DEATH PROOF – TODSICHER

*** DEATH PROOF – TODSICHER / DEATH PROOF / QUENTIN TARANTINO’S DEATH PROOF / GRINDHOUSE: DEATH PROOF * USA 2007 * Musik: Burt Bacharach, Willy DeVille, Serge Gainsbourg, April March, Ennio Morricone, T. Rex, u. a. * Kamera, Drehbuch und Regie: Quentin Tarantino * Darsteller/-innen: Kurt Russell, Zoe Bell, Rosario Dawson, Vanessa Ferlito, Jordan Ladd, Rose McGowan, Sydney Tamiia Portier, Tracie Thoms, Mary Elizabeth Winstead, Quentin Tarantino, Eli Roth, 1969er Dodge Charger (375 PS), 1970er Dodge Challenger (440 PS), 1971/1972er Chevrolet Nova SS (350 PS), u. a. * [teilw. s/w] * 113 Minuten (FSK 16-Fassung) * (7 von 10 Punkten) ***

Death Proof - Todsicher
(Bildrechte: Senator Film)

„Girls just wanna have fun!“ (Cindy Lauper)

„Hang up the chick habit / hang it up, daddy / or you’ll be alone in a quick“ (April March)

Synopsis: DEATH PROOF war im Herkunftsland USA – zusammen mit Robert Rodriguez’ PLANET TERROR, welcher hierzulande am 4. Oktober diesen Jahres anläuft – Teil des knapp dreistündigen trash double features GRINDHOUSE, das neben den beiden Filmen auch trailer für fiktive andere trash-Streifen beinhaltete. Diese hommage an eben jenes Blei-, Benzin- und Sex-Kino der 60er und 70er Jahre floppte in den USA an den Kinokassen: Teilweise verließen die Zuschauer schon nach dem ersten Film(-Segment) das Kino. (Which part of double feature you didn’t understand, suckaz?)

Was „wir alten Europäer“ jetzt auszubaden haben, weil man uns im vorauseilenden kapitalistischen Gehorsam in Sippenhaft nimmt und die beiden Teile getrennt in die Lichtspielhäuser bringt, dafür in jeweils zirka zwanzig Minuten längeren Fassungen als in GRINDHOUSE, wobei die deutsche Fassung von DEATH PROOF in der FSK 16-Fassung wiederum 14 Minuten kürzer ist als die eigentlich für den nicht-amerikanischen Markt veranschlagte Originallänge von 127 Minuten, was wiederum verstehen mag, wer will – ist der Streifen damit doch der erste Tarantino, der auch für jugendliches Publikum offiziell sichtbar gemacht wird.

Aber das sollte hier ja eigentlich eine Synopsis der Filmhandlung werden, die diesmal so gut wie flach fällt, denn DEATH PROOF hat alles, nur eben keine Handlung: Stuntman Mike (KLAPPERSCHLANGE Kurt Russell) killt junge Frauen, am liebsten gleich mehrere auf einmal. Dazu benutzt er sein todsicheres muscle car, in dem er selbst die schlimmsten crashs überleben kann: Zunächst, in Austin, Texas, wo der Film auch in seiner Gänze entstanden ist, einen 1971/72er Chevrolet Nova SS (350 PS) und später, in Lebanon, Tennessee, einen 1969er Dodge Charger (375 PS). In Austin ist er als Massenmörder erfolgreich (mit schrecklich blutigen Konsequenzen für diverse Mädchen), aber in Tennessee trifft er auf drei Angehörige des weiblichen Geschlechts, die den Spieß kurzerhand umdrehen. Der grausame Jäger wird zum wehr- und hilflosen Gejagten …

Kritik: DEATH PROOF – TODSICHER ist der schlechteste Film von Fußfetischist Quentin Tarantino. Aber ein schlechter Tarantino ist zum Glück eben alles – nur kein schlechter Film. DEATH PROOF ist zuallererst hommage pur. Vordergründig wird hier dem 60er/70er Jahre trash-Kino, genauer gesagt dem Autoverfolgungsrennenfilm à la FLUCHTPUNKT SAN FRANCISCO / VANISHING POINT (1970) und KESSE MARY, IRRER LARRY / DIRTY MARY, CRAZY LARRY (1974) gehuldigt, aber in erster Linie ist Tarantino hier das gelungen, was er bereits mit Pam Grier in JACKIE BROWN und Uma Thurman in KILL BILL versucht hat, nämlich einen Frauenfilm aufs schmierige Parkett des trashs zu tanzen: DEATH PROOF ist Zelluloid-gewordener Feminismus, allerdings weder der Alice Schwarzer-Typ, noch die Russ Meyer-Variante, wobei er natürlich mit letzterer einiges gemein hat, auch wenn es hier eher Füße als Titten zu sehen gibt.

Vor allem gibt es in DEATH PROOF aber eins zu sehen: Hinreißend schöne, hinreißend anmutige, hinreißend langbeinige, hinreißend lap dance-nde, hinreißend kluge, hinreißend nie endenwollendes Dauergebrabbel von sich gebende Frauen: Zoe Bell, Rosario Dawson, Vanessa Ferlito, Jordan Ladd, Rose McGowan, Sydney Tamiia Portier, Tracie Thoms und Mary Elizabeth Winstead. Und Kurt Russell darf den hässlich-diabolischen Gegenpart übernehmen, womit Tarantino mal wieder sein so üblicher wie rührender „Ich rette zu Unrecht vergessene Schauspieler/-innen vor dem Vergessen!“-Besetzungscoup gelungen ist; John Travolta, Pam Grier und David Carradine lassen grüßen.

Aus diesem einfachen Grundgerüst, 8 Frauen versus 1 Frauenmörder und sein PS-strotzendes Killerauto, macht Tarantino ein rührend süßes Nichts von einem Film: Es wird tatsächlich hauptsächlich geredet in DEATH PROOF – anscheinend kann man Austin, Texas, nicht anders ertragen, das weiß man spätestens seit Richard Linklaters Erstlingswerken SLACKER (1991) und DAZED AND CONFUSED (1993). Überhaupt wirkt DEATH PROOF ein wenig wie die schrundige Erwachsenenversion des letzteren: Dieselben aufgemotzten muscle cars („Let me tell you what Melba Toast is packin‘ right here, all right. We got 4:11 Positrac outback, 750 double pumper, Edelbrock intake, bored over 30, 11 to 1 pop-up pistons, turbo-jet 390 horsepower. We’re talkin‘ some fuckin‘ muscle.“ – Wooderson (Matthew McConaughey) in DAZED AND CONFUSED), dieselben endlos langen Konversationen, die irgendwie nirgendwo hin wollen, dieselben wunderhübschen Frauen, die ihren männlichen counterparts in jeder Hinsicht überlegen sind und sich dennoch mangels Alternativen mit ihnen abgeben müssen.

Dabei holt er sich Schauspielerinnen vor die Kamera, von denen man nicht einmal wusste, dass sie schauspielern können: Vor allem Rosario Dawson schien zuletzt hauptsächlich wegen ihrer Brüste ge-casted worden zu sein, was Filme wie ALEXANDER dennoch nicht retten konnte. Und auch Jordan Ladds Filmographie (u. a. CABIN FEVER, EMBRACE OF THE VAMPIRE, MADHOUSE) liest sich wie die Geschichte des sex’n’horror trash der letzten Dekade. Und dann ist da noch Zoe Bell, Neuseelands stunt woman Nummer Eins, die in den letzten zehn Minuten eine unfassliche performance hinlegt, natürlich nicht als Schauspielerin, sondern als stunt-Frau: In DEATH PROOF darf sie sich selbst spielen: All diese von Hollywood in die B-Kategorie und darunter hinaus abgeschobenen gorgeous creatures macht Tarantino zu seinen Frauen. Und da er auch noch hinter der Kamera tätig war, himmelt diese sie in jeder Szene so an, als gelte es, die Mona Lisa im Louvre auszuleuchten. Wer diesen Frauen Böses will, wie Kurt Russell als Stuntman Mike, dem droht dementsprechend Tarantinos fürchterliche Rache: DEATH PROOF ist ein Macho-Killer-Film, dessen gore und splatter-Elemente, da wir es hier mit einer FSK 16-Fassung zu tun haben, wirklich vernachlässigenswert sind: Es gibt ein paar Ekelszenen, aber die fallen im Vergleich zu dem sie einbettenden Dauergebrabbel der Tarantino Grrrls (Trademark) unter den Seziertisch. Mann möge sich bitte an anderen Schlächterfilmen aufgeilen. Und Frau sollte daher reingehen. Und alle anderen Geschlechter auch.

DEATH PROOF: Ein süßer Hauch von einem Nichts. 100 Minuten Frauen unterhalten sich, 5 Minuten splatter, 10 Minuten Superlativ-Autoverfolgungsjagd für das Archiv der Filmgeschichte, 5 Minuten Abspann, inklusive des absoluten Mega-Ohrwurms „Chick habit“ von April March, eine zeitgenössische, englischsprachige cover version von Serge Gainsbourgs „Laisse tomber les filles“, das er 1964 für France Gall schrieb: Ein Lied für die Ewigkeit, das locker mit denen auf dem soundtrack von PULP FICTION mithalten kann, am Ende eines Films, der dies leider nicht schafft, aber auch nicht will. Oh, sweet nuthin.


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