DEPARTED – UNTER FEINDEN

*** DEPARTED – UNTER FEINDEN / THE DEPARTED * USA 2006 * Musik: Howard Shore, The Rolling Stones, Nas, John Lennon, Pink Floyd, Dropkick Murphys, The Beach Boys, Allman Brothers Band, Antonín Dvorák, Gaetano Donizetti, u. a. * Schnitt: Thelma Schoonmaker * Kamera: Michael Ballhaus * Drehbuch: William Monahan, basierend auf dem Skript von Siu Fai Mak und Felix Chong zum ersten Teil der INFERNAL AFFAIRS-Trilogie (Hong Kong 2002 / 2003) * Regie: Martin Scorsese * Darsteller/-innen: Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Alec Baldwin, Ray Winstone, Vera Farmiga, u. v. a. * 152 Minuten * (9 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Boston, Massachusetts, USA. Der südliche Teil der „Hauptstadt“ Neuenglands wird schon seit einer Unzeit vom irischen Mafiaboss Frank Costello (wieder einmal diabolisch at his best: Jack Nicholson) kontrolliert, dessen schier unangreifbare Macht sich bis ins Bostoner Police Department erstreckt: Denn ebendort sitzt seine „Ratte“, der junge, aufstrebende Colin Sullivan (mimisch mal wieder überfordert: Matt Damon), den er seit dessen Kindheit wie den Sohn den er nie hatte protegiert.

Was aber weder Costello noch Sullivan wissen: Auch die Bostoner Polizei – genauer: die Leitung der dortigen undercover-Abteilung, Dignam (etwas blass bleibend: Mark Wahlberg) und Queenan (gewohnt souverän: Martin Sheen) – war nicht untätig und hat den selbst aus einer irischen Mafia-Familie entstammenden Billy Costigan (überzeugend: Leonardo DiCaprio) in Costellos Bande von Massenmördern eingeschleust, um ein für alle Mal dessen blutiges Handwerk zu beenden. Costigan und Sullivan wissen voneinander nichts, doch sowohl der Mafia als auch der Polizei wird schnell klar, dass sie „Ratten“ in den eigenen Reihen zu suchen haben.

Und während das FBI ganz eigene Pläne verfolgt, von denen wirklich niemand etwas weiß, müssen sich Costello und Sullivan ausgerechnet in dieselbe Frau verlieben: Polizeipsychologin Madolyn (Wo war die denn all die Jahre?: Vera Farmiga).

Eine derartig verhängnisvoll miteinander verknüpfte Personenkonstellation kann nur auf ein blutiges Ende zusteuern …

Kritik: Okay. Wenn Martin „No thanks to the Academy“ Scorsese hierfür nicht nächstes Jahr endlich einmal im Oscar-Regen stehen darf, dann … Nun, die Protagonisten dieses US-remakes des Hong Kong-thrillers INFERNAL AFFAIRS hätten da so eine Antwort anzubieten: Kopfschuss gefällig?

Denn auch DEPARTED – UNTER FEINDEN ist nichts weiter als ein cinéastischer Kopfschuss geworden. Vor allem in technischer Hinsicht. Es ist wirklich geradezu erschreckend, wie dermaßen perfekt das Ganze über mehr als 2 ½ Stunden inszeniert ist, allen voran der nicht mehr zu toppende Schnitt von Thelma Schoonmaker und die elegante Kameraführung von Michael Ballhaus.

Tja, und dann ist da noch ein Drehbuch, in welchem 237 Mal das Wörtchen „fuck“ vorkommt, und das nicht nur deswegen fast PULP FICTION-Qualitäten aufweist, und bei dem man kaum glauben mag, dass es sich hier um ein bloßes remake handeln soll, was so natürlich auch nicht stimmt. Denn Monahan und Scorsese haben die Vorlage nicht einfach übernommen, sondern bis in die kleinsten Details mit dem heimlichen Hauptdarsteller, der Stadt Boston, abgestimmt – Drehort war leider dennoch zum Großteil New York City. Aber das ist, angesichts dieses Ergebnisses, nun wirklich sowas von egal.

Denn die Genialität all dessen, was man hier zu sehen bekommt, in Worte zu fassen, fällt wirklich schwer. Allein bis der Titelschriftzug – es gibt keine opening credits – über die Leinwand geflimmert ist, hat THE DEPARTED schon so viele Geschichten erzählt, wie Kinofilme im Jahr erscheinen; 152 Minuten gelten normalerweise als Überlänge, an THE DEPARTED ist aber eben absolut nichts unnnötig in die Länge gezogen; jede Szene, so kurz sie auch sein mag, schimmert wie ein kostbarer Zelluloid-Diamant.

THE DEPARTED lässt das klassische good cop / bad cop-Modell weit hinter sich, denn bald weiß man weder als Zuschauer ein, noch als Hauptfigur aus – letztere bleiben trotz des überkandidelt komplizierten Skripts dennoch immer glaubwürdig. Eben weil das Drehbuch nie auf allzu plakative Art verworren daher kommt, sondern wahrhaft kunstvoll immer wieder schier unfassbare twists and turns einbaut. Selbst nach dem Film entschließen sich einem Szenen, die man während des Films nur als nettes optisches Beiwerk betrachtet hatte: Wow! Noch ein Puzzlestück! Und hier: Noch eins! Wohin damit bloß?

Einzige Wermutstropfen, mal abgesehen davon, dass ich eigentlich keine Mafia-Filme mag, und diesem Film schon deshalb die Höchstnote verweigern muss: Das an RESERVOIR DOGS erinnernde Ende ist vergleichsweise schwach. (Überhaupt wird vielleicht zuviel an Gehirnmasse verspritzt …) Und: Hollywood scheinen die markanten Gesichter abhanden zu kommen; ein Damon ist nunmal kein Nicholson.

Zwar mag es im Sinne des Drehbuchs sein, dass sich die beiden Hauptfiguren Costigan und Sullivan als „undercover rats“ derartig ähneln und somit beinahe zu einem Charakter verschmelzen, aber DiCaprio und Damon sehen sich zeitweise, vor allem nach einem abrupten Schnitt, einfach zu ähnlich: THE DEPARTED bekommt somit unfreiwillig FACE/OFF-Charakter.

Vor allem Damon kann sein Milchbubi-image trotz seiner bad cop-Rolle einfach nicht abschütteln. DiCaprio stiehlt ihm mühelos die show, nur um seinerseits von Nicholson an die Wand gespielt zu werden. Gottseidank hat die einzige Hauptdarstellerin, die mir bislang völlig unbekannte Vera Farmiga, diese Sorgen nicht. Braucht sie aber auch generell nicht zu haben, denn … Naja. Ich mach’s kurz: Wow!

Was bleibt, ist der mehr als nachhaltige Eindruck, mit DEPARTED – UNTER FEINDEN nicht nur endlich mal wieder ein Meisterwerk von Martin Scorsese gesehen zu haben, sondern auch die Frage: Kann es sowas wie den perfekten Film geben? (Wenn ja, dann isser das!)

Unbedingt. Wirklich unbedingt: Reingehen machen! Besser kann Kino auf absehbare Zeit hin kaum werden …


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