SCOOP – DER KNÜLLER

*** SCOOP – DER KNÜLLER / SCOOP * Großbritannien / USA 2006 * Musik: Edvard Grieg, Johann Strauß (Sohn), Pjotr Iljitsch Tschaikowski, u. a. * Drehbuch und Regie: Woody Allen * Darsteller/-innen: Woody Allen, Scarlett Johansson, Hugh Jackman, Ian McShane, Charles Dance, u. a. * 96 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Scoop - Der Knüller
(Bildrechte: Concorde Filmverleih)

Synopsis: Die amerikanische Journalistik-Studentin Sondra Pransky (Scarlett Johansson) erfährt vom Geist des kürzlich verstorbenen Londoner Star-Reporters Joe Strombel (Ian McShane) in der Zauberkiste des windigen, sein Varieté-Publikum heimlich verachtenden Magiers Splendini (Woody Allen), dass der reiche Jung-Aristokrat Peter Lyman (Hugh Jackman) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit dem schon seit längerem in London sein Unwesen treibenden „Tarotkartenkiller“ identisch ist.

Die story ist ein SCOOP, ein KNÜLLER, keine Frage: Sondra wittert frühen Ruhm und macht sich sogleich mit Splendini, der eigentlich Sid Waterman heißt, und den sie als ihren Vater ausgibt, auf zur Recherche in die Londoner upper class …

Dummerweise verliebt sie sich in den gutaussehenden Lyman, nicht umsonst Prototyp des englischen gentleman, während sich Splendini / Waterman in Gegenwart der high society wie ein Elefant im Porzellanladen verhält, aber im Gegensatz zu Sondra wenigstens nie sein Misstrauen verliert … und im Anwesen der Lymans tatsächlich ein Tarotkartenspiel auftreibt …

Aber warum sollte ausgerechnet der angesehene Peter Lyman im Jack the Ripper-Stil Prostituierte umbringen?

Kritik: Woody Allen verlegt seine MANHATTAN MURDER MYSTERY in seiner 38. Regiearbeit nach London, und die internationale Kritikergilde schreit kollektiv „Selbstplagiat!“ – Die Antwort des geneigten Cinéasten hinsichtlich SCOOP – DER KNÜLLER sollte dagegen sein: Ruhe bewahren, cool bleiben, reingehen, schlapp lachen.

Zwar wird schon nach wenigen Minuten deutlich, dass die einzige Existenzberechtigung von Allens zweitem London-Film nach dem ungleich raffinierteren MATCH POINT ein blondes Wesen ist, das sich irgendwann, in einer genüsslich zelebrierten BAYWATCH-Sequenz, in einen roten Badeanzug zwängt: Scarlett Johansson, der Allen das Drehbuch auf den üppigen Leib schrieb und die wohl zudem der einzige Grund dafür ist, dass hier der zunehmend tattrige Meisterregisseur womöglich zum letzten Mal auch vor der Kamera zu sehen ist: Woody hat sowohl als Regisseur, als auch und vor allem als Schauspieler schon wahrlich bessere Zeiten gesehen, aber man sieht es ihm gerne nach. Das wirklich rudimentäre Skript erreicht in keiner Phase die geniale Stringenz von MATCH POINT, dafür sind Allen und sein Schauspielensemble endlich mal wieder eines: auf geradezu alberne Art und Weise witzig.

Die zuweilen überbordende Komik, die zwar nie an Allens frühe Meisterwerke à la ANNIE HALL / DER STADTNEUROTIKER oder MANHATTAN heran reichen kann, beschränkt sich fast ausschließlich auf one-liner, die entweder aus dem Mund des alter egos des Regisseurs (Schmalspur-Magier Splendini) kommen, oder Scarlett Johansson zwischen die Lippen gelegt werden, was vor allem ihr wirklich gut steht, denn so richtig lustig durfte Scarlett bisher nicht auf der Leinwand agieren, womit Allen dankenswerterweise mit SCOOP endlich Schluss macht und Miss Johanssons komische Seite offenbart; zugleich wohl der Hauptgrund, warum SCOOP einfach nur Spaß macht.

Altmodisch inszeniert und von einem klassischen soundtrack (Grieg, Strauß, Tschaikowski) begleitet, nehmen die eigentlichen Hauptdarsteller Johansson und der etwas blass bleibende Hugh Jackman zunehmend die Züge von Doris Day und Cary Grant an; zumindest fühlt man sich an klassisch-komisches Hollywood-Kino erinnert, so unschuldig und bezaubernd realitätsfremd kommt SCOOP daher: Zwar geht es um Mord und Totschlag und eine durchaus leidenschaftliche Liebesaffäre, aber SCOOP lotet keines dieser sujets wirklich aus, lässt Sex und Gewalt außen vor und punktet eigentlich nur auf der Allenschen Wortwitzebene.

Das reicht in keiner Sekunde zu einem Champions League-Platz in Woodys Gesamtwerk; wer die Waage aus dem Archiv holt, wird SCOOP für zu leicht empfinden. Andererseits wurde man zumindest in diesem Jahr selten auf so angenehm nicht-anspruchsvolle Weise unterhalten: SCOOP entlässt einen mit einem warmen Cinéasten-Herz und einem Lächeln auf den Lippen in den kalten Novembernebel. Mehr kann, mehr darf man aber auch nicht verlangen.

Der schrecklich kühle Vorgänger MATCH POINT ist objektiv betrachtet zweifelsfrei der bessere Film, aber SCOOP lässt ihn dennoch hinter sich, weil Wortwitz und Esprit, Charme und Nonchalance Woody Allen einfach besser stehen als Shakespeare-haftes Drama.

Wieder einmal: Danke, Woody!


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