DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND

Der letzte König von Schottland      (The last king of Scotland, GB/D/USA 2006)

Regie: Kevin MacDonald
Drehbuch: Peter Morgan + Jeremy Brock, basierend auf dem Roman von Giles Foden
Mit: Forest Whitaker (Idi Amin), James McAvoy (Nicholas Garrigan), Kerry Washington (Kay Amin), Simon McBurney (Stone), David Oyelowo (Doctor Merrit), Stephen Rwangyezi (Jonah Wasswa), Abby Mukiibi (Massanga), Gillian Anderson (Sarah Merrit), Sam Okello (Bonny) u.a.
123 Minuten     (6 von 10 Punkten)

Schottland, 1970: Der frisch examinierte Arzt Nicholas Garrigan entflieht der väterlichen Landpraxis, um sein Können irgendwo zur Weltverbesserung einzusetzen. Er landet in Uganda und wirkt als Assistent im Buschkrankenhaus von Doktor Merrit. Während einer Propagandatour des sich an die Macht geputschten Präsidenten Idi Amin kann Garrigan jenen nach einem Unfall medizinisch versorgen, gewinnt Respekt und verfällt dessen Ausstrahlung und einnehmenden Art. Das Leben als Amins Leibarzt und „engster Vertrauter“ inmitten gewährtem Luxus gestaltet sich zunächst angenehm, bis immer mehr die dunklen Seiten des Diktators zutage treten.

Teilweise beruhend auf wahren Begebenheiten lautet die Texteinblendung in der Titelsequenz, noch bevor die erste Filmszene über die Leinwand flattert. Das ruft Stirnrunzeln hervor, ist sie doch als Information von geringem Nutzen und erinnert schmerzlich an mein Versäumnis, mir im Vorfeld über Leben und Taten des Idi Amin zumindest ein bisschen angelesen zu haben. Sodann folgt das Jahr 1970 als einzig explizit genanntes Datum und es ist gleichsam Ursprung der nachfolgenden Geschichte, die sich bis zur Landung des entführten französischen Verkehrsflugzeuges in Entebbe 1976 erstreckt.

Dokumentarische Genauigkeit ist nicht die Qualität, die den Film DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND auszeichnet, die gezeigten Ereignisse sind zeitlich nicht genau einzuordnen und ihr Wahrheitsgehalt genauso zweifelhaft wie es die Nicht-Existenz des Dr. Garrigan nicht ist. Regisseur und Autorenteam zielen auf eine psychologische Interpretation der geschichtlichen Gestalt Idi Amin. Da diese Ausgangsposition offenbar für einen Spielfilm zu wenig Stoff beinhaltete und/oder mit den Sehgewohnheiten eines Massenpublikums nicht konform ging, schuf man eine zweite Hauptrolle, quasi einen Katalysator, an dessen Schicksal sich die Zeitumstände kristallisieren und der als Protegé des Herrschers uns den Blick ins Zentrum der Macht, sprich dem Denken und Tun Amins ermöglicht.

Auf der einen Seite der idealistische, bisweilen auch naive Betätigungsdrang, auf der anderen Seite der charismatische Führer, in dessen Untiefen das Grauen lauert: Eine Konstellation, die oft Stoff für brillante Filme war und ist. In DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND geht die Rechnung aber nicht ganz auf, seine stärkste Waffe wird ihm merkwürdigerweise zum Verhängnis. Denn: Mit jeder Minute, in der Forest Whitaker als Präsident Amin im Bild ist, schwingt sich der Film zu ungeahnten Höhen empor, die Leinwandpräsenz des frisch gebackenen Oscar-Preisträgers ist überwältigend, ähnlich einem Anthony Hopkins, ohne dessen Hannibal Lecter DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER nur die Hälfte wert wäre. James McAvoys Dr. Garrigan hingegen, obgleich das Drehbuch ihm weitaus mehr Bild-Zeit einräumt und er in beinahe jeder Handlungssequenz zu sehen ist, erreicht nie die Intensität seines Gegenspielers. Das Erliegen angesichts der Faszination der Macht (Protektion, Einfluss, Wohlstand etc.) und das späte Erkennens um die Gefährlichkeit seines Herren sind an und für sich psychologisch wertvolle Aspekte, sie verblassen jedoch gegenüber der bloßen Präsenz der Titelfigur zur bloßen Nebenhandlung, die zwar spannend, aber nicht durchgehend fesselnd ist.

In gewisser Weise ereilt den Film das gleiche Schicksal wie der vor zweieinhalb Jahren uraufgeführte DER UNTERGANG: Bruno Ganz als Adolf Hitler superb, der Rest der Schauspielergarde Staffage, die Handlung sekundär. Zudem: Auch in DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND präsentiert die westliche Filmproduktion ein mittlerweile oft gezeigtes Afrikabild mit einem manipulierten einfachen Volk, Vertretern ehemaliger Kolonialmächte im Hintergrund, bemühten Hilfsorganisationen und dem demagogischen Willkürherrscher. Die Auftritte Amins in Gegenwart von Garrigan müssen zur Auslotung der Person ausreichen, indes wünscht man sich mehr über den privaten politischen Werdegang des Mannes zu gewahren, der als „Schlächter von Afrika“ in die Geschichte einging.


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