LITTLE CHILDREN

Little Children      (USA 2006)

Regie: Todd Field
Buch: Todd Field & Tom Perrotta. Based on the novel by Tom Perrotta
Mit: Kate Winslet (Sarah Pierce), Patrick Wilson (Brad Adamson), Jackie Earle Haley (Ronnie J. McGorvey), Noah Emmerich (Larry Hedges), Phyllis Somerville (May McGorvey), Jennifer Connelly (Kathy Adamson), Gregg Edelman (Richard Pierce), Jane Adams (Sheila) u.a.
136 Minuten      (8 von 10 Punkten)

Synopsis: In einer schmucken Vorstadtsiedlung irgendwo in Massachusetts trifft die junge Mutter Sarah auf dem Spielplatz auf den erziehenden Hausmann Brad. Obwohl beide verheiratet sind, beginnen sie eine Affäre, nicht zuletzt, weil in den jeweiligen Ehen die Gefühle des Partners durch Beruf und Gewohnheit erkaltet sind. Parallel dazu sieht sich der wegen Exhibitionismus gegenüber Minderjährigen vorbestrafte Ronnie Anfeindungen von Seiten der auf Moral und Sauberkeit bedachten Umgebung gegenüber, ein Klima, das besonders vom Ex-Polizisten Larry geschürt wird.

Kritik: Hinter den pittoresken Vorstadtgärten und Fassaden und in den aufgeräumten Stuben der Eigenheime tun sich die Schattenseiten bürgerlicher Existenz auf. Und die Frage, die sich für jeden stellt, der noch einen Funken Lebenswillen in sich spürt, lautet: Wie viel will ich wagen, um aus der schal gewordenen Einheitlichkeit auszubrechen? Die einen gelangen mittels bewusster Entscheidung zurück zur Freiheit, Brad und Sarah hingegen geben sich der Gunst des Augenblicks hin und denken hinterher über die Konsequenzen nach.

Diese Liebesgeschichte beherrscht den Film bis weit in die zweite Hälfte hinein. An ihre Entstehung und Vertiefung knüpft Regisseur Todd Field eine markante, bisweilen überzeichnete, aber besonders zu Beginn äußerst amüsante Beschreibung der kleinbürgerlichen (US-amerikanischen) Moralvorstellungen und unterdrückten Begierden. Bis zu dem Punkt, als aus der gegenseitigen Liebelei eine handfeste Affäre wird, läuft die Story wie auf Schienen, trägt gar Anklänge einer Komödie in sich. Die Leichtigkeit endet jäh, als Sarah sich im Lesekreis die Interpretation von Flauberts „Madame Bovary“ annimmt und sich der Parallelität zu ihrem eigenen Leben bewusst wird. Der Gedanke, das Scheitern in Kauf zu nehmen, nur um für Augenblicke das Leben zu kosten, beherrscht ihr Handeln und macht sie in den Augen des Zuschauers umso mehr zur tragischen Heldin. Brad, der eigentlich nie den Kinderschuhen entwachsen ist, bleibt auf die Rolle des zögerlichen Spielplatz-Platzhirsches beschränkt.

Aber der Blick auf die unmoralische Liebesbeziehung ist nur eine Säule, auf dem die Herren Todd Field und Tom Perrotta ihre Kritik bauen. Die Themen Vorurteile und Diskriminierung richten sich auch auf weitere Andere, hier in Person des Pädophilen Ronnie. Zunächst wirken die Aktionen gegen ihn, ohne dass er sichtbar ins Bild kommt, wie ein Fremdkörper in der Geschichte von Sarah und Brad, und zwischen den beiden Handlungssträngen gibt es auch kaum Berührungspunkte. Aber die konkreter werdende Zweigleisigkeit wird zum Glücksfall für den ganzen Film, denn mit Zunahme der Bedeutung (und auch zeitlichen Aufwertung) der Szenen um Ronnie werden die Schwächen ausgeglichen, die dem Fortgang der Affäre um Sarah und Brad nicht abzusprechen sind.

Ein pures Ehedrama soll LITTLE CHILDREN also nicht sein, und als die gesellschaftspolitischen Aspekte des „Fehlverhaltens“ zur Genüge dargestellt sind, verschiebt sich der Schwerpunkt auf die Person des Vorbestraften, dessen Wiederaufnahme in die Gemeinschaft das Gesetz zwar vorsieht, den aber keiner in seiner Mitte haben will. Jener Ronnie J. McGorvey wird beileibe nicht verharmlost, Jackie Earle Haley verkörpert optisch und schauspielerisch eindringlich einen Mann, dem der Dämon Pädophilie innewohnt. Von der anfänglichen Funktion als Nebenhandlung wird er zum tragenden und emotional ergreifenden Part der zweiten Filmhälfte. Schon allein der erste Auftritt im Freibad macht in augenscheinlicher und bestürzender Weise deutlich, welches Spießrutenlaufen demjenigen blüht, der nicht so wie alle anderen ist.

Spannung ist über den ganzen Film hinweg gegeben, beginnend noch mit leichter Komik über die Zustände, die da in Sauberdorf herrschen, dann aber tritt zunehmend ein willkommenes Unwohlsein ein, wenn die Hauptakteure den Pfad des Erlaubten verlassen. Ganz auf die Wirkung der Bilder verlässt sich Todd Field nicht, sondern er bedient sich wie bei der ähnlich gelagerten Milieustudie AMERICAN BEAUTY (1999) eines Erzählers, der – mal mehr, mal weniger – Einsicht in die Gedankenwelt der Akteure gewährt. Obgleich die Macher dem Vorwurf Tür und Tor öffnen, sie wagten nicht, dem Zuschauer die Interpretation des Films ganz zu überlassen. Allgemein disharmonisch angesichts des ansonsten konventionellen Handlungsformates sind hingegen die gelegentlichen Zeitraffer-Aufnahmen und eingeschobenen Filmschnipsel, deren Effekt haschende Wirkung zwar ankommt, aber als Fremdkörper empfunden werden, weil die Story auch ohne sie gut läuft.

Bei aller Kritik am kleinbürgerlichen Geist können Field und Perrotta allen Hauptpersonen dann im Finale doch etwas Positives abgewinnen, selbst beim Vorzeigefiesling Larry kommen menschliche Züge durch. Somit gerät das Ende etwas zu versöhnlich (theatralisch?). Den Abtrünnigen winkt nicht ein Bovarysches Schicksal, sondern gnädigerweise „nur“ der Rückfall in den biederen Vorstadt-Mikrokosmos.


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