BORAT

*** BORAT / BORAT – KULTURELLE LERNUNG VON AMERIKA UM BENEFIZ FÜR GLORREICHE NATION VON KASACHSTAN ZU MACHEN / BORAT: CULTURAL LEARNINGS OF AMERICA FOR MAKE BENEFIT GLORIOUS NATION OF KAZAKHSTAN * USA 2006 * Drehbuch: Sacha Baron Cohen, Anthony Hines, Peter Baynham und Dan Mazer, nach einer Idee von Sacha Baron Cohen, Peter Baynham, Anthony Hines und Todd Phillips * Regie: Larry Charles * Darsteller/-innen: Sacha Baron Cohen, Ken Davitian, Pamela Anderson, u. v. a. * 85 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Borat Sagdijew (Sacha Baron Cohen) und sein Kompagnon Azamat Bagatow (Ken Davitian), TV-Reporter der „gloriosen Nation Kasachstan“, machen sich aus ihrem Heimatdorf in der dortigen Provinz auf in die „US und A“, um ebendort einen Dokumentarfilm über die Kultur des mächtigsten Landes der Welt zu produzieren, damit dem rückständigen Kasachstan mal vor Augen geführt wird, was man alles besser machen kann …

Kritik: BORAT, der so schnauzbärtige, wie hinreißend dämlich-trampelige und homophobe, antisemitische, rassistische, frauenfeindliche kasachische Reporter, ist die jüngste von Sacha Baron Cohen, seines Zeichens Engländer und Jude, erschaffene Kunstfigur nach ALI G. und der gleichnamige Kinofilm das Sammelsurium der Eindrücke von dessen USA-Reise, die ihn von New York nach Los Angeles führte …

In einem abgehalfterten Eisverkäuferwägelchen …

Mit einem Braunbär im „Kofferraum“ …

Und mit schier unglaublichen, sagenhaft obszönen und schreckenerregend komischen Witzen auf Kosten der sich unverblümt inhuman gebärdenden Interviewpartner im Gepäck …

Der hype um BORAT ist schon okay so. Sacha Baron Cohens Masche, die schon bei ALI G. so hinreißend funktioniert hat, klappt auch in seiner neuesten Schandtat: Borat Sagdijews herzensgut-faschistoide Art, seinen so armseligen wie bedauernswerten Opfern mit unverhohlenen Vorurteilen zu begegnen, damit diese die seinen noch um Längen übertreffen können, ist so entlarvend-komisch wie schlichtweg grauenerregend. Und verdient erfolgreich.

Was diverse Einwohner der „US und A“ hier vom Stapel lassen, dürfte auch den unerschütterlich hinter seiner BORAT-Maske ausharrenden Sacha Baron Cohen schockiert haben – schockiert wird auch das Zwerchfell des Kinogehers, wobei man die Häme doch bitteschön außen vor lassen und sich an das eigene, zumindest nationale, Näschen fassen sollte: Denn BORAT hätte leider auch in Deutschland wenig anders funktioniert: Wer hier seinem / ihrem Anti-Amerikanismus frönen möchte, der / die ist eindeutig im falschen Film.

Im falschen Film wähnt man sich eigentlich auch die gesamten 85 Minuten hindurch. Kaum eine Szene ist in ihrer Gänze zu ertragen, man sitzt eigentlich die Hälfte des Films wahlweise mit zugehaltenen Augen oder Ohren im Kinosessel und schämt sich die Seele aus dem Leib.

Dabei ist gar nicht einmal die jetzt schon berühmt-berüchtigte „Schwulenporno-Ringkampfeinlage“ (neues Filmgenre?) irgendwann zur Mitte des Films nicht mitanzusehen, sondern vielmehr die eigentlich schnöden Alltagsbeobachtungen, die BORAT alias Sacha in den USA auf Film bannt: Bei der evangelikalen Messe irgendwo in Texas, irgendwann am Schluss dieses bodenlosen Machwerks, muss das sympathische Ekelpaket BORAT eigentlich gar nicht mehr eingreifen: Was sein die ganze Zeit anonym bleibender Kameramann hier vor die Linse bekommt, ist auch ohne BORATs Zutun so atemberaubend wahnsinnig, schreckenerregend lächerlich und grausam komisch, dass man es einfach nicht mehr fassen kann. Man sitzt mit offenem Mund im Kino und bekommt Kieferstarre. Überhaupt ist eher letzteres angesagt, als dass man Bauchkrämpfe vor Lachen kriegen würde.

Zugegeben, tiefer kann Niveau teilweise im Kino nicht mehr sinken, es sei denn man wartet wirklich sehnsüchtig auf den zweiten Teil von JACKASS. BORAT lotet hingebungsvoll und grausam sicher die Untiefen der menschlichen Seele aus, irgendwann schämt man sich nur noch in Grund und Boden für seine armselig-verdorbene Spezies. Unwichtig die Frage, wieviel hier inszeniert und abgesprochen war und wieviel nicht – das Ergebnis spricht Bände und spottet jeder Beschreibung.

Dabei ist diese zwischen SOUTH PARK, Nachmittagstalkshow und JACKASS angesiedelte, widerlich-wunderbare fake documentary letzten Endes praktizierter Humanismus in Reinkultur: BORAT (die Figur, nicht der Film) ist ein Meisterwerk und Sacha Baron Cohen definitiv ein Genie: Sein kasachischer Reporter erfindet mal eben die „Dialektik der Aufklärung“ neu … Mit der Aufklärung diametral entgegen laufenden Mitteln …

Zumal es ein, zwei Szenen von geradezu tragisch-schönen Dimensionen gibt, die dem Film wirklich gut stehen, wenn BORAT nämlich tatsächlich mal an einer Lichtgestalt der menschlichen Rasse mit seiner inhumanen Masche scheitert: In diesem Fall an einer schwarzen Prostituierten aus den Südstaaten, in deren Armen er sich geborgen fühlen darf, weil sie die Einzige ist, die ihn vorurteilsfrei aufnimmt und die sogar seinen Namen fehlerfrei aussprechen kann … Hier fällt womöglich Sacha Baron Cohen zum ersten Mal die Maske vom Gesicht … Und dem Zuschauer wird ganz klamm ums Herz … Diese berührende Szene, eingebettet zwischen den scheußlichsten Perversionen und (un-)menschlichsten Abgründen, die man womöglich je auf Zelluloid gebannt hat, ist unfassbar groß, ist Humanismus galore und macht den aufklärerischen Impetus von Cohen überdeutlich.

Das Problem an der Geschichte: Letzten Endes will aus all dem dennoch einfach kein Film entstehen. Zwar gibt es den road movie-Aspekt, schließlich ist BORAT auf dem Weg nach Kalifornien, um ebendort seine Angebetete, Silikon-Wunder Pamela Anderson, auf „traditionell kasachische Weise“ zu ehelichen (ergo: in den Wahnsinn zu treiben), aber BORAT bleibt halt ein Episodenfilm ohne Summe der einzelnen Teile, die man auch voneinander unabhängig in der „ALI G. Show“ ohne Substanzverlust hätte präsentieren können: Existenzberechtigung auf der großen Leinwand sieht anders aus, und das gibt dicken Punktabzug.

Wie dem auch sei. Was bleibt, ist auf jeden Fall der blanke Horror und grenzenlose Scham angesichts des fröhlich dargebotenen Hasses der hier zu Wort kommenden „Menschen“ auf die eigene Spezies. Das kann man gnadenlos witzig finden. Aber BORAT bleibt halt auch dann sehenswert, wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Denn manchmal kann man gar nicht soviel lachen wie man kotzen möchte …


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