LICHTER DER VORSTADT

*** LICHTER DER VORSTADT / LAITAKAUPUNGIN VALOT / LIGHTS IN THE DUSK / LJUS I SKYMNIGEN / LES LUMIÈRES DU FAUBOURG * Deutschland / Finnland / Frankreich 2006 * Musik: Melrose, Carlos Gardel, Giacomo Puccini, u. a. * Kamera: Timo Salminen * Schnitt, Produktion, Drehbuch und Regie: Aki Kaurismäki * Darsteller-/innen: Janne Hyytiäinen, Maria Heiskanen, Maria Järvenhelmi, Ilkka Koivula, Vesa Häkli, Kati Outinen, Melrose, u. a. * [teilw. finn. / russ. OmU] * 78 Minuten * (5 von 10 Punkten) ***

Lichter der Vorstadt
(Bildrechte: Pandora)

„Nieder mit den Umständen!“ (Blumfeld)

Synopsis: Helsinki, Finnland, nach Einführung des Euro: Wachmann Koistinen (Janne Hyytiäinen) kann man wahlweise entweder als modernen Hiob, oder als klassischen loser einstufen: Keine Freu(n)de, keine Freundin, ein Scheißjob und Vorgesetzte, die ihn ungefragt schikanieren. Nach seiner täglich absolvierten (Nacht-)Schicht findet er gerade noch so etwas wie Trost für sein jämmerliches Dasein bei der Imbiss-Bedienung Mirja (Maria Järvenhelmi), die heimlich in ihn verliebt ist. Doch Koistinen will kein Objekt der Begierde sein, lieber prahlt er Mirja gegenüber großspurerisch mit seinen Karriereplänen und lässt jeden Freundlichkeitsversuch der verhärmten Grillbraut kalt auflaufen. (Nicht mal die Würstchen isst er auf …)

Da tritt die Blondine Aila (Maria Heiskanen) in sein Leben und macht ihm eindeutige Avancen. Koistinen reagiert so leidenschaftslos wie zielstrebig und glaubt bald, eine Geliebte gefunden zu haben … Doch Aila ist im Auftrag von Helsinkis Obergangster Lindström (Ilkka Koivula) unterwegs und macht ihm nur deshalb schöne Augen, damit Lindströms Bande durch ihre Hilfe an die codes und Schlüssel heran kommen kann, die Koistinen im Dienste eines Einkaufskomplexes irgendwo in Helsinki, mit sich führt …

Es kommt, wie es angesichts eines derartig klassischen Verlierers kommen muss: Der Einbruch der Lindström-Bande in eben jenen von Koistinen bewachten Einkaufskomplex gelingt, und unser „Held“ wandert unschuldig ins Gefängnis, während sowohl Aila, als auch ihr Auftraggeber ungeschoren davon kommen. Als Koistinen aus dem Knast kommt, scheint sich zudem nichts für ihn verändert zu haben: Seine rührend hilflosen Rehabilitierungsversuche sind zum Scheitern verurteilt, sein gesamtes Leben scheint verwirkt …

Kritik: Wir erfahren hier also, dass man in Finnland selbst im Kino rauchen darf. Und in der Bar. Auch im Restaurant. Auf offener Straße und im Gefängnis. Polizisten rauchen in Finnland. Gangster auch. Auch Imbiss-Bedienungen zünden sich gerne eine an. Sei es während der Arbeit, oder nach Feierabend. Und auch der job eines finnischen Wachmanns scheint größtenteils im inhale / exhale (in Rauch) aufzugehen. Selbst die elektrifizierten Gitarren (des famosen finnischen Rock-Trios Melrose) wimmern den blues des Lungenkrebs …

Als Kettenraucher kann ich sowas nachvollziehen. Als Möchtergern-Filmkritiker allerdings nur dahingehend, dass ich mich Lungenschleim aushustend fragen muss, ob das die einzige Erkenntnis gewesen sein soll, die LICHTER DER VORSTADT, der letzte Teil der „Trilogie der Verlierer“ von Finnlands größtem Regisseur aller Zeiten, Aki Kaurismäki, transportieren will.

Hey! Aber nein! Gesoffen wird auch nicht zu knapp: Wir sehen Baileys, Jägermeister und diverse Wodkas und Whisk(e)ys auf der wunderhübsch Edward Hopper-esk illuminierten Leinwand vorüberziehen: Helsinki ist hart, der bekennende Alkoholiker Kaurismäki ist härter. Schön, dass wir auch das geklärt haben. Wahrscheinlich würde die Leinwand vor Schreck implodieren, wenn Kaurismäki mal Obst oder Müsli zeigen würde …

LICHTER DER VORSTADT, um auch das möglichst früh zu klären, ist das Gegenteil von einem schlechten Film. Er ist ein echter Aki Kaurismäki geworden: Die Dialoge wie aus einem klassischen Western, kein Wort zuviel. Passenderweise haben die Glubscher des beeindruckenden Hauptdarstellers (hat einen Namen, aber meine Finger weigern sich einfach, zwei y hintereinander zu tippen) in etwa dieselbe „Deine blaue Augen machen mich so sentimental“-Färbung wie diejenigen Gary Coopers. Und Lakonie ist eine Zustandsbeschreibung, die in (Kaurismäkis) Finnland unbekannt ist, hier ist sie vielmehr ein Daseinszustand. Und Humor findet statt, wenn der Mundwinkel zuckt. Wohin, ist scheißegal. Und Leber und Lunge sind die von einem nicht existenten Gott gegebenen Abfalleimer einer zum Himmel schreienden Existenz: Ja, man schmunzelt über die LICHTER DER VORSTADT. Und zwar darüber, dass Imbisswagen dort „Grilli“ heißen. Ansonsten wird in Helsinki Humor gerüttelt, nicht geschürt (Krieg’ ich jetzt bitte – endlich – den Oscar für Wortwitz?): Kaurismäkis Witz, der durchaus überbordend sein kann (LENINGRAD COWBOYS GO AMERICA), begnügt sich hier damit, einen zirka 2 Meter 50 großen barkeeper für zehn Sekunden zum Hauptdarsteller zu machen, wenn er der 1 Meter kleineren Gangsterbraut Alkoholika einschenkt. Zum Schreien komisch, echt …

LICHTER DER VORSTADT ist einfach nur grimmigster Humanismus. Kaurismäki hat sich einen Helden ausgesucht, gegen den Hiobs biblische Heimsuchungen wie Kinderkram wirken: Koistinen kriegt (dankenswerterweise nur) knapp 80 Minuten lang von seiner Umgebung kollektiv eins auf den Deckel. Und Koistinen steckt ein. Einen Hie(o)b nach dem anderen. Das ist das Einzige, was er wirklich gut kann. Während man als Teil des geneigten Publikums vor Mitleid förmlich zerfließt, stellt sich Koistinen ohne mit der Wimper zu zucken dem nächsten Ungemach … und scheitert immer konsequent und auf die grandios vollkommenste Art und Weise. Aber er erduldet all das Leid, welches das rudimentäre Drehbuch ihm aufbürdet, während Kaurismäki hinter der Kamera unerschütterlich treu zu seinem Protagonisten hält. Als Zuschauer bleibt einem ebenfalls nichts anderes übrig.

Möglicherweise war bei LICHTER DER VORSTADT ein gehöriges Maß an Wut mit im Spiel, zumindest wenn man bedenkt, wie rücksichtslos Kaurismäki sich hier mit allen „losern“ dieser Welt solidarisiert: „You can’t bring me down“ (Suicidal Tendencies) ist das Motto des Films, zumal so etwas wie ein Hoffnungsschimmer die letzten Sekunden dieses zur Jahreszeit passenden trist-trüben Machwerks erhellt: Die Schlussszene (ein einfacher Händedruck) ist definitiv Gott und allein das Eintrittsgeld wert, aber …

LICHTER DER VORSTADT ist einfach viel zu kompromissloses Kino. Während der sehenswerte MANN OHNE VERGANGENHEIT echtes Drama zum Mitfiebern abliefern durfte (und sogar die Lachmuskeln wenn auch nicht strapazierte, so doch zumindest ansprach), wirkt der letzte Teil der „Verlierer-Trilogie“ Kaurismäkis wie ein auf Sparflamme heruntergekochtes Destillat des übergreifenden sujets: Kaum ein Kompromiss hinsichtlich Zuschauerbefriedigung wird geschlossen, allein Bildsprache (beinahe jede Szene variiert gekonnt „Nighthawks at the Diner“ von Edward Hopper) und Tonspur (hauptsächlich finnische Tangos, rührend untertitelt) sorgen für Unterhaltung; LICHTER DER VORSTADT kommt derartig finster daher, dass man sich irgendwann mit dem Protagonisten über jeden Sonnenstrahl freut, der die Leinwand illuminieren darf. (Während draußen vorm Kino Nieselregen fröhlich Glatteis produziert – irgendwie sieht Lebensbejahung anders aus …)

LICHTER DER VORSTADT ist Aki Kaurismäki hardcore für Aki Kaurismäki hardcore fans: Stoisches, die Grenzen der Langeweile bei vollem cinéastischen Bewusstsein auslotendes, geradezu nihilistisches Kino, das offensichtlich Chaplins klassisches Meisterwerk CITY LIGHTS / LICHTER DER GROSSSTADT als Vorbild auserkoren hat, dessen beschwingt-lebensbejahendes Tempo allerdings mit einer derartig grausam-nihilistischen Konsequenz konterkariert, dass man bald den ersten guten Vorsatz fürs neue Jahr 2007 gefunden zu haben meint: Diesen Film aus Selbstschutzgründen bis zum 1. Januar zu vergessen.

Schade, Aki. Mal echt: War das nötig?


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