GOLDEN DOOR

Golden door      (Nuovomondo, I, F, D 2006)

Buch und Regie: Emanuele Crialese
Kamera: Agnès Godard. Musik: Antonio Castrigano
Mit: Charlotte Gainsbourg (Lucy), Vincenzo Amato (Salvatore Mancuso), Aurora Quattrocchi (Fortunata Mancuso), Francesco Casisa (Angelo Mancuso), Filippo Pupillo (Pietro Mancuso) u.a.
118 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Synopsis: Sizilien, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Familie Mancusa (Großmutter, Vater, zwei halbwüchsige Söhne) gibt ihre Existenz auf der Bauernparzelle auf und schifft sich für das verheißene Land Amerika ein. Während der wochenlangen entbehrungsreichen Überfahrt im Zwischendeck nähert sich ihnen Lucy Reed an, eine Frau aus besseren Verhältnissen, um mittels einer Scheinehe die Einreise zu schaffen. Denn die Einwanderungskontrollen im Auffanglager auf Ellis Island sind die eigentliche Hürde, die es zu überwinden gilt.

Kritik: Ein Stoff, aus dem Familiendramen, ja Epen gemacht sind. Mit ihm lassen sich in aller Unmissverständlichkeit die unerbittlichen Lebensbedingungen und Hoffnungen um 1900 in Süditalien beschreiben, die die Menschen in die neue Welt trieb, die viehähnliche Verfrachtung auf den Schiffen und last but not least die Begutachtung und Selektion durch die Einwanderungsbehörden auf der kleinen Insel, nur wenige Seemeilen von der Freiheitsstatue entfernt. Jene Dreiteilung findet sich auch in GOLDEN DOOR wieder, der sich der Thematik annimmt, alle relevanten Aspekte in den zur Verfügung stehenden 118 Filmminuten einwebt und doch weit entfernt von brachialer zeitkritischer Dokumentation ist.

Autor und Regisseur Emanuele Crialese zieht es vor, den Weg der Familie Mancusa von Sizilien nach New York in sorgsam komponierte, bisweilen schwelgerisch ausgestattete Bilder zu betten. Wegen ihrer wird man den Film überwiegend in Erinnerung behalten. Hier zaubern er und sein Team Stillleben von der landschaftlichen Kargheit Siziliens und des persönlichem Entbehrungsreichtum auf die Leinwand, dann wieder sind es die Massenszenen an Bord eines namenlosen Schiffes mit gesichtsloser Besatzung, die die Beliebigkeit der Einzelschicksale auf eine Hoffung und auf ein Ziel konzentrieren. Dumpfes Ausharren auf die verheißungsvollen und doch unbekannten Dinge, die auf jeden einzelnen warten. Ab und an sind jene schönen Bilder einer gewiss nicht angenehmen Überfahrt nicht genug: Magische Visionen geben den Träumen der Menschen zusätzlichen Ausdruck. Crialese bedient sich zudem einer Erzähltechnik, die ganz auf Tempo und schnelle Filmschnitte verzichtet und dem Betrachter viel Zeit für die große Leinwand einräumt. Selbst ein Sturm auf See wird als skurril-langsamer Tanz unter Deck zelebriert und vermengt die Akteure zu einem verschlungenen Menschenteppich.

Aber auch die Familie Mancuso als Repräsentanten der 3,75 Millionen Italiener, die zwischen 1892 und 1914 in die USA einwanderten, tut ihr übriges, um den Film mit Substanz zu füllen. Dabei greift Crialese mit Vincenzo Amato, Franceso Carisa und Filippo Pucillo auf drei Getreue zurück, die schon bei seinem Erstling LAMPEDUSA (ital.: RESPIRO, 2002) dabei waren. Sie spielen nicht jene Sizilianer, die als Corleones oder dergleichen den Grundstein einer zweifelhaften Karriere machen werden, sondern arme, ungebildete, vielleicht naive, aber von Träumen von einer besseren Zukunft beseelte Menschen, die sich das Mitgefühl des Publikums mit jeder Filmminute verdienen.
Charlotte Gainsbourg sticht auf dem Plakat ebenso heraus wie dann im Film selbst als noble Lucy in der dritten Passagierklasse. Hier existiert eine Rolle, die zwar zur Grundthematik nichts Wesentliches beiträgt, aber zweifellos ein Hingucker ist und einen international bekannten Namen mitbringt.

Kulminationspunkt sind das letzte Drittel und die Kontrollformalitäten auf Ellis Island, die in Deutschland angesichts der Nazi-Vergangenheit und überhaupt durch die neuerlich wieder verschärften Einreisebestimmungen der USA von einiger Brisanz sind. Wiederum hält GOLDEN DOOR seine Linie bei und bereitet die verbürgten Fakten mit seiner eigenen visuellen Interpretation auf. Kritik mag verhalten in Bild und explizit in Salvatores Plädoyer ausgedrückt werden, ist aber nicht Augenmerk des grundsätzlich beschreibenden Films. Und die Realisierung dessen, was das gelobte Land in Wahrheit für jene Eingelassenen bereithielt, ist vielleicht Stoff für eine Fortsetzung.


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