THUMBSUCKER – BLEIB WIE DU BIST

*** THUMBSUCKER – BLEIB WIE DU BIST / THUMBSUCKER * USA 2005 * Musik: Elliott Smith, The Polyphonic Spree, u. a. * Drehbuch: Mike Mills, nach dem gleichnamigen Roman von Walter Kirn * Regie: Mike Mills * Darsteller/-innen: Lou Pucci, Tilda Swinton, Vincent D’Onofrio, Keanu Reeves, Vince Vaughn, Kelli Garner, Chase Offerle, Benjamin Bratt, u. a. * [OmU] * 96 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Thumbsucker - Bleib wie du bist
(Bildrechte: Stardust)

„Drug you up because they’re lazy / It’s too much work to help a crazy“
(Suicidal Tendencies)

Synopsis: Das klassische US-amerikanische independent movie liebt (sogenannte) Außenseiter, welche oftmals als wahre Lichtgestalten in einer ansonsten degenerierten Gesellschaft gezeigt werden.

Justin Cobb (Silberner Bär bei den Berliner Filmfestspielen für die beste männliche Hauptrolle: Lou Pucci) ist keine solche Lichtgestalt. Er ist eigentlich ein ganz normaler siebzehnjähriger Junge, der, mal abgesehen von seiner Schüchternheit, eigentlich nur ein Problem hat: Er ist immer noch ein Daumenlutscher, ein THUMBSUCKER.

Kein Wunder also, dass seine ansonsten liebe- und verständnisvollen Eltern (Tilda Swinton und Vincent D’Onofrio) ihren ältesten Spross nicht nur sorgenvoll betrachten, sondern ihm dringend nahe legen, dieses Kleinkindgebaren doch endlich einzustellen. Zumal die Zahnarztrechnungen von Dr. Lyman (Keanu Reeves) immer gepfefferter werden …

Die „Lösung“ findet sich dann aber so einfach wie urplötzlich: Bei Justin wird ADS („Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“) festgestellt, und er bekommt Ritalin, ein Psychopharmakum, welches sich nur durch drei Moleküle von Kokain unterscheidet, verschrieben, mit der Konsequenz, dass sein Leben und das seiner Umgebung sich schlagartig zum Besseren wandelt.

Aber tut es das wirklich?

Kritik: Was anfangs sowohl vom soundtrack, als auch von der Bildsprache (lange, ruhige Einstellungen) scheinbar sowas wie die Vorgeschichte von GARDEN STATE erzählt und somit fast rip-off-Charakter bekommt, entwickelt erst langsam einen ganz eigenen drive. THUMBSUCKER kommt nicht so richtig aus den Startlöchern, wirkt zunächst wie ein Derivat aus Altbekanntem: Hier der jugendliche Außenseiter, mit dem natürlich nur vordergründig was nicht stimmt, dort die verständnislose Umwelt, die sich nur den Anstrich von Normalität gibt, stattdessen aber so ihre eigenen Probleme hat, dies aber partout nicht zugeben kann: Das ist fast schon das klassische sujet des indie cinema, made in USA.

Wen deswegen schon zu Beginn des Films selbst das ominöse „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ (Ach, was wäre die deutsche Sprache doch ohne die Pharmaindustrie!) befällt, der macht allerdings einen Fehler, denn THUMBSUCKER lässt sich dankenswerterweise dann doch nicht so einfach unter „Alles schon bekannt“ abheften.

So fällt zum Beispiel angenehm ins Gewicht, dass THUMBSUCKER nicht auf Biegen und Brechen dramatisiert: Weder Justins Schulumfeld, noch seine Familie erscheinen als von ihn quälenden Monstern bevölkert, vielmehr wünscht sich wohl jeder pubertierende teenie solch tolle Eltern wie Audrey’n’Mike, beziehungsweise einen derart rücksichtsvoll-umgänglichen Lehrer wie den Leiter des schulischen Debattierclubs, Mr. Geary. Und die schon so oft thematisierte Hölle namens high school wird auch nicht von um sich schießenden „Verlierern“ bevölkert, sondern kommt in Form von Rebecca (Kelli Garner) vielmehr reichlich schnuckelig daher …

An dieser Stelle muss auf die höchst ungewöhnliche (und überraschend gelungene) Besetzung der Nebenrollen eingegangen werden, denn diese scheinen durchgängig von Schauspielern besetzt zu sein, die man als letztes in solch einem Film vermuten würde: Ausgerechnet MATRIX-Star Keanu „Ich hab’ wirklich nur diesen einen Gesichtsausdruck!“ Reeves spielt den Hippie-Zahnarzt, der irgendwann verständlicherweise keinen Bock mehr hat, dem pubertierenden Däumling immer und immer wieder die Zähne zurecht zu biegen, Krawallhumorist Vince Vaughn (DIE HOCHZEITSCRASHER) den netten, bebrillten Debattierclub-Lehrer und latin lover Vincent D’Onofrio (TITANIC) Justins Vater. Allein Tilda Swinton, die den Film auch koproduziert hat, wirkt von Anfang an nicht fehl am Platz und darf eine der schönsten Mutterrollen verkörpern, die man in letzter Zeit auf der großen Leinwand zu Gesicht bekommen durfte.

Und dann ist da noch Lou Pucci, der den vermeintlichen loser Justin mit größter Sensibilität spielt, was ihm völlig zurecht den Silbernen Bären bei den Berliner Filmfestspielen einbrachte. Ein wenig wirkt er allerdings wie die jugendliche Ausgabe von Zach Braff (GARDEN STATE), aber ich lasse hiermit jetzt endlich mal die Vergleiche mit einem meiner absoluten Lieblingsfilme sein und versuche zum Punkt zu kommen.

THUMBSUCKER gewinnt erst da wahre Größe, wo der Film seine unerwartete Wendung nimmt: Justin, vom Ritalin völlig verwandelt („It’s in my professional opinion that you’ve become a monster!“ – Mr. Geary), gewinnt eine Debatte nach der anderen, redet alles und jeden (Eltern, Lehrer, Mitschüler) an die Wand und ist endlich erfolgreich: Hier reißt THUMBSUCKER all seinen Protagonisten endlich die schützende (Drehbuch-)Decke weg, überall werden Konflikte offenbar, Justins ach so selbstsichere Umgebung zeigt ihr wahres Gesicht: Jede(r) um ihn herum ist auf seine / ihre ganz eigene Weise ein THUMBSUCKER. Und Justin selbst bald nichts weiter als ein „speed junkie“, weil von seiner eigenen Persönlichkeit nichts mehr durch die Maske des endlich gesellschaftsfähigen Strebers durchschimmert.

Diese Erkenntnis transportiert der Film Gott sei Dank nicht mit dem erhobenen Daumen, äh Zeigefinger (sorry, der gag lag einfach zu nahe …) und verzichtet nahezu völlig auf Geheul und Geschrei, worauf der deutsche Problemfilm sich leider immer wieder versteifen muss. Beim herzerwärmenden happy end drückt THUMBSUCKER vielleicht ein wenig zu sehr und auf allzu typisch amerikanische Art auf die Tränendrüse, weil dabei einem selbst die Wangen nass werden, kann ich dies dem Film aber auch nicht übel nehmen. Ganz im Gegenteil …

THUMBSUCKER gelingt das Kunststück, undogmatisch mit dem Thema Drogenkonsum (gemeint sind hier alle Drogen, egal ob auf Rezept oder vom dealer um die Ecke erhältlich!) umzugehen, keinen Bogen um teenager sex zu machen und gleichzeitig ein geradezu altmodisches Plädoyer für die Wichtigkeit von intakten Familienstrukturen zu halten, ohne dabei in schon zu oft gesehenes „I’m a loser baby, so why don’t you kill me?“-Kino umzukippen.

Hier füge ich noch ein kurzes, begeistertes „Wow!“ ein und setze hinzu: Zweifelsohne einer der herausragenden Filme des Jahres! (Den man sich am besten in der OmU anschaut …)


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