LETTERS FROM IWO JIMA

Letters from Iwo Jima      (USA 2006)

Regie: Clint Eastwood
Buch: Iris Yamashita. Story: Iris Yamashita + Paul Haggis. Based on Picture letters from Commander in Chief by Tadamichi Kuribayashi, edited by Tsuyuko Yosida
Mit: Ken Watanabe (Generalleutnant Tadamichi Kuribayashi), Kazunari Ninomiya (Saigo), Tsuyoshi Ihara (Baron Nishi), Ryo Kase (Shimizu), Hiroshi Watanabe (Leutnant Fujita), Takumi Bando (Hauptmann Tanida), Yuki Matsuzaki (Nozaki) u.v.a.
141 Minuten      (6 von 10 Punkten)

Synopsis: Im Jahre 1944 wird Generalleutnant Kuribayashi neuer Befehlshaber der strategisch wichtigen, ca. 1000 Kilometer südlich von Tokio liegenden Insel Iwo Jima. In Erwartung des Angriffs der US-amerikanischen Marine organisiert er die Verteidigung und überzieht die 21 Quadratkilometer große Vulkaninsel mit Bunkeranlagen, gepanzerten Schießständen, unterirdischen Höhlen und sie verbindenden Gängen. Beginn und Fortgang der Schlacht vom 19.02. bis 26.03.1945 werden aus japanischer Sicht vorrangig am Schicksal Kuribayashis und des einfachen Soldaten Saigo dargestellt.

Kritik: In dem parallel von Regisseur Clint Eastwood gedrehten Film FLAGS OF OUR FATHERS, der den Angriff aus amerikanischer Perspektive zeigt, waren die japanischen Gegner mit keiner Zeile zu hören und tauchten nur wie Gespenster aus dem Nichts auf. Der hässliche Feind, der sich geschworen hatte, bis zum letzten Soldaten zu kämpfen und je mindestens 10 US-Marines mit in den Tod zu nehmen, bekommt nun in LETTERS FROM IWO JIMA ein Gesicht. In dieser Ausführlichkeit von Seiten eines Major Studios (Warner Bros. & Dreamworks) sicherlich ein Ausnahmefall. Die Tatsache, dass die Akteure Japanisch sprechen und der Film mit deutschen Untertiteln in unsere Kinos kommt, unterstreicht noch das Begehren, den unterlegenen Widersacher authentisch zu Wort kommen zu lassen.

Jedoch: Mit der Unterlegenheit ist das so ein Sache: Schnell wird sie zum unausgesprochenen Auslöser von Tragik und Mitempfinden, insbesondere, wenn sie als heroischer Kampf zur Rettung des Vaterlandes gegen eine in allen Belangen überlegende Angriffsmacht stilisiert wird. Ken Watanabe als charismatischer General Kuribayahsi personifiziert in verführerischer Weise die Tradition des altehrwürdigen Japan, aber auch die Weitsicht auf internationaler Ebene. Auf der anderen Seite wird im jungen Soldaten Saigo (von Beruf Bäcker, werdender Vater, zwangsrekrutiert…) eine zweite Identifikationsfigur geschaffen, dessen Schicksal uns Publikum zu Herzen geht. Es menschelt also sehr, so sehr, dass über weite Strecken verloren geht, wer der eigentliche Aggressor im Pazifischen Raum war und mit unbedingten Gehorsam, Militarismus und der Vision einer „Großostasiatischen Wohlstandssphäre“ unter japanischer Hegemonie millionenfaches Unglück erst hervorgebracht hat.

Aber das ist nicht Thema im Mikrokosmos Iwo Jima. Auch eine passable Dokumentation oder zumindest Chronologie der Geschehnisse bleibt bruchstückhaft. Es geht in den ersten fünf Tagen vorrangig um die Befestigungen im Vulkanberg Suribachi, so weit, so gut, aber die Darstellung der Nahkämpfe in den Bunkerstellungen und die Klaustrophobie in den Höhlengängen bleiben in Andeutungen stecken. Mit der Auflösung der südlichen Verteidigungslinien verliert der Zuschauer mit den versprengten Soldaten die Übersicht, Männer irren durch Niemandsland und Schwefelfelder, immer wieder gibt es Scharmützel und Tote. Ist dies Eastwoods Interpretation der Geschehnisse und sein Plädoyer gegen den Sinn von Krieg? Wenn ja, dann hätte eine deutlichere Herausstellung der japanischen Abwehrschlacht ohne Hilfe vom Mutterland, trotz Nahrungsmittelknappheit, der Folgen der permanenten Bombardements und der Munitionsengpässe tiefere Spuren hinterlassen.

Aber – wie gesagt – es sind insbesondere die Menschen, die Eastwood interessieren und Kuribayashi und Saigo die Antipoden, denen er sich in langen Einstellungen, Flashbacks sowie bei den kurzen Zusammentreffen der beiden widmet. Nur entledigt er sich des Klischees des verbissen und rücksichtslos kämpfenden Japaners unter Billigung der Präsentation von zwei unschuldigen Gutmenschen, die das Schicksal in jene Lage gebracht hat und die nun trotz persönlicher Bedenken ihre Pflicht dem Heimatvolke gegenüber tun müssen. In ihnen mögen verschiedene Herzen schlagen, das Über-Ich lässt ihnen indes keine Wahl. Beide sind sinnbildlich tragische Helden, auf historischer Grundlage neu inszeniert von Altmeister Eastwood. Irgendwie rührend, aber nicht recht überzeugend.


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