BABEL

Babel      (Mexiko, USA, 2006)

Regie: Alejandro Gonzáles Ináritu
Drehbuch: Guillermo Arriago. Kamera: Rodrigo Prieto. Musik: Gustavo Santaolalla
Mit: Brad Pitt (Richard), Cate Blanchett (Susan), Mohamed Akhzam (Anwar), Adriana Barraza (Amelia), Gael García Bernal (Santiago), Rinko Kikuchi (Chieko), Kôji Yakusho (Yasujiro) u.v.a.
144 Minuten      (8 von 10 Punkten)

Babel
(Bildrechte: Tobis)

Episodenfilme sind eine zweischneidige Angelegenheit: Zwar immer für renommierte Filmpreise gut, aber auch ein kommerzielles Wagnis, weil sie vom Publikum erhöhte Aufmerksamkeit erfordern, wenn der Aufbau einen allzu radikalen Wechsel zwischen den Erzählsträngen festschreibt. Ináritu selbst setzte dem in 21 GRAMM (2003) die Krone auf, in dem er zudem auf Chronologie verzichtete, was ihm mancherorts auch negativ angekreidet wurde. BABEL ist hingegen konsumentenfreundlicher gestaltet, wandert zeitlich innerhalb der Episoden von A nach B und ist in jedem Zeitfenster noch lang genug, um nicht nur schlaglichtartig zu beleuchten, sondern nuancierte Entwicklungen möglich zu machen. Steven Soderberghs TRAFFIC (2001) ist von der Machart hier als engster Verwandter anzusehen.

Die Verzahnung der drei Teile ist allerdings eine schwache, sie dient als Anstoß für die meist dramatischen Entwicklungen, in denen sich die Figuren fortan bewähren müssen. Dabei ist Episode 1, die in der Bergwelt Marokkos spielt, mit Brad Pitt und Cate Blanchett von den Namen her am stärksten besetzt. Vordergründig geht es um Richards Ringen um das Überleben seiner Frau Susan, die fahrlässig von zwei mit einem Gewehr spielenden Hirtenjungen angeschossen wurde. Einhergehend mit den Bemühungen der Dorfbewohner, den Notleidenden, die einstmals wie Aliens vom Bus aus die Verhältnisse bestaunt haben, zu helfen, sind nicht minder beeindruckend die Bilder der archaischen Lebensstrukturen im Hinterland, die durch den tragischen Vorfall in Aufruhr geraten. Der Einbruch der aufgrund missverstandener Brisanz der Ereignisse alarmierten Polizei endet schließlich in einer persönlichen Tragödie.

In Episode 2 sieht sich Richards und Susans Haushälterin Amelia in Kalifornien gezwungen, deren zwei minderjährige Kinder zur Hochzeit ihres Sohnes mit nach Mexiko zu nehmen. Bei der Rückfahrt nach San Diego kommt es bei einem Grenzkontrollpunkt zu Komplikationen. Hier ist es einerseits das Spiel von Adriana Barraz als treu sorgendes und aufopferungsvolles Kindermädchen, das das Kinopublikum zu Herzen rührt. Andererseits verbittert das rechtlich korrekte, aber kompromisslose Vorgehen der US-amerikanischen Obrigkeit, als es Anlass gibt, an Amelias Beweggründen für die vermeintliche Kindesentführung zu zweifeln.

Episode 3 passt so gar nicht in die psychisch nachfühlbare Hitze der Vorgänger Marokko und Kalifornien; die Metropole Tokio wird – wie in letzter Zeit so oft – gezeigt als von Menschen, Häusern und Verkehr dominierter Moloch, in dem sich nur mehr ein besonderer Menschentypus (= der moderne Japaner) zurechtfindet. Indes, die Suche nach Orientierung gestaltet sich für die 16-jährige Chieko, ihres Zeichens taubstumm und latent traumatisiert vom Tod ihrer Mutter, schwierig, die Äußerungen der in ihr aufkeimenden Sexualität sind schwierig in der Spannbreite zwischen Provokation und Hilferuf einzuordnen. Verstörend für Chieko und das Publikum zugleich.

Jeder Erzählstrang für sich ist fesselnd genug, um im Vergleich zu den anderen beiden bestehen zu können. Die Wechsel erfolgen kunstvoll passend, um gleichzeitig die unmittelbare Fortsetzung zu wünschen, aber auch mit dem erhofften Weitergang der Parallelepisoden beschenkt zu werden. Cliffhanger hat BABEL nicht nötig, er bewegt sich ohnehin konstant auf hohem Niveau. Die namhaften Schauspieler erhalten vom Drehbuch gerade genug Raum, um authentisch für die Rolle zu wirken, ohne die Geschichte durch ihre Präsenz zu dominieren, emotionale Tiefe bewirken zudem die sparsam eingestreuten Gitarrenarrangements von Gustavo Santaolalla. Regisseur Ináritu hat es wieder einmal geschafft, mit einem kraftvollen, dramatischen und tief gehenden Film seine Könnerschaft zu beweisen. Wenn auch zwischen seinen bisherigen Werken AMORES PERROS (2000), 21 GRAMM und BABEL immer drei Jahre vergehen mussten, so ist die Wartezeit gerne in Kauf genommen angesichts der zu erwartenden Qualitätsware.


About this entry