KEINE SORGE, MIR GEHT’S GUT

Keine Sorge, mir geht’s gut      (Je vais bien, ne t’en fais, F 2006)

Regie: Philippe Lioret
Buch: Philippe Lioret u. Olivier Adam, nach dem Roman von Olivier Adam
Mit: Mélanie Laurent (Elise „Lili“ Tellier), Kad Merad & Isabelle Renauld (Paul und Isabelle Tellier, Lilis Eltern), Julien Boisselier (Thomas), Aissa Maiga (Léa) u.a.
96 Minuten      (6 von 10 Punkten)

Synopsis: Frankreich, Gegenwart. Als die 19-jährige Lili aus dem Sommerurlaub in den heimischen Vorort von Paris zurückkehrt, erfährt sie, dass ihr Zwillingsbruder Loic im Zorn vom Elternhaus abgehauen ist. Telefonische Rückmeldungen erfolgen nicht, die Eltern hüllen sich über die Ursachen in Schweigen. Lili, die ihrem Bruder sehr nahe steht, verfällt in Depressionen, die einen zeitweiligen Klinikaufenthalt notwendig machen. Als dann Postkarten mit Loics Absender auftauchen, ergreift Lili die Initiative und macht sich selbst auf die Suche.

Kritik: „Ein Jahr im Leben der jungen Lili“, auch so hätte der Titel lauten können, erstreckt sich doch die Handlung über jenen Zeitraum vom Ende der Sommerferien bis zum Geburtstag des Vaters am 20. Juli des kommenden Jahres. In Dreimonatsschritten geht es voran, die Daten werden zur besseren Orientierung eingeblendet, das Publikum folgt dem Tun auf der Leinwand wie ein Spaziergänger, der auf seiner Stammstrecke die Nachbarn vor sich gehen sieht. Wie vom Wind getragen wehen die Gesprächsfetzen herüber: Der fadenscheinige Grund, warum Loic Hals über Kopf das Weite gesucht haben soll, die Magersucht, die Lili beinahe umbringt, ihr Auszug aus dem Elternhaus zum Jahresende, weil sie das Dach nicht mehr mit denjenigen teilen kann, die scheinbar tatenlos die Abwesenheit ihres Sohnes hinnehmen. Es liegt am Grad der Empathie des Betrachters, inwieweit er in dem Geschehen eine unterschwellige Spannung und Faszination erkennt oder alles als eine auf 90 Minuten ausgeweitete Darstellung von Gefühlsübertreibung sieht.

Emotionen, die vornehmlich durch die Hauptdarstellerin Mélanie Laurent (César als Frankreichs beste Nachwuchsdarstellerin 2006) transportiert werden. Vom Äußeren einer Eva Padberg nicht unähnlich, wache, blaue Augen, die die Welt mit mitfühlender Neugier betrachten, engelsgleich wandelt sie auf Erden und streitet mit schwachen Armen, aber entschlossenem Willen für eine Zielsetzung. Und das ist die Aufklärung des Verbleibs ihres Bruders. Über die besonders intensive und zum Teil unerklärbare Beziehung zwischen Zwillingen ist viel geschrieben worden, hier mag sie impliziert sein, ist aber nicht alleiniger Auslöser der Besorgnis. Lili ist einfach ein zu netter Mensch, als dass sie am Schicksal eines ihrer Nächsten keinen Anteil nimmt. Zum Glück ist sie auch nur von Gutmenschen umgeben, so dass ihr fragiler Kreuzzug nicht an zu großen Widerständen zerbrechen kann.

Wie eine solche widrige Realität aussehen kann, wird im ersten Drittel mit der Episode in der Psychiatrie kontrastreich dargeboten, als Lili und ihre Eltern mit einigen unbequemen Wahrheiten und Verhaltensregeln konfrontiert werden. Der Spannungsbogen erhält hier eine Höhe, die im weiteren Verlauf nicht mehr erreicht wird. Vielmehr fließt die Handlung mit einer Intensität dahin, die dem Jahreszeitenzyklus eines Eric Rohmer nicht unähnlich ist, unterbrochen gerade einmal von einem heftigen Tanz in der Silvesternacht und leidenschaftlichem Sex auf dem Zeltplatz. Jene Geschehnisse wirken wie Fremdkörper auf dem ikonenhaften Bild der Lili, die bis dahin ausgeglichen litt und kein Wässerchen trüben konnte. Und doch sind diese ersten Konturen an der bislang unberührten Schale untrügerische Zeichen des Wandels vom behüteten Teenager zur jungen Frau.

Das Rätsel um den verschwundenen Bruder ist vordergründiges Thema der Handlung, stellt aber eingefleischte Filmkenner nicht vor große Probleme und hätte von der suchenden Lili leicht selbst entschlüsselt werden können. Krimitechnisch fadenscheinig, aber im Grunde geht es doch um nichts mehr als Gefühle, die unprätentiös und zuweilen etwas langatmig dargeboten werden. Von Seiten der Kamera, des Schnittes oder der Musik wird dies wenig forciert, die Macher verlassen sich ganz auf die Überzeugungskraft ihrer Darsteller. Das Ensemble wirkt denn auch harmonisch zusammen, weil keiner dem anderen ein Solo stiehlt und letztlich auch das Publikum an jeder der fünf maßgeblichen Figuren keinen Makel finden kann. Ein Film wie ein Pastellgemälde, eine Rose ohne Dornen, eine feine Suppe mild gewürzt.


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