GOYAS GEISTER

Goyas Geister     (Goya’s Ghosts; E, USA, F, 2006)

Regie: Milos Forman.
Buch: Jean-Claude Carrière & Milos Forman
Mit: Javier Bardem (Pater Lorenzo), Natalie Portman (Inés / Alicia), Stellan Skarsgard (Francisco Goya), Randy Quaid (Karl IV), José Luis Gómez (Thomás Bilbatua) u.a.
114 Minuten      (3 von 10 Punkten)

Goyas Geister
(Bildrechte: Tobis)

Madrid 1792. Der Film beginnt verheißungsvoll, als die phantastisch-realistischen Kupferstiche des spanischen Malers und Grafikers Francisco Goya (1746 – 1828) im Kreis führender katholischer Geistlicher von einem zum nächsten weitergereicht werden. Das Tribunal beschließt, Goyas Wirkung durch strenge Maßnahmen (Inquisition!) Einhalt zu gebieten. Pater Lorenzo heißt der Erwählte, der gegen den bei königlichem Hofe durchaus wohlgelittenen Maler und für den bedrohten Einfluss der rechten Lehre antritt.

Wer jetzt einen Zweikampf von zwei Titanen erwartet, auf dessen Seiten ein mutiger Goya mit aufgeklärtem Geist gegen den finsteren Repräsentanten überkommener Standesansichten antritt, der wird umdenken müssen. Das liegt besonders an der Rolle des Titelhelden, der zwar mit seinen Bildern die grotesken Züge einer sich an ihre Macht klammernden Oberschicht darzustellen vermag, aber dem nichts in die Hände oder den Mund gelegt wird, um den Machenschaften der Inquisition bzw. expliziert denen des Pater Lorenzo die Stirn zu bieten. Der Zuschauer erkennt eher einen mit einem unsichtbaren Schutzmantel Bewehrten, dem es irgendwie gelingt, durch die Gefahren der politischen Wirren des Zeitenwechsels vom 18. zum 19. Jahrhundert zu kommen. Das mag den historischen Realitäten entsprechen, für den Film ist die Person Francisco Goya dramaturgisch eher unbedeutend. In der ersten Hälfte, die die Jahre 1792/93 abdeckt, stiehlt ihm José Luis Gómez als entschlossener Vater seiner eingekerkerten Tochter – und Goyas Muse – Inés die Show, als er unerwartet aufzeigt, dass mit dem vermögenden Bürgertum inzwischen ein weiterer Machtfaktor erwachsen ist.

Jene Episode ist der Höhepunkt von ca. 50 Minuten, die durch das umtriebige Wirken von Javier Bardem als Pater Lorenzo dominiert sind und dessen minimalistische Mimik und Gestik sowie die kontrolliert gewählten Sätze durchaus noch zu fesseln vermögen. Seine Auftritte, meist in geschlossenen Räumen vollzogen und von Worten statt Taten geprägt, geben Goyas Geister bis zu diesem Zeitpunkt etwas von einem Kammerspiel. Indes: Außer einem gelungenen Repräsentanten bietet der Film in der Darstellung der Institution „Inquisition, Abteilung Spanien“ wenig neue Erkenntnisse.

Konnte man sich mit der ersten Hälfte und seinen bekannten Zutaten (plus einiger kurzer, aber höchst amüsanter Auftritte von Randy Quaid als König Karl IV) noch anfreunden, so laufen die Geschehnisse und die Struktur des Filmes nach einer Zäsur von 16 Jahren vollends aus dem Ruder. Abrupte Tempowechsel, Massenszenen, der Krieg in den Straßen und im Gelände, sie treten an die Stelle der klaustrophobischen Enge und zerstören die bis dato noch erkennbare Präsenz des Bedrohlichen. Opfer werden zu Tätern, Richter zu Angeklagten und umgekehrt, ein Bild des Chaos breitet sich aus: Vieles wird eingebracht, das aber leider weder das Publikum bewegt noch die Frage nach Sinn beantwortet. Inmitten der politischen Ereignisse kreuzen sich auf schicksalhafte Weise die Wege der drei Protagonisten, man fühlt sich an „Les Miserables“ erinnert, allerdings inszeniert in einer massentauglichen Weise à la Andrew Lloyd Webber. Stellan Skarsgard taumelt als tauber Goya von einer Szene zur nächsten, ohne wirklich etwas zu bewegen. Bardems Lorenzo gibt weiterhin den Unhold, die eindimensionale Darstellung hat sich aber mehr und mehr abgenutzt. Und Natalie Portman spielt Mutter und eigene Tochter gleichzeitig, vom Maskenbildner hergerichtet, aber vom Drehbuch im Stich gelassen. Wer mag ihr zu dieser Rolle geraten haben? Das Schlussbild nach 114 Minuten abnehmendem Anreiz vereint alle Heroen und ist so unfreiwillig operettenhaft, dass man zwischen spontanem Mitleid und Belustigung über dieses Werk hin- und herschwankt.

Wenn etwas in Erinnerung bleibt, dann sind es Goyas schaurig-schöne Karikaturen, deren häufige Einblendungen mehr Interesse an Leben, Werk und Zeitumstände des Malers erwecken, als es Milos Formans Film vermag.


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