ALS DAS MEER VERSCHWAND

Als das Meer verschwand     (In my father’s den; NZE, GB, 2004)

Regie: Brad McGann
Drehbuch: Brad McGann. Basierend auf dem Buch „In my father’s den“ von Maurice Gee
Mit: Matthew MacFadyen (Paul Prior), Emily Barclay (Celia Steimer), Colin Moy (Andrew Prior), Miranda Otto (Penny Prior), Jodie Rimer (Jackie), Jimmy Keen (Jonathan Prior) u.a.
125 Minuten      (6 von 10 Punkten)

Als das Meer verschwand
(Bildrechte: Capelight Pictures)

Gegenwart, irgendwo im Süden Neuseelands. Kriegsfotograf Paul Prior kehrt anlässlich des Todes seines Vaters nach 17 Jahren Abwesenheit in seinen Heimatort zurück. Der Empfang durch seinen Bruder Andrew ist verhalten, zu sehr belastet der abrupte Abschied nach dem Freitod der Mutter die Beziehung. Paul lernt Celia, die 16-jährige Tochter seiner Ex-Geliebten Jackie, kennen, die beiden halten sich auch in einer versteckten Bibliothek auf, die sein Vater im Anbau einer Scheune als Refugium eingerichtet hatte. Als Celia kurz darauf spurlos verschwindet, konzentrieren sich die Ermittlungen auf Paul, der sie zuletzt lebend gesehen haben soll.

Ein düstere Geschichte, gefüllt mit Familientragödie, persönlichen Traumata, Kleinstadtzwängen, verpassten Chancen und fernen Hoffnungen. Von der Fachpresse mit dem Prädikat „New Zealand Gothic“ betitelt, offenbart der Film selten eine Szene, in der eine Person leichthin und unbelastet agiert, und trotz der von Kameramann Stuart Dryburgh (auch für Das Piano (1993) verantwortlich) zeitweise in kontemplativer Muße eingefangenen Weite der Landschaft wird der Zuschauer gleichsam von der Schwere erdrückt, die auf den Akteuren lastet. Das grenzt oftmals am Unerträglichen, die Komplexität der Zwänge, Geheimnisse und Konflikte werden einerseits gewollt unangenehm spürbar gemacht, andererseits sind sie doch von einer Qualität, die dem Großteil des Publikums persönlich fremd sein dürfte und eine gute Schicht Sitzfleisch als vorsorgliche Eingreifreserve anraten lässt.

Im Fokus der Geschichte agiert Matthew MacFadyen, der kaum ein Jahr später als Mr. Darcy in Stolz und Vorurteil (2005) der breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Sein wortkarger, verschlossener Paul Prior offenbart mit jedem Wort und jeder Bewegung den Drang zur inneren Isolation, sei es nun verursacht durch die tragischen Geschehnisse in seiner Kindheit, sei es durch die Grausamkeiten in den Kriegsgebieten, die er in meisterlicher Manier auf Fotos gebannt hat. Er raucht zu viel, ein suchender, melancholischer Blick liegt in den Augen, ein Gemälde – die Hoffnung darstellend – ist das einzige, was er vom Mobiliar seines Vaters vor den Flammen rettet; es fehlt nicht viel, um ihn als einen gebrochenen Mann zu bezeichnen.
Was ihn letztlich von der raschen Abreise vom Ort seines Elternhauses abhält, ist die Bekanntschaft zur jungen Celia, die seine Tochter sein könnte (oder gar ist?) und in deren Wünschen nach Freiheit er seine eigenen, längst vergangenen wieder erkennt. Ihr, die „lieber ein Niemand in Irgendwo als ein Jemand im Nirgendwo“ sein will, wird der Nimbus der Außenseiterin zugeschrieben, und es nimmt nicht wunder, dass sich die platonische Beziehung von Paul und Celia zum Fixpunkt der Story entwickelt, an deren Fortgang sich Vergangenes und Nebenfiguren in ihrer wahren Gestalt offenbaren. Überwiegend graue, blasse Bilder transportieren eine Atmosphäre von Enge und Kälte, die portraitierte Kleinstadt wird zum Hort, aus dem Celia auszubrechen sucht und wo sie in Paul einen Seelenverwandten zu finden hofft. Des Öfteren fängt die Kamera sie oder ihn mit der Hand am Atlas oder Globus auf, ihr Freiheitsdrang wird durch Patti Smiths „Horses“ musikalisch untermalt.

Als das Meer verschwand ist eine vielschichtig verschachtelte und auf mehreren Zeitebenen spielende Geschichte, für deren Inhalte und Form man ein Faible haben muss. Weniger Standfesten drohen der Eindruck der Überladenheit und Gefühle wie Langeweile und Desinteresse. Obwohl die Anzahl der handelnden Personen überschaubar ist, wird jede vom Drehbuch mit Facetten versehen, die sich zunächst willkürlich über das Handlungsgeschehen erstrecken und erst am Ende ein komplettes Mosaikbild formen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg, das Erzähltempo eher langsam (manchmal, bei Pauls Kämpfen gegen die inneren Dämonen, bis zum Stillstand) und die Gefahr gegeben, durch kurzzeitiges Abschweifen der Aufmerksamkeit ein vermeintlich wichtiges Steinchen zu verpassen. Einfache Lösungen liegen dem Film fern, es ist geduldiges Erarbeiten, durch den sich sein Wert erschließen lässt.


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