VALERIE

Valerie      (Deutschland, 2006)

Regie: Birgit Möller
Ruch: Ruth Rehmet, Ilja Haller, Milean Baisch, Elke Sudmann, Birgit Möller
Mit: Agata Buzek (Valerie), Devid Striesow (André), Birol Ünel (Jaro), Guntbert Warns (Isenberg), Anne Sarah Hartung (Isa), Sabine Vitua (Ellen), Jevgenij Sitochin (Viktor) u. a.
84 Minuten     (7 von 10 Punkten)

Valerie
(Bildrechte: Zauberland Film)

Synopsis: Berlin, Winter 2006. Im Alter von 29 Jahren muss Valerie erfahren, dass die Türen im Model-Business nicht mehr ganz so weit auf stehen. Fatalerweise hat sie weder das Geld für das Zimmer im Hyatt noch die paar Euro, um mit ihrem alten Jaguar aus der Tiefgarage des Hotels flüchten zu können. Der Mut, sich ihren wenigen Freunden zu offenbaren, fehlt ihr, und so schlägt sie sich einige Zeit mit kleinen Teilerfolgen durch. Als ihr immer häufiger nur noch das Auto als Schlafplatz bleibt, wird der vom Schicksal selbst gebeutelte Parkwächter André auf sie aufmerksam.

Kritik: Knapp zehn Tage lang verfolgen wir die vom Fashion-Himmel gefallene und hart auf dem frostkalten Berliner Großstadtboden aufgeschlagene Valerie, wie sie sich ohne einen Pfennig (heute muss man wohl „Cent“ sagen) Geld über Wasser hält. Dumm ist sie nicht, manches mit Dreistigkeit durchgeführte Manöver lässt schon an kriminelle Energie denken. Ihr langjähriges Kapital, sprich der sorgfältig bewahrte äußere Schein (Designer-Klamotten, Make-up, Frisur), gepaart mit abgestimmtem Vokabular, hilft ihr ein ums andere Mal, aus der Bredouille zu kommen. Einem Normalo – und wer könnte es besser beurteilen als wir – der nicht wie aus dem Ei gepellt durch die Tür schreitet, wird wohl kaum derart Nachsicht in der Welt zuteil werden.

Aber der Film ist kein Schelmenstück, zu schwach sind die Reserven und zu uneingeweiht die Verbündeten, als dass die junge Frau auf lange Sicht reüssieren kann. Auch der Model-Betrieb als glamouröser Aufhänger wird eher als Rahmenbedingung gehandelt denn als in der Kritik stehender Punkt. Die Person Valerie selbst bildet den Mittelpunkt, sie durchläuft einem schmerzlichen Prozess der Selbstfindung mit der bitteren Erkenntnis, dass „mein Leben im Arsch ist„. Nicht nur sinnbildlich lässt sie an einer Stelle im Treppenhaus die Maske fallen, die sie die ganze Zeit noch getragen hat. Noch einige Meter Film mehr, und auch die von Valerie bislang standhaft vermiedenen „Alternativen“ Diebstahl und Prostitution würden von ihr gebilligt worden sein.

Brigit Möllers Debütfilm, gefördert von der Kulturellen Filmförderung des Bundes, erscheint in der ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“, die schon manche Perle hervorgebracht hat. Ihm zu eigen sind die Authentizität der Drehorte und die Beschränkung auf filmhandwerkliche Kunst unter Verzicht auf aufwändige Studiobauten und digitale Unterstützung. Die Hauptperson bricht von ihrem erzwungenen Domizil in der Tiefgarage immer wieder zu neuen Orten auf, die Begegnungen sind zum Teil gewollt, teils zufällig. Sie enden mit Ernüchterung oder Hoffnung, sind gepaart mit unerwarteter menschlicher Wärme, aber auch mit Ablehnung und Erniedrigung. Zu kaum einem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck, dass zugunsten der Unterhaltung Extreme geschaffen werden, die Situationen sind durchaus vorstellbar, die Personen repräsentativ für den Kreis derer, die man um Valerie in ihrer Lage erwarten dürfte. Die Besetzung der Rollen dürfte ein wenig auf die Publikumserwartungen zugeschnitten sein, aber das lasse ich mir gerne gefallen. Über allem schwebt unnahbar schön und doch so fragil Agata Buzek, der man sowohl die Starallüren wie auch die später offenbarte Verletzlichkeit mit einem Stich im Herzen abnimmt. Allein die Szene, als sie wegen der nächtlichen Kälte in einem EC-Kartenraum Zuflucht sucht und an der Heizung zusammensackt. Hach!

Und so geleitet wohl vornehmlich die Männerwelt Valerie mit erbarmendem Herzen. Wir würden gerne an ein Weihnachtsmärchen glauben, in dem der vordergründig gestrenge Parkwächter unter seiner Uniform ein weiches Herz trägt und die unnahbar Schöne erkennt, dass eine biedere Reihenhauswohnung allemal besser ist als der Traum vom ewigen Glamour im Scheinwerferlicht. Diese banale wie zuckersüße Lösung, obschon suggeriert, wird nicht auf dem Silbertablett serviert. Als sich gegen Filmende die Realitäten wie eine Schlinge um Valeries Hals zuziehen und André wahrlich die letzte Hoffnung zu sein scheint, wandert die Gebeutelte dennoch alleine durch die kalten Straßen Berlins. Damit ist zwar der Schluss verraten, aber dem Genuss tut dies keinen Abbruch.


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