JUNEBUG

*** JUNEBUG * USA 2005 * Musik: Joseph Haydn, Dmitri Schostakowitsch, Franz Schubert, Antonio Vivaldi, Yo La Tengo, u. a. * Drehbuch: Angus MacLachlan * Regie: Phil Morrison * Darsteller/-innen: Amy Adams, Embeth Davidtz, Benjamin McKenzie, Alessandro Nivola, Frank Hoyt Taylor, Celia Weston, Scott Wilson, Will Oldham, u. a. * [OmU] * 106 Minuten * (9 von 10 Punkten) ***

Junebug
(Bildrechte: Arsenal Film)

„‚Weißt du, ich glaube allen Ernstes, dass Gott, wenn er Familien zusammenstellt, seinen Finger ins Telefonbuch steckt und aufs Geratewohl eine Gruppe von Leuten auswählt, denen er dann mitteilt: ‚He! Ihr werdet die nächsten siebzig Jahre miteinander verbringen, auch wenn ihr nichts gemein habt und einander noch nicht einmal mögt. Und wenn ihr euch auch nur für eine Sekunde nicht um jeden dieser Gruppe von Fremden kümmert, werdet ihr euch entsetzlich fühlen.’“
(Douglas Coupland: Generation X)

Synopsis: Die mondäne Chicagoer Kunsthändlerin Madeleine (Embeth Davidtz) trifft auf einer vernissage ebendort den smarten, gut aussehenden yuppie George Johnsten (Alessandro Nivola). Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick, nur eine Woche später läuten die Hochzeitsglocken.

Ein halbes Jahr später wiederum ist man gemeinsam auf dem Weg nach „Pfafftown“ (Winston-Salem), North Carolina, damit Madeleine mit dem kauzigen Südstaaten-Maler David Wark (Frank Hoyt Taylor) einen Exklusivvertrag für dessen Bilder (allesamt Schlachtengemälde des amerikanischen Bürgerkriegs, mit riesigen Penissen verziert) aushandeln kann.

Quasi nebenbei möchte das Intellektuellen-Ehepaar auch noch bei Georges Familie, den Johnstens, welche in der gleichen Kleinstadt wohnen, reinschauen … zwangsläufig kommt es am Schauplatz von Georges Kindheit zu einem „clash of civilizations“: Hier die gebildeten Nordstaatler-Demokraten George ’n’ Madeleine, dort die bodenständig-christlichen und allesamt etwas einfältigen Johnstens aus dem Südstaatenkaff Winston-Salem, North Carolina:

Mutter Peg (Celia Weston) ist eifersüchtig auf die hübsche und kluge Ehefrau ihres geliebten Ältesten, Bruder Johnny (Benjamin McKenzie) hat nicht einmal den highschool-Abschluss geschafft und hasst seinen erfolgreichen yuppie-Bruder leidenschaftlich, Vater Eugene (Scott Wilson) bleibt am liebsten still und verzieht sich regelmäßig zu seinen Holzschnitzereien in den Hobbykeller …

Allein Johnnys so hochschwangere wie völlig naive Ehefrau Ashley (2006 Oscar-nominiert für die beste Nebendarstellerin: Amy Adams) empfängt vor allem Madeleine mit liebevoller Herzlichkeit und geradezu aufdringlichem Interesse. Mit das Erste was Madeleine aus Ashleys Redeschwall erfährt, ist dann auch, dass sie ihr Kind, falls es ein Mädchen wird, JUNEBUG („Junikäfer“) nennen möchte …

Kritik: JUNEBUG ist ein Meisterwerk. Meines Wissens hat noch kein Film zuvor das Sozialkonstrukt „Familie“, unter dem wir alle mehr oder weniger zu leiden haben, besser und schmerzhafter seziert als Drehbuchautor Angus MacLachlan und Regisseur Phil Morrison (beide sind gebürtig aus Winston-Salem) es hier mit ihrem Debütfilm geschafft haben.

JUNEBUG verzichtet trotz des offensichtlichen Antagonismus zwischen yankees und southerners völlig auf klischeehafte Figurenzeichnungen und gerät teilweise gar zu einem Dokumentarfilm, so lebensnah sind die Protagonisten dargestellt. Allein Vater Eugenes (Scott Wilsons) stoische Fassade nach kleinen emotionalen Haarrissen abzusuchen, gestaltet sich als ein einziger Genuss!

Und dann Alessandro Nivola als yuppie George! Wie er zunächst als Abziehfolie des erfolgreichen Geschäftsmanns daher kommt … wie er sich plötzlich in der Gegenwart seiner Familie völlig zurück zieht … nur um am Ende als wahre Lichtgestalt alle anderen zu überstrahlen!

Und die unglaubliche Amy Adams als Ashley! Eigentlich nichts weiter als ein dauerquasselnder Quälgeist, ein naives Dummchen … gleichzeitig randvoll mit Empathie jedem Menschen gegenüber, mütterlich und schutzbedürftig zugleich … Wie Adams diese Kindfrau spielt, immer mit leiser Verzweiflung im Unterton … Es ist ein Augenschmaus.

Die Filmemacher suchen auf ihrem Weg in die finale Katastrophe ihres wunderbaren Films keine Schuldigen, und als Zuschauer bleibt einem auch irgendwann nur die Einsicht, dass man tatsächlich ebenfalls die Suche nach den „schwarzen Schafen“ der Johnsten family einstellen kann … das Beziehungsmobilé „Familie“ allein ist Ursache allen Glücks und Übels in dem Film; zwecklos dagegen an zu kämpfen, Vater Eugene hat bereits kapituliert, seinen Hobbykeller zum Elfenbeinturm verwandelt – ein alter, zutiefst einsamer, aber eben nicht verbitterter Eremit im Schoße „seiner“ Familie. (Und wäre sein Bruder nicht der erfolgreiche yuppie, der strahlende Engel ohne Makel für Mutter Peg, aus dem jüngsten Spross Johnny wäre wohl etwas anderes geworden, als ein passiv-aggressiver, in einem Sumpf aus Dummheit versinkender redneck …)

Auch deshalb ist die Rolle der Ashley so anrührend: Sie weiß sehr wohl, dass die Johnstens niemals (ja, niemals!) „ihre“ Familie sein werden, dennoch macht sie „das Beste“ daraus – daher ihre kindliche Freude über den Besuch der (nur vermeintlich?) glücklicheren Schwägerin, die bei ihrem Kurzbesuch bei der Familie ihres Ehemanns mal eben so feststellen muss, dass sie George überhaupt nicht kennt.

Die Stelle des Films, an der Madeleine diese Gewissheit überkommt, ist gleichzeitig seine schönste: Beim Kirchengemeindefest sieht sich George plötzlich im Kreise seiner alten Freunde damit konfrontiert, das christliche traditional „Softly and tenderly“ anzustimmen – wie früher gemeinsam im Kirchenchor. Und aus dem yuppie George wird mit einem Mal wieder der zutiefst gläubige Junge aus den Südstaaten … dabei in die Gesichter seiner Familie zu blicken, während Ehefrau Madeleine vor Staunen den Mund nicht mehr zukriegt … äh … schenkt mir vielleicht jemand mal ein Superlativlexikon?

(Ich versuche das hier jetzt mal anders zu beschreiben … Wäre ich Schauspieler, und ich müsste in einer bestimmten Szene vor Rührung anfangen zu heulen … ich müsste mir nur diese Szene aus JUNEBUG in Erinnerung rufen. So. Reicht das?)

JUNEBUG ist das homecoming movie ever! Ein stilistisch präziser „halber Dokumentarfilm“, unter dessen Oberfläche die Gefühlsfackeln im Sturm ( … okay, Scheißmetapher …) nur so lodern. JUNEBUG ist ein Schlag ins Gesicht für MEET THE FOCKERS-artige „Schwiegereltern“-Filme und schwingt sich in den us-amerikanischen indie movie-Olymp zu Filmen wie GARDEN STATE, THUMBSUCKER und BROKEN FLOWERS empor: Der beste Film des Jahres bislang!

P.S.: Yo La Tengo fans dürften enttäuscht sein – zwar wirbt der Film damit, das Trio aus Hoboken, New Jersey, habe hierzu den soundtrack abgeliefert, aber mehr als dass der song „Green arrow“ (das ist der mit dem Grillengezirpe vom „I can hear the heart beating as one“-Album) dreimal angespielt wird, habe ich nichts weiter gehört.

P.P.S.: Auch Will Oldham / Bonnie „Prince“ Billy fans sollten ihre Erwartungen an dessen Leinwandpräsenz in JUNEBUG gen Nullpunkt schrauben: Er hat bloß einen winzig kleinen part ganz am Anfang, als Kunsttalent-scout auf der Suche nach dem Anwesen von David Wark …


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