SCHNITZELPARADIES

Schnitzelparadies      (Het Schnitzelparadijs, NL 2005)

Regie: Martin Koolhoven
Drehbuch: Marco van Geffen, nach dem Roman von Khalid Boudou
Mit: Mounir Valentyn (Nordip), Bracha van Doesburgh (Agnes), Mimoun Oaissa (Amimoen), Yahya Gaier (Mo), Micha Hulshof (Sander), Frank Lammers (Willem), Tygo Gernandt (Goran) u.a.
82 Minuten     (7 von 10 Punkten)

Schnitzelparadies
(Bildrechte: Kool Filmdistribution)

Synopsis: In der niederländischen Provinz, Gegenwart. Nordip, Sohn marokkanischer Einwanderer, soll es einmal besser haben. Sagt sein Vater, der einen Krämerladen führt. Das sehr gute Abitur prädestiniert ihn für ein Medizinstudium. Nordip aber, eher lust- und orientierungslos, heuert heimlich als Tellerwäscher im Autobahn-Hotelrestaurant „Zum blauen Geier“ an. Im Küchentrakt ist er in der Hackordnung ganz unten, eine Situation, die nicht einfacher wird, als er sich in die süße Kellnerin Agnes verliebt, ihres Zeichens Nichte der Direktorin. Turbulenzen sind vorprogrammiert.

Kritik: Mich würde die Reaktion der Restaurantbranche auf diesen Film interessieren, ist er doch alles andere als geeignet, das Vertrauen in die Verköstigungskunst von Autobahngaststätten und unter-klassigen Hotelrestaurants nicht nur in den Niederlanden zu fördern. Allerdings ist es weit gefehlt, SCHNITZELPARADIES in die Reihe der kritischen Filme zu stellen, die sich in letzter Zeit so häufig mit dem Nahrungsmittel verarbeitenden Gewerbe beschäftigen. Vielmehr haben wir es mit einer turbulenten Romeo-und-Julia-Variante zu tun, deren vortreffliches Schlachtfeld der Küchenflügel mit seiner multikulturellen Horde von Individualisten ist. Freunde des 2005 in Münster aufgeführten KEBAB CONNECTION werden auch hier auf ihre Kosten kommen.

A und O einer gelungenen Komödie sind ein schneller Einstieg und die Beibehaltung des Tempos, und SCHNITZELPARADIES schlägt sich wacker. Die dem Titelvorspann vorgeschaltete Diashow mit Off-Moderation zur amüsanten Präsentation des 40.000-Seelen-Kaffs, in dem sich die nachfolgenden Geschehnisse abspielen, schüren die Vorfreude. Dann folgt die nicht klischeefreie Vorstellung von Nordips Familie, die Story nimmt ihren Lauf mit der stillen Rebellion der flüggen Jugend gegen die Zielvorgaben des Patriarchen. Zwei Einstellungen und kaum 4 Minuten später steht der unentschiedene Sohn schon mitten in der Brandung: Vor verklebten Töpfen, Stapeln von Tellern und Schalen, schmutzigem Besteck und in Plastikschürze. „Du bist ganz unten, noch weniger als nichts, du redest nicht, es sei denn, du wirst gefragt. Wenn’s schlecht läuft, bist du schuld, wenn’s gut läuft, dann hat das nichts mit dir zu tun!“, so die Einführung durch den fiesen Brater Sander.

Die Küche ist der Platz, wo der Film seine Punkte macht. Von rasanter Musik vorangetriebenen, erleben wir mittels der dort bis zu zehn herum wurschtelnden Gestalten unterschiedlichster Couleur eine von Dunst und Fett geschwängerte Welt, die von Ressentiments und Missgunst, aber auch Annäherung und Freundschaft erfüllt ist. Situationskomik und Wortwitz kommen beileibe nicht zu kurz, wobei dem Film zum Glück immer dann noch die Kurve gelingt, wo es zu platt oder vorhersehbar zu werden droht. Höhepunkt der Inszenierung ist, als die Ankunft von zwei Reisebussen verkündet wird. Urplötzlich läuft die Küchentruppe zur Topform auf, mit schnellen Schnitten (filmtechnisch und auf dem Hackbrett) nimmt die Achterbahn ungeahnte Fahrt auf, das heterogene Ensemble verschmilzt zu einem zielgerichteten Ganzen. Während der mitreißenden, viel zu kurzen Minute ist man wie von Rausch erfüllt und harrt einer baldigen Fortsetzung.

Schwachpunkt ist in meinen Augen die Besetzung des Nordip mit Mounir Valentyn. Seine Rolle ist zwar die eines anfangs initiativlosen und wortkargen Mannes, aber obwohl die Figur Nordip im Laufe der Story über seinen Schatten zu springen lernt, treten Valentyns darstellerische Fähigkeiten auf der Stelle. Die Szenen zwischen ihm und seiner „Julia“ leben jedenfalls vom Spiel der überzeugenderen Bracha van Doesburgh, und die dem mühelosen Filmerleben abträgliche Frage bleibt, warum Agnes ausgerechnet an ihm Gefallen gefunden hat.

Nichtsdestotrotz vergehen die 82 Minuten wie im Fluge, SCHNITZELPARADIES liegt weit über TV-Film-Niveau und scheint mir im Vergleich zu den in den letzten Wochen in Münster angelaufenen Komödien eine besondere Empfehlung wert. Und – egal was passiert – bis zum Abspann durchhalten. Dann gibt’s nochmal Nachschlag!


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