APOCALYPTO

Apocalypto     (USA, 2006)

Regie: Mel Gibson
Drehbuch: Mel Gibson und Farhad Safinia
Mit: Rudy Youngblood (Jaguar-Pranke), Jonathan Brewer, Dahlia Hernandez, Morris Birdyellowhead, Carlos Emilio Baez, Ramirez Amilcar, Israel Contreras, Israel Rios, Iazua Larios u.a.
139 Minuten    (6 von 10 Punkten)

Nun bleiben wir mal ganz sachlich, ignorieren das Stammtischgelaber über die Eskapaden des Herrn Gibson und konzentrieren uns auf den Film. Und jener ist meiner Einschätzung nach nämlich weder grottenschlecht noch überaus bemerkenswert. Vielmehr präsentiert sich mit Apocalypto ein aktionsreicher, farbenprächtiger und für Freunde dieser Art leicht zu konsumierender Abenteuerstreifen, der in Punkto Bild- und Schnitttechnik, Kameraführung und Ausstattung das bietet, was von einer Blockbuster-Produktion erwartet werden darf. Ein linearer Handlungsaufbau, eine überschaubare Schauspielerschar, exotische Kulissen (gedreht wurde auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan) und beeindruckend (martialisch) von der Maske hergerichtete Akteure sind weitere Kriterien, die zur Erlangung des Prädikates „Fast-Food-Kino“ erfüllt werden. Daran tut auch die aus Authentizitätsgründen (oder aus einer Marotte Gibsons heraus?) rekonstruierte und ausschließlich benutzte Maya-Originalsprache keinen Abbruch.

Letztendlich ist eine Kombination von Michael Manns Der letzte Mohikaner (1992) und Rambo: First blood (1982) dabei herausgekommen, wobei weitere Anleihen aus der jüngeren Filmhistorie unverkennbar sind. Zu Beginn des Films – wir befinden uns zeitlich kurz vor dem Eintreffen der spanischen Eroberer in Mittelamerika – wird eine archaische Gemeinschaft gezeigt, die ein Leben in Frieden und Einklang mit der Natur (hier: dem umgebenden Urwald) vollführt, eine Anfangssequenz, die an Terence Maliks Der schmale Grad (1998) erinnert. Über der Idylle hängt das Damoklesschwert der Vernichtung und Verschleppung, saugen wir also noch rasch die letzten Stunden fröhlichen Stammeslebens ein, lernen einige Figuren namentlich kennen und schließen sie in unser Herz ein, bevor der Sturm losbricht.

Das Dorf wird überfallen, die „bösen“ Wilden werden gezeigt, die sich nicht mit dem Aufschlitzen von Tieren begnügen. Ein Todesmarsch der erwachsenen Bewohner beginnt, dessen Rechtmäßigkeit für die Opfer genau so unbegreiflich gewesen sein dürfte wie sie für das Publikum ist, aber die Macht des Stärkeren ist für den Sieger auch hier Grund genug. Der Einzug in die Maya-Hauptstadt offenbart dann in plakativer Weise eine entartete Gesellschaft, von deren Vertretern und Tun auch in folgenden Verlauf der Handlung nichts Gutes zu erwarten ist. Auf ein differenziertes Feindbild wird verzichtet, die Schwarz-Weiß-Zeichnung der Kontrahenten ist ärgerlich oberflächlich, obwohl viel Blau, Weiß und vor allem Rot, Rot, Rot auf der Leinwand zu sehen ist. Der Versuchung, die historisch verbürgten Opferungsszenarien in blutiger Bildgewalt zu zelebrieren, ist Gibson wieder einmal erlegen.

Nach den apokalyptischen Bildern aus der Mayahauptstadt beruhigt sich der Film insofern, als dass es auf das sattsam bekannte Spiel „Einer gegen alle“ hinausläuft. Die Verfolgung des flüchtigen Protagonisten und Sympathieträgers durch neun Jäger, deren Identität auch jetzt nicht über grob skizzierte Feindbilder hinausgeht, ist flott und schnittig gemacht, Gibson greift tief in die Mottenkiste und liefert eine Mischung aus bekannten Szenarien in neuer Choreographie. Das edle Überlebensziel (Rettung der schwangeren Ehefrau) führt genregemäß zu übernatürlicher Kraft und Wundheilung, die Kämpfe sind schmerzvoll, aber im Gegensatz zu den Opferritualen kurz und knapp.

Apocalypto ist nichts für zart Besaitete und die Frage, ob die expressive Gewaltdarstellung an allen Stellen notwendig ist, darf gestellt werden. Bis zum Überfall zeigt Gibson, dass er auch durchaus versteht, atmosphärisch dicht und spannend zu inszenieren, ohne dass Menschenblut vergossen wird. Parallelen zum thematisch (Untergang einer Kulturform) ähnlich gelagerten Der mit dem Wolf tanzt (1990) sind denkbar und Kenner erinnern sich, dass auch dort mancher erschlagen oder erschossen wurde. Aber letztlich ist Kostners Film kein Maßstab für das im fortschreitenden Handlungsverlauf zunehmend Gewalt betonte Actionspektakel im historischen Gewand. Für die Sinne hat es einiges zu bieten, aber die Köpfe kommen einfach (zu) kurz weg.


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