LITTLE MISS SUNSHINE

Little Miss Sunshine     (USA 2006)

Regie: Jonathan Dayton & Valerie Faris
Buch: Michael Arndt
Mit: Greg Kinnear (Richard Hoover), Toni Collette (Sheryl Hoover), Steve Carell (Frank), Paul Dano (Dwayne Hoover), Abigail Breslin (Olive Hoover), Alan Arkin (Großvater Hoover) u.a.
103 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Albuquerque, USA, Gegenwart. Familie Hoover fährt 800 Meilen, um mit der 7-jährigen Tochter Olive am „Little Miss Sunshine“-Schönheitswettbewerb an der kalifornischen Küste teilzunehmen. Von unumschränkter Harmonie konnte vor dem Aufbruch nicht die Rede sein, zu verschieden sind die Charaktere, die sich im klapprigen und stickigen VW-Bus zusammendrängen: Opa ist wegen allzu exzessiver Lebensweise und Drogenkonsum aus dem Altersheim geflogen, Vater Richard schlägt sich mäßig erfolgreich als Motivationstrainer durch, in denen er seinen 9-Stufen-Plan vom Gewinnen im Leben predigt. Sein Schwager Frank, bekennender bester Proust-Experte Nordamerikas, leidet an den Folgen seines Selbstmordversuches: Sein Lover entschied sich für seinen Kollegen und zweitbesten Proust-Kenner. Sohn Dwayne (15) liest Nietzsche, hasst alle Menschen und schweigt seit 9 Monaten bis zur Erlaubnis, zur Air-Force-Flugschule gehen zu dürfen. Und die pummelige Brillenschlange Olive entspricht so gar nicht dem Schönheitsideal, den die Macher/innen derartiger Wettbewerbe glauben machen wollen. Einzig Mutter Sheryl scheint es zugeschrieben, als „Normalo“ mit Empathie die aufwogenden Turbulenzen immer wieder zu glätten.

Die Geschichte ist nicht neu, „Road Movies“ mit zwei, drei oder noch mehr Leuten, die von A nach B fahren oder einfach nur weg wollen, sind ein oftmals eingeflochtenes Element, wenn nicht gar ein eigenes Genre des US-amerikanischen Films. Little Miss Sunshine fügt die bekannten Zutaten aber wohl dosiert zu einer amüsanten, manchmal traurig-nachdenklichen, aber nie kitschigen Geschichte zusammen. Ein Film, der sowohl dem „Entspannungspublikum“ als auch dem anspruchsvollerem Kinogänger munden dürfte.

Besonderer Pluspunkt ist das sechsköpfige Schauspielerensemble, dem ich die verkörperten Rollen sofort abnehme. Ihre Anteile sind über den Handlungsspielraum gleichmäßig verteilt, eine etwaige Wortdominanz des einen wird durch ein intensiveres Erlebnis des anderen ausgeglichen, jeder hat seine Macken und Traumata, und doch kommen sie sympathisch rüber. Der Zusammenhalt in der Vielfalt wird allein schon durch die räumlichen Grenzen des VW-Busses verwirklicht. Ja, Regisseur Dayton ging sogar so weit, das gelb-weiße Vehikel als 7. Hauptrolle zu bezeichnen. Als „running gag“ wird seine Rolle vielleicht die sein, die am längsten im Gedächtnis bleibt.

Wurde vor Aufbruch nach Kalifornien das Konfliktpotential beschrieben, das die Tour mit den unterschiedlichen Charakteren in sich birgt, so schweißen – auch keine wirkliche Überraschung – das gemeinsame Unternehmen, die äußeren Hindernisse und internen Diskussionen zu einer Einheit zusammen. Noch bevor das anvisierte Ziel (der Schönheitswettbewerb) erreicht wird, festigt sich der einzelne durch eigene Erkenntnis, Aufklärung und Solidarität. Dabei ähnelt allerdings die dargebotene Beschwörung des „Sei du selbst“ und „Auch Schlechtes erfahren lässt reifen“ verdächtig Richards 9-Stufen-Programm, welches bislang genüsslich durch den Kakao gezogen wurde. Nimmt der Film seine eigene Botschaft nicht ernst?

Wie dem auch sei: Die Probleme der einzelnen Protagonisten sind in diesem Feel-Good-Movie von minderer Qualität und ihre Lösung nicht wirklich etwas, was dem Zuschauer als Wegzehrung mitgegeben wird. Einzige, aber auch deutliche Kritik ist die gegen den Schönheitswahn, dem Olive (Herz zerreißend süß: Abigail Breslin) und die um ihr Wohl besorgte Familie auf den Leim gegangen sind. Mit einer fulminanten Attacke, die an die Flodder-Filme erinnert, wird beim eigentlichen „Little Miss Sunshine“-Wettbewerb zwar das bis dahin vorherrschende kontrollierte Erzähltempo ein paar Takte lang überdreht, was aber angesichts der dort präsentierten Zustände und Beteiligten ein nur allzu probates Mittel ist. Die Frage, wer beim Ertönen von Rick James’ Hit mit „Super Freak“ gemeint ist, wird zur Genüge beantwortet.


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