AMERICAN HARDCORE: THE HISTORY OF AMERICAN PUNK ROCK 1980 – 1986

*** AMERICAN HARDCORE: THE HISTORY OF AMERICAN PUNK ROCK 1980 – 1986 / AMERICAN HARDCORE * USA 2006 * Drehbuch: Stephen Blush, nach seinem Buch „American Hardcore: A Tribal History“ * Regie: Paul Rachman * Musik und Darsteller/-innen: 7 Seconds, Adolescents, Frank Agnew, Agnostic Front, Jonathan Anastas, Phil Anselmo, George Anthony, Mark Arm, Articles of Faith, Bad Brains, Bad Religion, Battalion of Saints, Brian Baker, Al Barile, Nancy Barile, Matthew Barney, Dicky Barrett, Big Boys, Black Flag, Vic Bondi, Greta Brinkman, Dez Cadena, Tony Cadena, Joe Carducci, Curtis Casella, Channel 3, Circle Jerks, Edward Colver, Corrosion of Conformity, Anthony Countey, Cro-Mags, Brandon Cruz, D.I., D.O.A., D.R.I., Mike Dean, Steve DePace, Dicks, Die Kreuzen, Dave Dictor, Chris Doherty, DYS, Christine Elise, Ted Falconi, Fartz, Dante Ferrando, Jack Flanagan, Flea, Flipper, Chris Foley, Gang Green, Kimm Gardner, Jimmy Gestapo, Greg Ginn, Alex Gonzalez, Jack Grisham, Brett Gurewitz, Gwar, Heart Attack, Greg Hetson, Paul „H.R.“ Hudson, Ken Inouye, Iron Cross, Darryl Jenifer, Jerry’s Kids, John Joseph, Joe Keithley, Dan Kubinski, Lucky Lehrer, Bruce Loose, Alec MacKaye, Ian MacKaye, Paul Mahern, Jesse Malin, Marginal Man, Dave Markey, Louiche Mayorga, Sid McCray, Duff McKagan, McRad, Middle Class, Millions of Dead Cops, Minor Threat, Minutemen, Moby, Keith Morris, Mr. Epp, Reed Mullin, Murphy’s Law, Necros, Negative Approach, Negative FX, Nig-Heist, Mike Pattan, Alec Peters, Rev. Hank Pierce, Poison Idea, Jack Rabid, Really Red, Alvin Robertson, Kira Roessler, Henry Rollins, S.O.A., Howard Saunders, Jordan Schwartz, Angie Sciarappa, Jaime Sciarappa, Scream, Kevin Seconds, Dave Smalley, Steve Soto, SS Decontrol, Bobby Steele, Mark Stern, Sean Stern, Vinnie Stigma, Suicidal Tendencies, Teen Idles, The Faith, The Freeze, The Mob, The Replacements, Gary Tovar, Chuck Treece, TSOL, Undead, Unseen Force, Oderus Urungus, Jeff Van Atta, Vatican Commandos, Void, Wasted Talent, Mike Watt, Perry Webb, White Cross, Hank Williams III, Jerry Williams, YDI, Youth Brigade, Todd Youth, Zero Boys. * [teilw. s/w] * [OmU] * 100 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

American Hardcore
(Bildrechte: Kinostar)

Synopsis / Kritik: Irgend jemand weiß es immer besser. Irgend jemand in der an unreifer Dogmatik nicht gerade armen Hardcore-Szene wird sich garantiert (und dies gar nicht mal zu unrecht) über diesen Film echauffieren: Wo waren zum Beispiel die Dead Kennedys? Wo Hüsker Dü? Wie kann man zwei der einflussreichsten US-Hardcore-Bands aller Zeiten einfach so unter den Tisch kehren? Und warum werden ausgerechnet der und der Idiot interviewt, während die und die Lichtgestalt einfach übergangen werden? Und wie kommt es überhaupt zu diesem wirklich seltsam anmutenden Zeitfenster 1980 bis 1986? Warum spart der Film sowohl die 70er Jahre (und somit die Ramones, die Misfits, etc. pp.) fast völlig aus und zeigt keinerlei Bezugspunkte zur „zweiten Generation“ des US-Hardcore (zum Beispiel Gorilla Biscuits, Fugazi, Rites of Spring, Youth of Today) auf? Und warum wird nur Hassfigur Ronald Reagan erwähnt, wenn es mal um Politik geht?

Walter Schreifels (Gorilla Biscuits, Moondog, Quicksand, Rival Schools, Walking Concert, Youth of Today), der die preview im Münsteraner Cineplex mit einem hinreißenden Akustik-Konzert eröffnete (bis ihm ausgerechnet bei seinem einzigen Quicksand-Song („Thorn in my side“) die Technik einen Strich durch die Rechnung machte und er seinen gig mit gerade einmal zwei Saiten auf der Gitarre mit „Start today“ viel zu früh beenden musste) wäre doch wohl kaum in eine tote Szene eingestiegen, wie der Film behauptet!

Der geradezu erschreckend jung gebliebene Wahl-Berliner Schreifels hatte nach dem Film im Gespräch mit dem Publikum, das den zweitgrößten Saal des Cineplex bis auf den letzten Platz gefüllt hatte, dieselben Einwände vorzubringen. Doch nicht nur er sah es dem Film gerne nach, denn AMERICAN HARDCORE ist trotz all der offensichtlichen Fehler und Mängel ein kraftvolles, mitreißendes und höchst unterhaltsames Zeitdokument geworden. Und in 100 Minuten kann man es nunmal nicht jedem Recht machen …

Um auf das problematische Zeitfenster zurück zu kommen: AMERICAN HARDCORE beginnt da, wo sich der amerikanische Punk Rock vom britischen „Vorbild“ (welches eigentlich keines war, schließlich lernte Great Britain von den Staaten und nicht etwa umgekehrt) zu emanzipieren begann. Allen voran Washington, D.C.’s afro-amerikanisches Hardcore-Wunder schlechthin, die Bad Brains, deren Einfluss auf die dortige Szene bald in der Gründung von Ian MacKayes Bands Teen Idles und später Minor Threat kulminierte, ehe die Brains nach New York City zogen, um dort die mosh pits aufzumischen. – Blitzschneller Fokuswechsel: L. A. und seine Szene kommen ins Spiel und somit natürlich Black Flag, deren letzte Tour und anschließende Auflösung für die Filmemacher Blush und Rachman auch das Ende der ersten US-Hardcore-Generation markiert, worüber man wie gesagt streiten kann, aber irgendwie musste man ja zum Punkt kommen.

Nach und nach wird mit beeindruckenden Animationssequenzen gezeigt, wie sich der Hardcore-Virus über die verschiedenen Bundesstaaten hermacht: Von west und east coast in die Zange genommen, bilden sich auch bald lokale Szenen in den Südstaaten und im mittleren Westen, und mit SST gründet sich die einflussreichste amerikanische Underground-Plattenfirma der 80er Jahre. Schnell geschnittene Interview-Passagen mit zum Teil noch recht rüstigen, teils doch arg mitgenommen wirkenden Protagonisten der ersten Stunde wechseln sich mit Konzertmitschnittssplittern ab, die naturgegeben eine zuweilen atemberaubend schlechte Qualität besitzen, deren Sogwirkung man sich aber kaum entziehen kann:

Es ist alles da. Die Euphorie, der Antihelden-Ethos, die Gewalt, der Hass, slam dance, stage diving, mosh pits und diese atemberaubend rohe Musik: AMERICAN HARDCORE atmet Authentizität, schwitzt Blut, brüllt und schreit von der Leinwand, ist bisweilen von überraschend hoher Komik und gottverdammtnochmal richtig unterhaltsam!

Flea (Red Hot Chili Peppers) darf ein paar Worte über die L.A.-Szene verlieren, ausgerechnet Kampfmaschine Henry Rollins (Black Flag, Rollins Band) erzählt von seiner Angst vor den cops, Multimillionär Moby muss sich vor seiner „eigenen“ Band Flipper rechtfertigen („Der hat nie bei uns gesungen!“ – „Doch! Hab’ ich!“) und Ian MacKaye (Teen Idles, Minor Threat, Fugazi, etc. pp.) lässt in einer geradezu wissenschaftlichen Sequenz den do it yourself-Ethos von Minor Threat und Co. Revue passieren: Minutiös wird erklärt, wie die Bandmitglieder 10.000 Exemplare ihrer Platten(-hüllen) herstellen konnten, nur mit Schere und Kleber bewaffnet. Und wenn man schon bei der D.C.-Szene ist, macht AMERICAN HARDCORE auch um das Thema straight edge keinen Bogen, auch wenn dessen Dogmatisierungs-Tendenzen nirgends kritisch beleuchtet werden.

Wie gesagt: AMERICAN HARDCORE spart einiges aus, die Filmemacher haben ihre Geschichtsstudien einfach nicht gründlich genug betrieben, aber das Ergebnis ist und bleibt dennoch mehr als sehenswert, auch wenn man sich sichtlich keinerlei Mühe dahingehend gegeben hat, das Ergebnis für nicht unbedingt an Hardcore interessierten Cinéasten irgendwie aufzubereiten; eine Einführung in die Thematik findet nämlich gar nicht erst statt.

Dennoch gilt: Neben DAVE CHAPPELLE’S BLOCK PARTY ist AMERICAN HARDCORE das Musikfilm-Highlight des Jahres!

(Der Film läuft am 11. Januar 2007 im Cineplex Münster an!)

Nachtrag

Fotos vom Walter Schreifels-Konzert gibt es hier.
Noch besser: Zwei highlights des Konzerts, Schreifels herzzerreißend-komische Ode an sein in New York geklautes Fahrrad (wir Münsteraner können sowas nachfühlen …) und den GORILLA BISCUITS-Hit schlechthin, sichtlich stolz dargebracht, weil nur noch mit zwei verbliebenen Gitarrensaiten („This will be in ‚Roadie Magazine‘!“), gibt es bei youtube:
Bicycle song
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