FULL METAL VILLAGE

*** FULL METAL VILLAGE * Deutschland 2006 * Musik: Peyman Yazdanian, Black Sabbath, Judas Priest, Kreator, Ensiferum, u. a. * Kamera: Marcus Winterbauer * Drehbuch und Regie: Sung-Hyung Cho * Darsteller/-innen: Multibauer Uwe Trede, Lore Trede, Milchbauer Klaus H. Plähn, Irma Schaack, Eva Waldow, Ann-Kathrin Schaack, Malena Schaack, Norbert Venohr, Birte Venohr, Henning Halver, Katzen, Hunde, Kühe, sowie die Einwohner von Wacken und der Nachbargemeinden und zirka 50.000 Metalheadz aus aller Welt * [teilw. plattdt. OmU] * 90 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Full Metal Village
(Bildrechte: Flying Moon Filmproduktion)

„People of Wacken – are you ready to kill?“ (Kreator)

„So macht Landwirtschaft Spaß!“ (Milchbauer Klaus H. Plähn)

„Duschen ist kein Heavy Metal!“ (inoffizielles Motto des W:O:A)

Synopsis: FULL METAL VILLAGE ist ein preisgekrönter Dokumentarfilm über das kleine Schleswig-Holsteinische Dorf Wacken (1865 Einwohner), das alljährlich zum Mekka aller Metalheadz dieses Planeten mutiert: Das 1990 ins Leben gerufene und inzwischen drei Tage dauernde „Wacken Open Air“ (W:O:A) gilt als das größte Heavy Metal-Festival der Welt (62.500 Zuschauer im Jahre 2006!).

Kritik: Ein Dokumentarfilm wird gezeigt. Das Kino ist ausverkauft. Überall ploppen Bierflaschen. Schon beim Vorspann bricht man dankbar in wieherndes Gelächter aus, das im Grunde genommen 90 Minuten lang anhält, Atemnotsanfälle inklusive. Zwischendurch Tränen der Rührung. Am Ende donnernder Applaus. – Das Phänomen hat einen Namen: FULL METAL VILLAGE. Ja, man könnte sagen, man hat auf einen Film wie diesen gewartet.

Einen Heimatfilm, in erster Linie. Das ist ja gerade das Erstaunliche. Eine südkoreanische Regisseurin mit sichtlicher Neugier auf Menschen und scheinbar unvereinbare Gegensätze, kommt in den Jahren 2005 und 2006 in das Örtchen Wacken in Schleswig-Holstein, Schauplatz des weltgrößten Heavy Metal-Festivals und macht einige der Einwohner zu den Protagonisten ihres zurecht als erster Dokumentarfilm überhaupt mit dem „Max Ophüls Preis“ ausgezeichneten Erstlingswerkes.

Im Fokus steht dabei Multibauer Uwe Trede, der nicht nur seinen Acker dafür zur Verfügung stellt, von über 100.000 Füßen alljährlich zu Gülle verarbeitet zu werden, sondern auch Cheforganisator der „stewards“ genannten freiwilligen Helfer aus Wacken und Umgebung ist, die maßgeblich dazu beitragen, dass das Mammutprojekt namens W:O:A reibungslos über die Bühne geht. Mit sichtlichem Genuss an der eigenen Inszenierung nimmt Kettenraucher Trede („Tjoa, da muttu früh aufstehen, wenn du drei Päckchen am Tach wech qualmst!“) Regisseurin und Zuschauer an der Hand und führt zusammen, was überhaupt nicht zusammen passen kann:

Tiefgläubige Flüchtlinge aus Ostpreußen, mexikanische Metalheads, eine Modelkarriere anstrebende Provinzschönheiten, den Dorfpfarrer, schlammcatchende Festivalbesucher, die Kaffeekränzchen-Schwestern Evchen und Irmchen („Diese Metallmusik … Unser Fall is’ das ja nun gar nich’, ne?“) … nicht zu vergessen die Blasmusikkapelle der Freiwilligen Feuerwehr Wacken, die wohl die einzige ihrer Art sein dürfte, die vor Tausenden bis zum Genickstarrkrampf headbangenden Heavy Metal-Fans deutsche Heimatweisen zum Besten geben darf.

Aus solchen plakativen Szenen, die man einfach gesehen haben muss, um sie auch nur annähernd glauben zu können, zieht FULL METAL VILLAGE in erster Linie sein hochkomisches Potential. Aber – und das ist Regisseurin Sung-Hyung Cho hoch anzurechnen – er verlässt sich nicht allein darauf.

Wirkliche Meisterschaft erlangt FMV nämlich in den ruhigen Sequenzen, bei denen einfach nur Stilleben des Örtchens Wacken gezeigt werden, beziehungsweise in den Interviewausschnitten mit den Protagonisten/-innen, bei denen Chos ernsthaftes Interesse an den Menschen, ihrer persönlichen Geschichte, ihren Gefühlen, Leidenschaften und Problemen deutlich wird. Diesbezüglich herausragend ist Chos „Interviewbeziehung“ mit dem unverwüstlichen (und gleichfalls Kette rauchenden) norddeutschen Original Klaus H. Plähn (Milchbauer), dem heimlichen Star des Films, in den man sich während der viel zu kurzen 90 Minuten rettungslos verliebt: Was Plähn hier an hinreißender Situationskomik, staubtrockenen Sprüchen und schelmischen Gesichtsausdrücken abliefert, ist formvollendeter Humor in bester Tradition des frühen Detlev Buck (WIR KÖNNEN AUCH ANDERS). Diese unfassbar komischen Sequenzen werden nur noch getoppt von seiner in knappen Worten formulierten Liebeserklärung an seine Frau: Natürlich gehört diesem ungeheuer anrührenden Rentnerehepaar die Schlussszene des Films.

Diese dörfliche Idylle, von der Cho auch die Schattenseiten offenbart, wird im Film immer wieder von den Vorboten des Festivals unterbrochen, angenehm subtil und quasi im filmischen Unterbewusstsein verbleibend wird somit gekonnt ein Spannungsbogen gehalten … der, und das ist die einzig wirkliche Schwäche von FMV … am Ende leider zerbricht.

80 Minuten lang ist FMV ein Musterbeispiel für einen gelungenen Dokumentarfilm, dem schier Unmögliches gelingt: Nämlich zeitgleich im besten Sinne informativ und brüllend komisch und zärtlich gegenüber den zu Wort kommenden Menschen zu sein. – Doch dann strömen die ersten Metalheadz nach Wacken und der zuvor so meisterhaft durchkomponierte flow der Erzählung kommt ins Stocken. Man spürt geradezu, wie das kleine Filmteam um Cho plötzlich der Reizüberflutung erliegt, angesichts von zirka 50.000 ins Dorf einfallenden Schwermetallern. Das sorgt kurzzeitig zwar für die komischsten Stellen des Films, doch die Bilder des eigentlichen Festivals im Anschluss können mit dem zuvor Gezeigten einfach nicht mithalten.

Den Mythos W:O:A kann auch Cho nicht einfangen, zumal sie sich aus rechtlichen Gründen mit kurzen Konzertausschnitten der eher unbekannten finnischen band Ensiferum und dem deutschen Metal-Urgestein Kreator begnügen musste. (Die Aufnahmen stammen aus dem Jahre 2005.) Die kargen Festival-Impressionen wirken zudem wenig inspiriert und sind irgendwann einfach nur noch redundant, vielleicht hat man all dies aber auch schon zu oft gesehen: Ein Meer aus Zelten, das übliche Scheißwetter, das daraus resultierende Schlammcatchen und die gelinde gesagt „besorgniserregenden“ hygienischen Umstände, die crowd surfer, die headbanger, … hier ist FMV eher „Rockpalast“, was nicht böse gemeint ist, aber angesichts des Wunders, dass FMV beinahe bis zum Schluss nun einmal darstellt, ist das schon recht enttäuschend.

Was bleibt, ist dennoch ein mit ziemlicher Sicherheit Kultstatus erringendes Werk, das ohne zu romantisieren, zärtlich und liebevoll ein Stück (nord-)deutsche Realität abbildet, die reichlich surreal daher kommt. Zugleich ist FULL METAL VILLAGE ein mächtiges Plädoyer für echtes Interesse am Mitmenschen, Humanismus galore!


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