PANS LABYRINTH

*** PANS LABYRINTH / EL LABERINTO DEL FAUNO / PAN’S LABYRINTH / THE LABYRINTH OF THE FAUN * Mexiko / Spanien / USA 2006 * Musik: Javier Navarrete * Kamera: Guillermo Navarro * Drehbuch und Regie: Guillermo del Toro * Darsteller/-innen: Sergi López, Maribel Verdú, Ivana Baquero, Álex Angulo, Ariadna Gil, Doug Jones, Manolo Solo, César Vea, Roger Casamajor, Ivan Massagué, Gonzalo Uriarte, u. a. * 119 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Pans Labyrinth
(Bildrechte: Senator Film)

Synopsis: Spanien, 1944. Der Bürgerkrieg ist zu Ende, doch noch gibt es Widerstandsnester der geschlagenen Republikaner, die sich in den Bergen versteckt halten und einen Guerilla-Krieg gegen die siegreichen Faschisten von General Franco führen.

Hauptmann Vidal (Sergi López), glühender Anhänger des Franco-Regimes, hat sein Hauptquartier in der Nähe eines dieser letzten Rückzugsgebiete der Linken aufgeschlagen, um ihnen ein für allemal den Garaus zu machen. Doch hinter seinem Rücken unterstützen zwei seiner Angestellten, Dienstmagd Mercedes (Maribel Verdú) und der Arzt Dr. Ferreiro (Álex Angulo) die Aufständischen.

In diese prekäre Lage reist die hochschwangere, frisch angetraute Ehefrau des Hauptmanns, Carmen (Ariadna Gil) mit ihrer 11jährigen Tochter Ofelia (Bilde ich mir die Ähnlichkeit mit Anne Frank nur ein?: Ivana Baquero), die ihren eiskalt-sadistischen Stiefvater sogleich leidenschaftlich zu hassen lernt.

Ofelia flüchtet sich aus der grausamen Realität in eine Traumwelt, voll von Feen, Faunen und Alptraumgestalten. In dieser Welt stellt ihr der Faun Pan drei Aufgaben, die sie bis zum nächsten Vollmond erfüllen muss, um als lang erwartete Prinzessin auf ihren Thron zurückkehren zu können …

Während um sie herum ein Bürgerkrieg en miniature losbricht, macht sich Ofelia mit Feuereifer daran, die Aufgaben ihres Paralleluniversums fristgerecht zu erfüllen, doch das Schicksal zieht sie mit Macht wieder in die reale Welt zurück: Ihre Mutter, schon vor der Anreise schwer erkrankt, wird immer schwächer und droht zu sterben …

Kritik: Dieser Film wird nicht jedermanns / jederfraus Sache sein, soviel steht fest. Wer ein fantasy-Märchen erwartet, den / die wird die schonungslose Darstellung der Endphase des spanischen Bürgerkriegs ganz gehörig vor den Kopf stoßen, denn PANS LABYRINTH ist alles andere, bloß kein Eskapismus. Und wer ein zweites LAND AND FREEDOM erwartet, der / die wird vermutlich den Kopf schütteln über die selbstverständliche Unverfrorenheit / unverfrorene Selbstverständlichkeit, mit der Drehbuchautor und Regisseur Guillermo del Toro hier Fantasiewelt und Realität aufeinanderprallen lässt und sich so offensichtlich wie genüsslich einen Dreck um gängige Sehgewohnheiten schert.

Rein stilistisch gesehen liegt hier wohl auch – wenn man diesbezüglich schon ein Haar in der Suppe finden möchte – das Hauptmanko des Films: Kunstvoll verwoben werden die beiden eigentlich unvereinbaren Erzählstränge nämlich nicht. Hier und da gibt es einen elegant gesetzten Schnitt, doch zumeist wird ohne Vorwarnung von Kriegs- auf Märchenszenario und wieder zurück geschaltet, so als würde man sich als Fernsehzuschauer durch zwei völlig verschiedene Spielfilme zappen. Hier wäre ein wenig mehr Fingerspitzengefühl (von dem del Toro im übrigen eine ganze Menge hat) durchaus angebracht gewesen.

Unangenehm wenig Fingerspitzengefühl beweist del Toro auch in den Gewaltdarstellungen des Films, was ihm aber wiederum positiv anzurechnen ist. Denn dort, wo Hollywood am liebsten wegblendet (außer in so reißerischen wie fadenscheinigen „Abu Ghraib ist überall“-Schlachtplatten wie HOSTEL oder SAW), hält del Toro voll drauf: Szenen von sagenhafter Brutalität zerschneiden das Zelluloid mitunter mit einer solch unmittelbaren Heftigkeit, dass einem der Atem stockt. Natürlich darf die Frage erlaubt sein, ob das denn jetzt bitteschön in der Form nötig gewesen ist, worauf del Toro allerdings eine schlüssige Antwort auf der Leinwand findet: Die Gewalt in PANS LABYRINTH, welche im übrigen ausschließlich von Menschen- und nicht von Fabelwesenhand gemacht ist, wird nämlich niemals inszeniert. Sie ist, so drastisch sie dargestellt sein mag, weder Stil- noch Triebmittel des Films: Gerade ihr beiläufiger Charakter macht sie so erschreckend (real). Die Hauptfiguren sterben genauso unprätentiös wie die Nebenfiguren, schließlich kümmert sich auch kein Krieg dieser Welt um Rang und / oder Namen seiner Opfer. Und der bodycount bei PANS LABYRINTH ist dann auch dementsprechend hoch, wobei vor allen Horrorfilmfans stinken wird, dass sie ihren an unzähligen teenie slasher-Filmchen „geschulten“ Blick für die vermeintlichen, schon im Vorhinein feststehenden Überlebenden diesmal zu Hause lassen können. Auch hier bricht PANS LABYRINTH mit herkömmlichen Sehgewohnheiten. Den Film bloß als „schwer verdaulich“ zu bezeichnen ist zu kurz gegriffen.

Überraschend an der Darstellung des spanischen Bürgerkriegs ist zudem die Tatsache, dass in PANS LABYRINTH nicht, wie sonst üblich, die linke guerilla die Protagonisten mimen – hier sind es die Faschisten, allen voran der ominöse Hauptmann Vidal, den Sergi López mit geradezu perversem verve spielt – eine mehr als mutige Rollenwahl, zumal del Toro sichtlich darum bemüht ist, seiner sämtlichen positiven Heldenklischees diametral entgegengesetzten Hauptfigur genügend Charakterzüge auf den faschistischen Leib zu zeichnen, um ihn nicht einfach nur als menschliches Monster dastehen zu lassen: Trotz seines Sadismus, seiner durch Mark und Bein gehenden Gefühlskälte, die man am eigenen Leib zu spüren glaubt; egal ob man ihm vom Kinosessel aus grenzenlosen Hass entgegen bringt, sich gegen seine Leinwandpräsenz sträubt, oder sich „einfach nur“ vor ihm ekelt: Hauptmann Vidal ist kein seelenloser Mitläufer-Nazi, kein Mann ohne Eigenschaften, und gerade deshalb so grauenerregend. – Nochmal: Man kann nur den Hut ziehen vor Sergi López – so eine Hauptrolle wünscht man seinem ärgsten Feind nicht, und er meistert sie dennoch mit Bravour.

Auch die übrigen Protagonisten (Maribel Verdú, Ariadna Gil und die junge Ivana Baquero) gehen mit ungeheurer Ernsthaftigkeit und Präzision ans Werk. Guillermo del Toro, dem bislang mit BLADE II und HELLBOY höchstens Fingerübungen gelungen sind, stellt mit PANS LABYRINTH unter Beweis, dass er als Regisseur ein beeindruckendes Schauspielensemble mit sicherer Hand leiten kann, ohne dass ihm dabei „seine“ Monster aus dem Blickfeld geraten, die, speziell Pan himself, von grotesker Schönheit sind: Dafür liebt er wiederum sein Alptraumkabinett zu sehr.

Eine Kritik über diesen Film zu verfassen, ohne sich in endlosen Elegien über das so überraschende, wie schlichtweg niederschmetternde (Familienpackung Kleenex bereithalten!) und zugleich beseelt-hoffnungsvolle Ende von PANS LABYRINTH zu ergehen, fällt schwer. Nur soviel: Es könnte sein, dass del Toro hier etwas gelungen ist, was schon so viele Filmemacher/-innen vor ihm versucht, aber nie wirklich vollends geschafft haben: Dem Faschismus endlich zumindest auf der Kinoleinwand den heiß ersehnten finalen Dolchstoß zu versetzen. Denn wie hier am Ende mit der Franco-Diktatur und seinen faschistoiden „Werten“ abgerechnet wird … das ist nicht nur angenehm schonungslos, das ist schlichtweg entlarvend und raubt dieser Geißel der Menschheit womöglich gar den allerletzten Hauch von Glanz, den der Faschismus so offensichtlich mal besessen haben muss.

Del Toro hat mit PANS LABYRINTH sein Meisterstück abgeliefert, soviel steht fest. Und auch wenn ich den ganzen hype (6 Oscar-Nominierungen, 30 weitere internationale Filmpreise, und derzeit unter den Top 100 der besten Filme aller Zeiten in der IMDb) um seinen Film nicht hundertprozentig nachvollziehen kann, zumal PANS LABYRINTH durchaus Längen hat, und del Toro sich standhaft weigert, bei diesen eher schwächeren Szenen das Erzähltempo zu erhöhen, und die Dialoge bisweilen ein wenig uninspiriert daher kommen …

… ist PANS LABYRINTH in erster Linie eine Wohltat: Das Ende ist Anti-Hollywood par excellènce, die Musik hat das Zeug zum soundtrack-Klassiker, die fantasy-Sequenzen sind niemals überladen oder etwa allzu plump darauf aus, den Zuschauer pompös zu überwältigen, und das Schauspielensemble agiert auf der Höhe seines Könnens – man merkt einfach, wie sehr PANS LABYRINTH allen Beteiligten am Herzen lag.

Zugleich ist PANS LABYRINTH ein Zelluloid-gewordenes Plädoyer für mehr Mut zur Phantasie auf der großen Leinwand, wovon sich vor allem das dahinsiechende genre Horrorfilm eine blutige Scheibe von abschneiden sollte.


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