SEHNSUCHT

Sehnsucht      (Deutschland, 2006)

Buch und Regie: Valeska Grisebach. Kamera: Bernhard Keller. Szenenbild: Beatrice Schultz. Ton: Raimund von Scheibner, Oliver Göbel
Mit: Andreas Müller (Markus), Ilka Welz (Ella), Anett Dornbusch (Rose) u.a.
88 Minuten    (5 von 10 Punkten)

Sehnsucht
(Bildrechte: Piffl Medien)

Zühlen, Landkreis Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg, Gegenwart. Markus und Ella, beide Anfang dreißig, brauchen nicht viele Worte. Ihre Liebe ist manifest seit Spielplatztagen, inzwischen auch mit Ring und Urkunde. Das Feuer ist noch nicht erloschen, die Flammen allerdings einer kontrollierten Glut gewichen, die durch das in vertrauten Bahnen verlaufende Leben im 200-Seelen-Dorf kaum mehr angestachelt wird. Mit ihrer Partnerschaft scheint für beide das Optimum erreicht worden zu sein: Ella hat den Mann gefunden, der ihr Sicherheit und Treue bieten kann, Markus offenbart weder durch Wort noch Tat, dass er zum Geschlecht gehört, dessen biologische Disposition es ist, möglichst viele Nachkommen mit verschiedenen Frauen zu zeugen. Der solide Schlossermeister, der außer der freiwilligen Feuerwehr nur Ella im Kopf zu haben scheint, trübt kein Wässerchen. Und hätte der Teufel nicht den Schnaps gemacht, würden beide bis an ihr seliges Ende Hausmusik spielen, Schwätzchen mit Omi halten und am Weiher Arm in Arm den Sonnenuntergang betrachten.

Valeska Grisebach fängt diese biedere heile Welt abseits der hektischen urbanen Zivilisation ohne Verklärung, aber auch ohne kritische Untertöne ein. Die 35mm-Kamera zeigt Ausschnitte aus dem Alltag in körnigen, leicht trüben Bildern ein, sie verweilt streckenweise lange auf den Darstellern und deren Tun, ohne dass es der Geschichte Dynamik verleiht. Alleiniger Zweck scheint zu sein, die Eintracht der Personen mit ihrem Los zu zeigen, ein Unterfangen, das beim Betrachter der Szenen bis an die Geduldsgrenze geht. „Ist ja alles schön und gut, sollen die Landeier sich doch lieb haben, aber wann passiert denn endlich mal was?“, so drängt sich eine innere Stimme mehr und mehr nach vorn.

Und wird erhört. Gerade noch taumelt Markus zu Robbie Williams’ Klängen solo auf der Tanzfläche, Schnitt, da findet er sich im Bett der Kellnerin Rose wieder. Dass er mit der Feuerwehrbrigade auf Dienstreise war, daran kann er sich noch erinnern, aber nach dem Abendbesäufnis setzt die Erinnerung aus. Rose ist nun ähnlich gesprächig wie seine Frau, lieb und nett sicherlich, aber von den Reizen nun nicht diametral anders, als dass Mann dafür ein Doppelleben in Kauf nimmt oder seine alte Flamme sitzen lässt. In Markus, dessen Gesichtsausdruck sich während des ganzen Filmes nicht mal nuanciert ändert, fahren die Gefühle Achterbahn. Die Situation, die in einer Seifenoper nicht viel mehr als eine Fußnote wert wäre, überfordern den Gutmenschen dermaßen, dass es nur der ebenfalls unbefleckten und vieles übersehenden Liebessehnsucht der beiden Frauen zu verdanken ist, dass nicht Tacheles geredet wird.

Liebe macht blind. Aber wohl auch sprachlos manchmal. Und jene Einsilbigkeit, die ehedem noch Ausdruck der Harmonie in geordneten Verhältnissen war, wird immer mehr zur Hürde, je länger Markus sein Dilemma auszusitzen sucht und Ella sich angesichts seines Verhaltens unwohl fühlt. Die Konzentration auf die Protagonisten ist total, andere Personen sind kaum mehr als Ausdruck der idyllischen Enge der Dorfgemeinschaft, eine Lösung abseits der Entscheidung unter den dreien nicht in Sicht. Qualen werden also sowohl auf der Leinwand als auch in den Sitzen davor erlitten, das Publikum ist zerrissen zwischen Mitleid und Zorn, und mehr als einmal ertönt sie wieder, die innere Stimme, und ruft den Akteuren zu: „Nun reißt den Mund auf und sprecht, zerdeppert eine Vase oder ohrfeigt! Nur nicht weiter dieses sprachlose Gehampel!“ Griesebach läuft fahrlässig Gefahr, dass die von ihr portraitierten Personen von weniger sensiblen Zuschauern als der modernen Zeiten und Kommunikation abholde Hinterbliebene abgestempelt werden, wie man sie auf dem Lande und zudem – kann es schlimmer kommen? – in Ostdeutschland pauschal lokalisiert. Und auch die geduldigen Einfühlsamen – zu denen ich mich gerne zähle – werden sich im Anschluss an den Film fragen, was außer einer Momentaufnahme zwischenmenschlichen Befindens die Autorin uns nun sagen wollte.

Einzig die Schlussszene auf dem Spielplatz stimmt versöhnlich, als wir den Worten eines jungen Mädchens lauschen, die einer Märchenerzählerin gleich die Geschehnisse noch einmal Revue passieren lässt und anschließend das Geschichtenbuch mit gedankenvoller Miene zuklappt.


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