HOT FUZZ – ZWEI ABGEWICHSTE PROFIS

*** HOT FUZZ – ZWEI ABGEWICHSTE PROFIS / HOT FUZZ * Frankreich / Großbritannien 2007 * Musik: Jon Spencer & the Elegant Two, The Kinks, T. Rex, The Fratellis, Dire Straits, The Troggs, The Sweet, Supergrass, Adam Ant, XTC, u. a. * Drehbuch: Simon Pegg und Edgar Wright * Regie: Edgar Wright * Darsteller/-innen: Simon Pegg, Nick Frost, Jim Broadbent, Paddy Considine, Timothy Dalton, Bill Nighy, Rafe Spall, Anne Reid, Steve Coogan, Peter Jackson, Cate Blanchett, Edgar Wright, u. a. * 121 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Sergeant Nicholas Angel (Ko-Drehbuchautor Simon Pegg) ist Police Officer in London und so ziemlich der beste: Allein seine Verhaftungsquote liegt 400% über der seiner Kollegen, kein Monat vergeht für ihn ohne Auszeichnung, es gibt keinen Weiterbildungskurs an dem er nicht teilgenommen und seine Kollegen dabei zu Statisten degradiert hat, kurz: Angel ist sowas von einem vorbildlichen Polizisten, dass er bald untragbar wird. Zuerst für seine Freundin, weil er nur noch an seinen job denkt, und schließlich auch für seine Vorgesetzten und Kollegen, die ihn freundlich, aber bestimmt ausgerechnet in das gleichfalls vorbildliche Sandford abschieben – ein Kaff irgendwo im ländlichen England, das seit Jahren ebenfalls mit Auszeichnungen überhäuft wird. Und zwar in der Kategorie „Unser Dorf soll schöner werden …“

Kurz: Der knallharte cop mit dem himmlischen Namen findet sich bald in der verbrechensfreiesten Idylle Großbritanniens wieder: Ein paar Jugendliche, die sich im örtlichen pub betrinken und ein bisschen Trunkenheit am Steuer sind schon die Gipfel der kriminellen Energie Sandfords. Dumm nur, dass der überkorrekte super cop Angel auch vor solchen Kleinigkeiten seine Argusaugen nicht verschließen kann: In der Nacht vor seinem offiziellen Dienstantritt in der Mustergemeinde hat er nicht nur die gesamte jugendliche Bevölkerung Sandfords aus dem pub geschmissen, sondern auch seinen zukünftigen Kollegen bei der örtlichen Polizei, Police Constable Danny Butterman (Nick Frost), zugleich Sohn des Sandforder Police Inspectors (Jim Broadbent), wegen ein paar Promille zu viel in den Knast geschickt.

Angel merkt somit ziemlich bald, dass sein Elan, jede noch so kleine Ordnungswidrigkeit rücksichtslos zu ahnden, in Sandford fehl am Platze ist. Zeit genug also, ausgebrochenen Schwänen hinterherzujagen und sich seiner geliebten Zimmerpflanze, einer japanischen Friedenslilie (sic!) zu widmen … und sich auf ein Bierchen zuviel mit Kumpel Danny vor die Glotze zu setzen und amerikanische action-Filme anzusehen, von denen letzterer eindeutig schon zu viele gesehen hat … da beginnt eine merkwürdige Verkettung von seltsamen „Unfällen“ in Sandford.

Kritik: Das Konzept HOT FUZZ funktioniert ebenso wie bei SHAUN OF THE DEAD, der Zombie-Komödie, die das britische comedy-Duo Pegg & Wright weltberühmt machte: Man schreibe ein typisches genre-Stück, überspitze dessen Hauptmerkmale bis zur Parodie (besser noch: darüber hinaus) und versetze es ins kleinstädtisch-beschauliche England, filtere das Ganze durch dieser geographischen Landschaft implizit innewohnenden und explizit mit ihr konnotierten Humor, mache sich inzwischen ein Kännchen Kaffee, weil dieser Satz zwar einen Anfang, aber offenbar kein Ende hat und …

… fertig ist der postmodern gewitzte action-Klopper, bei dem Feuilletonist und van Damme-Fan zunächst noch peinlich voneinander berührt nebeneinander im Kino sitzen, um nach HOT FUZZ den nächsten pub anzusteuern, Brüderschaft zu trinken und beim x-ten Guinness zu erörtern, ob die Welt wirklich einen vierten Teil von STIRB LANGSAM und RAMBO braucht. (Brüderschaftliche Antwort: Erstens ja und zweitens nein.)

Diese Tarantino-eske Begeisterung für Filmzitate, die das Dreigestirn Frost, Pegg und Wright auch schon bei SHAUN OF THE DEAD an den Tag legte, wird in HOT FUZZ fast schon überstrapaziert: Alles beginnt mit der Topfpflanze (LÉON – DER PROFI), die Angel ebenso rührend pflegt wie Jean Reno die seinige im großen französischen Vorbild, eine ebenso tumbe wie brutale, eigentlich aber liebenswerte Figur, dem „Beißer“ aus den James Bond-Verfilmungen mit Roger Moore nicht unähnlich, wird ebenso eingeführt. Angel und Butterman ziehen sich auf DVD POINT BREAK / GEFÄHRLICHE BRANDUNG und BAD BOYS 2 rein, die Bösewichte kommen als unheimliche Kapuzenwesen, die man aus unzähligen Horrorfilmen kennt daher, und wenn man denkt, die Zitatwiese sei endlich abgegrast, reitet Sergeant Nicholas Angel mit diesem Namen auf einem Pferd mit einem Zahnstocher im Mundwinkel und mit einem Massenvernichtungswaffen-Arsenal bewaffnet, das nicht nur das des Irak übersteigt, zum finalen showdown nach Sandford ein. Mmh-mmh. Ja, das ist Clint Eastwood. Schön, dass wir das geklärt haben.

Dieser finale showdown geriert sich dann, als gelte es HEAT zu übertreffen. Über zwei Stunden ist HOT FUZZ lang, was anfangs nicht stört. Die Einführung der Figuren gelingt wunderbar, der clash of civilizations zwischen hartem Großstadt-cop und (vermeintlich) beschaulichem Landleben ist die Ursuppe von unzähligen Schenkelklopf-gags, Schnitt und Tempo sind so variabel wie genau ge-timed, der schleichende Übergang von britischer sitcom comedy zur Horror-Groteske ist ein Meisterstück in Sachen suspense, zumal die bald erfreulich zahlreichen Morde mit sichtbarer Lust am splatter-Effekt in Szene gesetzt werden. – Doch dann übertreiben es die Herren, was dem Film nicht gut zu Gesicht steht. Man wird das Gefühl nicht los, dass irgendwann ein Bruch im Drehbuch entstand, das Pegg und Wright einfach nur noch dadurch auszufüllen wussten, indem sie ein zwanzigminütiges action-Massaker von einem showdown inszenieren, das man leider schon allzu oft (und besser) gesehen hat: In HOT FUZZ werden leider eben auch die Klischees des genres action-Film zitiert.

Wie auch schon bei SHAUN OF THE DEAD geschehen, geht also auch dem zweiten, selbstverständlich dennoch liebenswert-amüsanten Werk von Pegg & Wright lange vor dem Abspann die Puste aus. Keine Ahnung, welch zitierwütige Schandtat sich die beiden als nächstes ausdenken werden, aber sie sollten sich dann nicht mehr darauf verlassen, ihr Kreativpotential nur in die gags zu stecken und sich den Rest des Films einfach als großes Vorbild-Zitat rüber ins ländliche England zu holen. Dieses Konzept hat jetzt zwar zweimal funktioniert, aber der Substanzverlust ist einfach unübersehbar.


About this entry