LAST DAYS

*** LAST DAYS * USA 2005 * Musikalische Beratung: Thurston Moore * Musik: The Velvet Underground, Michael Pitt, Lukas Haas, Boyz II Men, The Hermitt, u. a. * Sound design: Leslie Shatz * Schnitt, Drehbuch und Regie: Gus van Sant * Darsteller/-innen: Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento, Scott Patrick Green, Nicole Vicius, Kim Gordon, Harmony Korine, The Hermitt, u. a. * [OmU] * 96 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

Last Days
(Bildrechte: Alamode Filmverleih)

„And way out in Seattle / young Kurt Cobain / snuck out to the greenhouse / put a bullet in his brain / Snakes in the grass beneath our feet / rain in the clouds above / some moments last forever / but some flare out with love, love, love“ (The Mountain Goats)

Synopsis: Irgendwo in den USA. Der Rockmusiker Blake (Michael Pitt) hat sich aus einer Entzugsklinik in sein riesiges Landhaus geflüchtet. Weder seine Familie noch seine Bandkollegen sind bei ihm, nur seine Katzen und eine nicht näher definierte Gruppe von Leuten (Freunde? fans? groupies?), die weitestgehend dafür sorgt, dass er in Ruhe gelassen wird.

Allesamt scheint man völlig auf Drogen zu sein – während seine „Freunde“ (Lukas Haas, Asia Argento, Scott Patrick Green, Nicole Vicius) in den Tag hinein leben und das Nichtstun zelebrieren, irrt Blake wie ein schlafwandelnder Betrunkener durch den Wald, die Ortschaft, sein Haus … dabei unzusammenhängende Wortfetzen von sich gebend … Dann und wann schlägt er im Probenraum auf, wo er noch einmal Kraft zu sammeln … oder überhaupt irgendwie konzentriert, fokussiert scheint …

Telefonate werden wortlos angenommen (oder auch nicht), Besucher kommen und gehen wieder: Zwei Zeugen Jehovas, ein Mann von den „Gelben Seiten“, eine Frau von der Plattenfirma (Sonic Youth-Bassistin Kim Gordon), ein von seiner Ehefrau engagierter Detektiv, auf der Suche nach ihm … Blake nimmt nichts davon wahr.

Am nächsten Morgen findet ihn der Gärtner tot im Gewächshaus liegend.

Kritik: LAST DAYS ist nach GERRY (2002) und ELEPHANT (2003) der dritte „Teil“ einer „Nicht-Trilogie“ von Gus van Sant, die sich vage an realen Begebenheiten orientiert – so hatte der Vorgänger das Columbine Highschool-Massaker als Aufhänger.

Dieses Mal ist es der Tod Kurt Cobains (1967 – 1994), des gelinde gesagt charismatischen Sängers der us-amerikanischen rock band? punk band? grunge band? (You name it!) Nirvana, um dessen Leben und Sterben sich natürlich, wie es sich für einen anständigen, viel zu früh verstorbenen Rockstar gehört, allerlei Legenden ranken.

Für all diese Verschwörungstheoretiker hat van Sant seinen Film ausdrücklich nicht gemacht, dem Mythos Kurt Cobain wird hier nichts Cinéastisches hinzugefügt, es wird ihm aber auch nichts genommen. Dafür ist das gesamte Konzept von LAST DAYS viel zu vage gehalten: Weder heißt der Hauptcharakter Cobain, noch erklingt irgendwo Musik von Nirvana – nicht einmal im Abspann. (Dafür gibt’s ein faszinierendes Wiederhören mit „Venus in furs“ von The Velvet Underground …)

Michael Pitt, der nur wenn die Kamera voll auf sein Gesicht hält, nicht nach Kurt Cobain aussieht, ansonsten ist die Ähnlichkeit geradezu erschreckend, zeichnet sich konsequenterweise dann auch für die Musik verantwortlich, die sein Charakter Blake in zwei viel zu kurzen Sequenzen zum Besten gibt: Obwohl beide songs nicht unbedingt nach Nirvana klingen … die Proberaumszenen gehören zum Besten, was LAST DAYS zu bieten hat, zumal die wandelnde Leiche namens Blake an diesen Stellen überhaupt irgendwie für den Betrachter (be-)greifbar wird.

Ansonsten bleibt LAST DAYS ein einziges Mysterium. Das fängt schon beim Namen der Hauptfigur an. Es scheint nämlich gar nicht so weit her geholt, wenn man sich angesichts des wie im Delirium durch die Wälder stapfenden grunge-Helden unweigerlich an Johnny Depps schwindelerregende performance als William Blake in Jim Jarmuschs Pseudo-Western DEAD MAN erinnert fühlt, die wiederum von dem gleichnamigen englischen Dichter (1757 – 1827) inspiriert war. Oder ist die Namensgleichheit nur Koinzidenz?

Eine Frage, auf die der Film keine Antwort geben will. Antworten will er im übrigen gar nicht liefern. LAST DAYS will eigentlich überhaupt gar nichts. 96 Minuten lang bleibt hier alles in der Schwebe, wobei so wenig an Handlung abläuft, dass Jarmuschs Erstlingswerk PERMANENT VACATION dagegen wie ein action thriller wirkt. Nicht einmal wirkliche Dialoge gibt es, so dermaßen durch den Wind wirken hier alle Protagonisten … beziehungsweise wie materielose Geister VOM WINDE VERWEHT. Lukas Haas und Asia Argento spielen mit (beide hinter gewaltigen Brillengestellen verborgen) … und man nimmt sie überhaupt nicht wahr. Und Michael Pitt als Blake / Cobain erst recht nicht. Wie sein Namensvetter in DEAD MAN spielt er eigentlich von Beginn an einen lebenden Toten, seine Bewegungen sind die eines Romeroschen Zombies, seine Sprache nur noch todmüdes Genuschel … trotzdem geben van Sant und Pitt den Helden einer ganzen Generation niemals der Lächerlichkeit preis. Danke dafür.

LAST DAYS ist ein sehr, sehr, sehr merkwürdiger Film, nüchtern womöglich nicht zu ertragen. Er hat seine Momente … und diese Momente sind dann immer kleine Offenbarungen … insbesondere wenn das sound design plötzlich völlig durchdreht und dem Film eine neue Bewusstseinsebene offenbart: Wann immer sich die Kamera ganz nah an Blake schmiegt, beginnen Kirchenglocken zu läuten … man hört das Murmeln einer Menschenmenge … tröstende Worte … eine Beerdigung?

LAST DAYS kippt aber auch in solchen Szenen nie ins Surreale, obwohl man den gesamten Film eigentlich wie in Trance sieht … und irgendwann während des Abspanns aufwacht … und sich einigermaßen verstört fragt, was man denn da jetzt bitteschön gesehen hat. Einen Film, der sich wie Kurt Cobain bis zum bitteren Ende hin allem und jedem verweigert. Und der ihm möglicherweise dadurch wirklich nahe kommt. Wenn man genügend Sitzfleisch mitbringt. Und im Kino auch mal nicht unterhalten werden möchte. Sondern einfach nur vor den Kopf gestoßen: Denn wer mit einer „Here we are now, entertain us!“-Maxime in LAST DAYS geht und ein weiteres posthumes biography picture à la RAY oder WALK THE LINE erwartet, dürfte binnen der ersten fünf Minuten den Kinosaal wieder verlassen haben. Alle anderen sollten – möglichst völlig unter bewusstseinserweiternden Drogen stehend – bis zum Ende sitzen bleiben. Es lohnt sich. Irgendwie.

Dann gehe man nach Hause, lege „Nevermind“ auf, zünde eine Kerze an und summe mit: „Something in the way, mmm / Something in the way, yeah, mmm.“

LAST DAYS ist die 96minütige cover version eben jenes songs.

Yeah.

Mmm.


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