LAST RADIO SHOW

*** LAST RADIO SHOW / ROBERT ALTMAN’S LAST RADIO SHOW / A PRAIRIE HOME COMPANION * USA 2006 * Musik: Meryl Streep, Lily Tomlin, Woody Harrelson, Garrison Keillor, Kevin Kline, Lindsay Lohan, John C. Reilly, L.Q. Jones, Jearlyn Steele, Robin Williams, Linda Williams, Prudence Johnson, u. a. * Drehbuch: Garrison Keillor, nach einer Geschichte von Garrison Keillor und Ken LaZebnik, basierend auf der Radiosendung A PRAIRIE HOME COMPANION von Garrison Keillor * Regie: Robert Altman * Darsteller/-innen: Woody Harrelson, Tommy Lee Jones, Garrison Keillor, Kevin Kline, Lindsay Lohan, Virginia Madsen, John C. Reilly, Maya Rudolph, Meryl Streep, Lily Tomlin, Marylouise Burke, L.Q. Jones, u. a. * [OmU] * 105 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Last Radio Show
(Bildrechte: Kool Filmdistribution)

„The death of an old man is not a tragedy. Forgive him his shortcomings, and thank him for all his love and care.“ (Dangerous Woman)

„When God created woman / He gave her not two breasts but three / When the middle one got in the way / God performed surgery. / Woman stood before God / With the middle breast in hand / Said, ‚What do we do with the useless boob?‘ / And God created man.“ (Dusty)

Synopsis: St. Paul, Minnesota, USA. Für die legendäre Radiosendung A PRAIRIE HOME COMPANION, welche seit über 30 Jahren allwöchentlich aus dem Fitzgerald Theater live übertragen wird, scheint das letzte Stündlein geschlagen zu haben: Ein reicher Investor aus Texas (Tommy Lee Jones als Karikatur von Na-wem-wohl?) will das traditionsreiche Theater niederreißen und an seiner Statt einen Parkplatz errichten lassen.

Doch Moderator GK (spielt sich selbst: Garrison Keillor) und seine quicklebendigen radio allstars, die country-Legende Johnson Sisters (Meryl Streep und Lily Tomlin) samt widerspenstigem Nachwuchs (Lindsay Lohan), soul queen Jearlyn Steele, die unflätigen cowboys Dusty und Lefty (Woody Harrelson und John C. Reilly) und viele andere mehr, machen einfach mit ihrer show weiter … weder können, noch wollen sie sich und ihrem treuen Publikum eingestehen, dass der Vorhang nach eben dieser Vorstellung zum letzten Mal fallen wird.

Dennoch reiht sich ein düsteres Omen ans nächste: Der texanische Vollstrecker ist auf dem Weg zum Theater, backstage liegt ein toter Mann und ein mysteriöser Todesengel (Virginia Madsen), der sich auch nicht von der security in Form von ex-Privatdetektiv Guy Noir (Kevin Kline) aufhalten lässt, ist auf der Suche nach weiteren Opfern … Und er wird fündig werden …

Kritik: All diejenigen, die wie ich völlig verzaubert aus Robert Altmans definitiv letztem Film kamen und noch kommen werden, seien beruhigt: Die Radioshow A PRAIRIE HOME COMPANION gibt es a) wirklich und wird b) – zumindest solange Garrison Keillor nicht dasselbe Schicksal ereilt wie kürzlich seinen Regisseur – weiter bestehen.

Ein Glücksfall, selbst für uns folks overseas. Denn dank eines altersmilden, wenn nicht gar reichlich sentimentalen Robert Altman, darf man nun selbst „Radio, wie Sie es noch nie gesehen haben!“ (Presseinfo) auf der Kinoleinwand erfahren, was zumindest in der Originalfassung dazu führt, dass man vor allem seinen Ohren nicht traut:

Da singen sich Kevin Kline (in seiner Rolle als Guy Noir, einem Detektiv aus Garrison Keillors im Laufe der Jahrzehnte für APHC geschaffenen Figurenkosmos), Meryl Streep und Lily Tomlin als die real existierenden Johnson Sisters Yolanda und Rhonda und ausgerechnet Hollywood-Skandal-Dummerchen Lindsay Lohan als Yolandas aufmüpfige Tochter Lola die Seele aus dem Leib … Woody Harrelson und John C. Reilly als cowboy-Duo Dusty’n’Lefty dürfen (s. o.) die elegantest-versautesten Witze ever vortragen … L.Q. Jones und Marylouise Burke (Miles Mutter aus SIDEWAYS) geben eine sehr plastische Vorstellung zum Thema „Sex im todesnahen Alter“ ab … und Garrison Keillor, der Erfinder der show, Drehbuchautor und Hauptdarsteller macht das, was er immer tut … zwei Stunden lang die Zuhörer an den Radiogeräten daheim und seine Gäste im Auditorium bestens zu unterhalten.

Wie Keillor das macht, das hat Stil und Klasse, unerhörten Wortwitz und staubtrockenen Humor inklusive, wobei Keillor keine Miene verzieht. Allein seine Werbeansagen für die „Sponsoren“ von APHC, wie beispielsweise der längst auch östlich des Mississippi bekannte „Be-Bop-A-Re-Bop Rhubarb Pie“ und sein spin-off, das „Be-Bop-A-Re-Bop Frozen Rhubarb Pie Filling“ dürften zum Komischsten gehören, was man dieses Jahr im Kino auf die Ohren bekommen wird. Word!

Es ist dann auch völlig konsequent von Altman, Garrison Keillor zum eigentlichen Star seiner wie üblich als ensemble movie daherkommenden Tragikomödie zu machen, der sich und seiner selbstverständlich kultisch verehrten Sendung hiermit quasi selbst ein Denkmal gesetzt hat, wobei weder Keillor noch Altman vergessen haben, dass sowohl an ihnen, als auch an dieser unerhört-liebenswert antiquierten Form von Radio unweigerlich der Zahn der Zeit nagt.

So ist APHC auch ein Film, bei dem, all seiner (bisweilen frivolen) Leichtigkeit zum Trotz, der Tod allgegenwärtig ist … nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera: Denn während der Dreharbeiten hielt sich Paul Thomas Anderson (BOOGIE NIGHTS, MAGNOLIA) stets bereit, um eventuell für Altman einzuspringen, falls dieser es sich anders überlegen und schon während der Dreharbeiten das Zeitliche segnen sollte.

Den Gefallen tat Altman, Profi der er nunmal war, Anderson bekanntlich nicht, dennoch wird der Altman-connaisseur seine sonstige Schärfe und Bissigkeit vermissen: APHC ist sentimental, altersmilde, und an einigen Stellen wird es gar ein wenig zu rührselig; Szenen, die eine jüngere Ausgabe von Altman sicherlich mit reichlich Sarkasmus gewürzt hätte, drücken nun leicht aber beständig auf die Tränendrüse, wobei der gottgleiche Finger des Altmeisters dort eigentlich den ganzen Film über verharrt, weiß man doch bald nicht mehr, ob man nun Tränen der Freude oder der Trauer vergießt.

Altman und Keillor haben mir mit APHC eine völlig neue, im Grunde aber immer dagewesene USA jenseits von George W. Bush und Michael Moore offenbart – ein kulturell traditionsbewusst-konservatives und politisch trotzdem liberales ländliches Amerika, das angesichts einer fortschreitenden Kapitalisierung sämtlicher Lebensbereiche im Niedergang begriffen ist, aber trotzig und mit ungebrochenem Frohsinn liebenswerte Wellen über den Äther schickt, die man dank des Internets auch hierzulande empfangen kann (s. u.).

Und das ist allein schon wegen Garrison Keillor, dieser Mischung aus Hans-Joachim Kulenkampff, Hanns Dieter Hüsch und Klaus Fiehe ein wahrer Segen. Seine wunderbaren Lügengeschichten „News from Lake Wobegon“, fester Bestandteil der PRAIRIE HOME COMPANION-show, werden mich von nun ab für immer begleiten. Als podcast. Das ist nicht gerade romantisch, aber !hey!, was soll’s?

Danke an zwei große alte Herren des us-amerikanischen showbiz für den sicherlich nicht besten, dafür aber bislang liebenswertesten, schönsten, anrührendsten, konkret: menschlichsten Film des Jahres 2007!

::: Links :::

http://prairiehome.publicradio.org (Offizielle homepage von APHC / jeden Samstag um 23.00 Uhr (Winterzeit), beziehungsweise jeden Sonntag exakt um Mitternacht (Sommerzeit) gibt es hier die zweistündige Live-Sendung als stream! / wer selbst am Wochenende früh ins Bett muss, hat hier die Möglichkeit, sich ältere Sendungen in voller Länge reinzuziehen: http://prairiehome.publicradio.org/programs/)
http://en.wikipedia.org/wiki/Prairie_Home_Companion (Wikipedia-Eintrag zu APHC)
http://prairiehome.publicradio.org/about/podcast (Podcasts von Garrison Keillors Radio-Kolumne „News from Lake Wobegon“, sowie seiner „National Public Radio“-Literatursendung „The Writer’s Almanac“ (feuchte Höschen bei Deutschlandfunk-Hörern sind garantiert!))


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