DAS LEBEN DER ANDEREN

Das Leben der Anderen      (D 2006)

Buch und Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Mit: Martina Gedeck (Christa-Maria Sieland), Ulrich Mühe (Hauptmann Gerd Wiesler), Sebastian Koch (Georg Dreyman), Ulrich Tukur (Oberstleutnant Anton Grubitz), Thomas Thieme (Minister Bruno Hempf), Hans-Uwe Bauer (Paul Hauser), Volkmar Kleinert (Albert Jerska), Matthias Brenner (Karl Wallner), Charly Hübner (Udo), Herbert Knaup (Gregor Hessenstein) u.a.
137 Minuten      (9 von 10 Punkten)

Das Leben der Anderen
(Bildrechte: Buena Vista)

Synopsis: Ostberlin, 1984: Ohne vorliegende Verdachtsmomente soll der bekannte Theaterautor Georg Dreymann in seiner Wohnung observiert werden. Ein Spezialist, Stasi-Haupmann Wiesler, leitet die Operation und nimmt unbemerkt minutiös das Leben von Dreymann und seiner Freundin Christa-Maria Sieland in seinen Berichten, aber auch in sich selbst auf. Während sich der Schriftsteller angesichts von Repressalien im Freundeskreis doch zur Veröffentlichung eines regimekritischen Artikels im SPIEGEL entschließt, wachsen bei Wiesler die Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns.

Kritik: Endlich ein Film über die DDR-Vergangenheit, der mit Tiefe und Zugkraft und ohne das häufig für unverzichtbar geltende Übermaß an Humor zu überzeugen weiß.

Eine ganz große Leistung von DAS LEBEN DER ANDEREN liegt darin, mittels bzw. anhand einer Person zu Beginn des Filmes mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen, und 120 Minuten später stiegen mir wegen ihr vor Anteilnahme und Rührung die Tränen in die Augen. Eine Wandlung um 180 Grad, die ich nicht für möglich gehalten hätte angesichts der unbarmherzig und meisterlich in Theorie und Praxis demonstrierten Verhör- und Observationstechniken des von der Pflicht überzeugten Stasihauptmanns Wiesler. Dessen Gesichtsausdruck sich in den ca. 10 Jahren Berichtszeit nur Nuancen-gering wandelt und doch beide Extreme – beherrschte Gefühlskälte und abgrundtiefe Tragik – in sich trägt. Hannibal Lecter meets Kaurismäki.

Wiesler repräsentiert eher noch als der opportunistische Oberstleutnant Grubitz oder der notgeile Minister Hempf die Essenz des DDR-Regimes, welches nur deshalb funktionierte, weil die es bewegenden Zahnräder so nahtlos und effektiv ineinander griffen, gefettet mit Indoktrination, Einschüchterungen und Angst. Im ersten Drittel des Films ist Wiesler par excellence einer jener bedingungslos staatstragenden Erfüllungsgehilfen.

Vom kalten, funktionierenden Apparat – auch bildlich ausgedrückt, durch Uniformen, kahlen Verhörräumen, Wieslers Wohnung, die trüben Straßen Ostberlins bei Tag und bei Nacht – wechselt DAS LEBEN DER ANDEREN dann zwischen ihr und der Welt der Künstler und Intellektuellen“ in Person Georg Dreymanns und seinem Kreis hin und her. Nicht, um hier auf die Heroen im Kampf gegen das Regime zu treffen – jener Platitüden ist der Film erhaben – sondern um im konkreten Fall die Willkürlichkeit und ihrer fatalen Folgen der Bespitzelungen zu demonstrieren: Eine Fallstudie der DDR-Wirklichkeit zu Beginn der 80er Jahre. Zudem wird die Bereicherung an individuellem Leben angedeutet, wenn jenes in Freiheit und ohne Oppression geführt werden darf. Ein Aspekt, den auch Wiesler in seinem versteckten Observationsstandort zunehmend erfährt.

An den schauspielerischen Leistungen gibt es durchgängig nichts zu bemängeln, dankbar verleihen sie dem vielschichtigen und variantenreichen Drehbuch Gestalt und Stimme. Jenes verbindet politischen Realismus mit sozialer und individueller Tragik und zieht das Publikum von der ersten Verhörszene bis zum Herz zerreißenden Finale in seinen Bann. Wobei die Hinführung zum Ende ein weiterer bemerkenswerter Zug ist. Während es anderen Filmen / Regisseuren zuweilen nicht vergönnt ist, ein befriedigendes Finale zu finden, vermag Henckel von Donnersmarck gleich deren drei – und in einander noch übertreffender Qualität – auf die Leinwand zu zaubern. Dieser Luxus ist Glücksfall und Raffinesse zugleich: Wie sonst würde die Bedeutung der Botschaften, die sich im roten Fingerabdruck oder in der „Sonate vom Guten Menschen“ verbergen (um nur zwei zu nennen), zu übermitteln sein? Und sie entfalten ihre Wirkung zur Rekapitulation des gesamten Films noch weit über das Verlassen des Kinos hinaus.


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