THE SADDEST MUSIC IN THE WORLD

*** THE SADDEST MUSIC IN THE WORLD * Kanada 2003 * Executive producer: Atom Egoyan * Musik: Christopher Dedrick * Kamera: Luc Montpellier, Guy Maddin, und die Darsteller/-innen * Drehbuch: Guy Maddin und George Toles, nach dem Original-Drehbuch von Kazuo Ishiguro * Regie: Guy Maddin * Darsteller/-innen: Marc McKinney, Isabella Rossellini, Maria de Medeiros, David Fox, Ross McMillan, Claude Dorge, Talia Pura, Darcy Fehr, u. a. * [teilw. s/w] * [OmU] * 99 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

The Saddest Music in the World
(Bildrechte: Weltecho Filmverleih)

„Das perlt aber heute wieder!“ (Dittsche)

„If you’re sad and like beer, I’m your lady!“ (Helen Port-Huntley)

Synopsis: Das Jahr 1933 war nicht nur für Deutschland aus bekannten Gründen ein trauriges. Auch die Weltwirtschaft befand sich in der schlimmsten Krise der Menschheitsgeschichte und in den USA durfte man den Kummer darüber noch nicht einmal in Alkohol ertränken … denn was reimt sich besser auf „Depression“ als „Prohibition“? Eben. Nix.

Zur traurigsten Stadt der Welt wird dennoch das dank Bier-Baronin Lady Helen Port-Huntley (Isabella Rossellini) und ihrer „Muskeg Beer“-Brauerei in Alkohol im wahrsten Sinne des Wortes schwimmende Winnipeg in Kanada gewählt, was die lieber in Champagner badende, stinkreiche und nach einem tragischen „Unfall“ beinamputierte Diva auf die etwas unkonventionelle Idee bringt, einen Wettbewerb auszurichten, zu dem die traurigsten Musiker des Planeten mit der traurigsten Musik der Welt im Handgepäck anreisen sollen – dem Gewinner winken 25.000 kanadische „depression era dollars“ … und natürlich die Huldigungen eines Sturzbäche an Tränen vergießen werdenden, bierseligen Publikums …

Aus dem Radio erfahren die traurigsten Musiker der Welt von Lady Port-Huntleys Aufruf und treffen bald in Winnipeg ein … Neben am Boden zerstörten Mariachis aus Mexiko, vor Gram gebeugten siamesischen Flötenspielern, todessehnsüchtigen Dudelsackpfeifern aus Schottland und manisch-depressiven Flamenco-Tänzerinnen aus Spanien reist auch der berühmt-berüchtigte traurigste Cellist der Welt, Gavrilo der Große (Ross McMillan) aus Serbien an.

Doch Gavrilo heißt eigentlich Roderick Kent, ist gebürtiger Kanadier und nur deshalb Serbe geworden, weil ihm das Land, dessen Gavrilo Princip mit seinen Schüssen auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo den ersten Weltkrieg mit seinen mehr als 9 Millionen Toten auslöste, emotionale Heimat geworden ist. Denn Rodericks Sohn ist gestorben (dessen Herz er in seinen Tränen konserviert in einem Einmachglas mit sich herum schleppt), seine Frau hat ihn in geistiger Umnachtung verlassen und seine Trauer ist grenzenlos …

In Winnipeg trifft Roderick alias Gavrilo auf seinen unsterblich in die Bier-Baronin verliebten Vater (David Fox), einen verbitterten ehemaligen Arzt, der seiner geliebten Helen ein wenig mehr Beinchen als eigentlich nötig amputiert hat und auf seinen karrieregeilen Bruder Chester (Marc McKinney), seines Zeichens Broadway-Agent und mit Leib und Seele US-Amerikaner, der nicht nur ein Verhältnis mit Lady Port-Huntley hat, sondern auch mit Rodericks / Gavrilos ehemaliger Frau Narcissa (Maria „Blaubeerkuchen“ de Medeiros), einer an Amnesie leidenden Nymphomanin, die Lebensratschläge von ihrem Bandwurm erhält …

Kritik: Man muss sich nach Besichtigung dieses gelinde gesagt unfasslichen Streifens wirklich nochmal im Atlas vergewissern, dass Winnipeg tatsächlich in Kanada und nicht in Absurdistan liegt. Denn neben oben angesprochenem Bandwurm kommen noch mit Bier gefüllte Beinprothesen aus Glas vor, auf Super-8 gedrehte splatter- und gore-Szenen, in Bier badende kamerunische Trommler, der Geist eines toten Kindes, ein Wahrsager in einem Iglu, der die Zukunft aus Eis lesen kann, und zu guter Letzt ein alles verzehrendes Großfeuer im VOM WINDE VERWEHT-Stil, womit noch nicht einmal alle Merkwürdigkeiten von THE SADDEST MUSIC IN THE WORLD aufgezählt sind.

Hinzu kommt das grobkörnige Schwarzweiß, auf dem dieser, dem mainstream Bier auf die Leinwand spuckende Film gedreht worden ist und das an die Stummfilm-, beziehungsweise frühe Tonfilm-Ära erinnert, angesichts mancherlei Unappetitlichkeiten auf der Leinwand aber eher Filmen wie ERASERHEAD oder gar NIGHT OF THE LIVING DEAD Tribut zollt, wobei wir es hier keinesfalls mit einem Horrorfilm zu tun haben.

Aber Kategorisierungen verfehlen diesbezüglich wohl eh ihr Ziel. Vorsichtig formuliert ist THE SADDEST MUSIC IN THE WORLD ein zutiefst tragisches Familiendrama von wahrlich griechischen Tragödienausmaßen, das mit einer hinreißenden Musical-Tonspur unterlegt wurde und optisch gefühlte 120 Jahre alt ist, was den Film im übrigen nicht daran hindert, mehrmals ohne Vorwarnung plötzlich farbig zu werden.

Die Charaktere scheinen ebenfalls aus dem vorletzten Jahrhundert zu stammen, als man den Kinogänger diesbezüglich noch nicht überfordern wollte: Die Frauen (Rossellini und de Medeiros) sind überirdisch schön, nymphoman und unglücklich, die Männer entweder lächerlich schurkenhaft (McKinney) oder überkandidelt manisch-depressiv (McMillan), und auf dem Regiestuhl sitzt ein diabolisch grinsender Guy Maddin, der während der Dreharbeiten bislang unbekannte halluzinogene Drogen eingeschmissen haben muss, deren Existenz er besser vor der übrigen Menschheit verschweigen sollte, sonst sind wir bald alle drauf.

THE SADDEST MUSIC IN THE WORLD ist der Mittelfinger im Hintern des nordamerikanischen mainstream-Kinos, zumal die USA und deren Disney-Musical-„Kultur“ hier einiges an Fett abbekommen. Aber leider ist er auch nicht mehr als das. Denn trotz der eigentlich zu Herzen gehenden Familiengeschichte der Kents, die zwar mit (zum Teil aberschwärzestem) Humor aufgelockert wird, aber dennoch reichlich düster daher kommt, haben echte Gefühle bei THE SADDEST MUSIC IN THE WORLD auf der Leinwand nichts zu suchen, dafür ist das Drumherum zu sehr l’art pour l’art und zu sehr damit beschäftigt, gängige Seh- und Hörgewohnheiten beim geneigten Zuschauer zu torpedieren.

So liebenswert grotesk das alles ist, es ist leider auch reichlich anstrengend, sich von diesem Film die Netzhaut belichten zu lassen. Gefühlte 1.000.000 Schnitte und reale 99 Minuten später ist man vor allem eins: Weder traurig noch glücklich. Sondern einfach nur erschöpft.


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