineinhalb Hände unter dem Knoten. Wortlos kleidet er sich an, ebenso lakonisch sind die Grüße für seine Kollegen und den Dienstherrn. Es ist ein beliebiger Tag im Arbeitsleben des Leibwächters: Im Flugzeug, Auto, zu Fuß kaum zwei Meter hinter dem Minister hergehend, ihn durch lange Gänge begleitend, vor geschlossenen Türen wartend. Automatenkaffee und Zigaretten sind die einzigen Eingeständnisse in dem Job, der vorsieht, sich in keiner Sekunde von unbedingter Aufmerksamkeit und Einsatzbereitschaft ablenken zu lassen. Präzision, die weniger menschlich als automatisch ist.

Rubén funktioniert. Unauffällig, zuverlässig. Der Film hat in diesen vielen Szenen etwas Dokumentarisches, von dem auch nicht durch Musik oder unrealistische Spannungsmache abgelenkt wird. Für das unterschwellige Element der Bedrohung sorgen allein schon die Sicherheitsroutinen der Bodyguards und die Tatsache, dass in einem Land wie Argentinien Politiker durch andere Dinge als faule Eier oder Farbbeutel gefährdet sind. Bei jeder Tour, die Rubén im Begleitfahrzeug hinter dem Renault des Ministers macht, ist die Gefahr des Anschlags gegenwärtig. Von besonderer Güte sind die Parkplatzaufnahmen im Innenhof des Ministeriums, aufgenommen aus der Vogelperspektive. Und nicht nur dort brilliert in dem jeglichen Beiwerkes baren Film die Kameraführung. Mehrfach sehe ich Rubén fortgehen, als er nicht mehr gebraucht wird, der Fokus bleibt im Vordergrund, während der Leibwächter immer unschärfer wird und gleichsam in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

Betrachte ich als Außenstehender dessen berufliches Dasein, so ist der Unterschied zwischen Leibwächter und Leibeigener ein fließender. Rubén muss oft genug ohne mit der Miene zu zucken akzeptieren, wie sich sein Chef zu privaten Zwecken über Sicherheitsbestimmungen hinwegsetzt und ihm zu zusätzlichen Überstunden mit Kindermädchenfunktion „verhilft“. Wie verkraftet er das?

Leider gibt EL CUSTODIO allzu plakativ zu verstehen gibt, dass Freizeit, Familie und Freundeskreis für den Protagonisten entweder nicht existieren oder eine zusätzliche Belastung darstellen. Die Szenen mit der neurotischen Schwester oder der Besuch bei der billigen Prostituierten sind vordergründig verstörend bzw. bewegend, wirken aber angesichts des sauber und stringent präsentierten monotonen Berufsalltages leicht effekthascherisch und fremd.

Am Ende knallt es dann doch. Zu einer Fortführung unendlicher Monotonie fehlte Regisseur Morena offenbar der Mut. Und ich sehe mich vor die Fragen gestellt: Wozu braucht ein Leibwächter einen Schalldämpfer? Warum antwortet Rubén ausweichend, als er von einem Kollegen auf seine Vergangenheit angesprochen wird? Durch die Geschehnisse am Schluss wird ein neues Licht auf frühere Szenen und Beweggründe geworfen, die dem Film zwar eine plötzliche Dramatik verleihen, welche aber nicht recht zum erarbeiteten Mosaikbild des im Affekt handelnden Introvertierten passt.

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Randbemerkung: In den deutschen Kinos ist der Film in der spanischen Originalfassung mit deutschen und französischen Untertiteln zu sehen. Den Dialogen und der Handlung kann jedoch in der Regel ohne Abstriche gefolgt werden. In einigen wenigen Szenen, in denen französisch gesprochen wird, fallen allerdings beide Untertitel weg.


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