MARIE ANTOINETTE

Marie Antoinette      (USA, F, Japan 2006)

Regie: Sofia Coppola
Drehbuch: Sofia Coppola. Nach dem Buch „Marie Antoinette : the journey“ von Antonia Fraser
Mit: Kirsten Dunst (Marie Antoinette), Jason Schwartzman (Louis XVI), Judy Davis (Comtesse de Noailles), Rip Thorn (Louis XV), Rose Byrne (Herzogin de Polignac), Asia Argento (Comtesse du Barry), Jamie Dornan (Graf Fersen) u.v.a.
123 Minuten      (5 von 10 Punkten)

Marie Antoinette
(Bildrechte: Pathé)

Sofia Coppolas neuer Film lässt über weite Strecken die Langeweile und Inhaltsleere nachfühlen, die die französische Königin Marie Antoinette am Hof von Versailles selbst empfunden haben muss. Im Alter von 14 Jahren mit dem Thronfolger Louis Auguste verheiratet, 1789 dann von der Revolution den Kopf zurecht gerückt bekommen, das macht 20 Jahre als Person des öffentlichen Interesses in einer Umgebung von unvorstellbarem Luxus, aber auch von Etikette, Intrigen und Hofschranzen. Ausgehend vom Buch von Antonia Fraser, das Marie Antoinette weniger als verschwenderischen Taugenichts denn als orientierungslose junge Frau beschreibt, zeigt Sofia Coppola einen Vogel im goldenen Käfig, der in seiner anfänglichen Beklemmung und Naivität uns Publikum Mitgefühl und Sympathie entlockt. Dabei bewegt sich die Regisseurin auf bekanntem Terrain, behandeln doch auch ihre beiden früheren Filme (The virgin suicides, 1999 und Lost in translation, 2003) das Sujet des Strebens nach Selbstverwirklichung inmitten fremder, ja feindlicher Umgebung. Ihre Filme scheinen zu einer Art Wertmarke zu werden: Im Abspann taucht der gesamte Coppola-Clan auf, Sofias Cousin Jason Schwartzmann spielt Louis, Brian Reitzell fungiert wieder „Music Producer“ und die separierte Anfangsszene erinnert optisch an ihren Vorgängerfilm.

Kirsten Dunst als Marie Antoinette ist der Fixpunkt der Geschichte und in fast jeder Einstellung zu sehen. Die Kostüme, die Frisuren, die opulenten Dekors der Zimmer und Säle, sie wechseln, aber das Gesicht der Königin bleibt zeitlos jung, ein Ablauf der zwei Dezennien am Hofe ist ihr nicht anzusehen. Boten die ersten Jahre noch den Blick durch ihre Augen auf die fremde Welt von Versailles und verinnerlichten, wie Marie Antoinettes kindliches Wesen durch Disziplin und Reduzierung auf die Erzeugung eines Thronfolgers eingeschnürt wurde (inklusive einiger obligatorischer, zu Herzen gehender Szenen, in denen die verletzliche junge Frau an ihrem Schicksal zu zerbrechen droht), so wandelt sich die Perspektive für das Publikum spätestens nach der Geburt des ersten Kindes vom Beteiligten zum bloßen Beobachter.

Coppola verfolgt weiter die Darstellung einer durchs Leben irrenden Frau, die sich mangels Bildung und Energie und bzw. angesichts gesellschaftlicher Fesseln allzu oft ins damalige Jetset-Leben mit Bällen, Glückspiel und Völlerei fallen lässt. Aber der Betrachter folgt dem Treiben zunehmend emotionsloser, ab und an berauscht von der Detailfülle der Bilder – gedreht wurde an Originalschauplätzen, das Versailler Schloss zum ersten Male dafür freigegeben -, aber wirklich ergreifend ist die Story besonders in der zweiten Hälfte nicht mehr. Das liegt zum einen an der weitgehenden Auslassung von Nebenhandlungen. Der höfische Mikrokosmos verarmt nach anfänglicher Vorstellung bald zur Staffage. Zwangsläufig verblassen sämtliche Nebenrollen arg im glänzenden Licht, das nur auf Marie Antoinette gerichtet ist und deren inhaltsleeres Leben auf Dauer zu oft exemplifiziert wird. Zum anderen bleibt der geschichtliche Kontext weitgehend außen vor. Historische Ereignisse, die den Fortgang der Zeit wie auch die gesellschaftlich angespannte Situation in Frankreich zum Ende des 18. Jahrhunderts verdeutlichen, sind spärlich und werden nur beiläufig eingewoben. Für ein stimmiges Sittengemälde sind die Zutaten ein wenig karg.

Dass der Film trotzdem einigermaßen über die Runden kommt, liegt an der Hauptdarstellerin, deren Marie Antoinette man auch dann noch ihre Taten nachsieht, wenn die sich als die einer Made im Speck dokumentieren. Ob das Werk auch mit einer alternden Königin in Gestalt einer aufgeschwemmten Matrone funktioniert hätte? Die Bilder der ewigen Jugend stehen in Korrelation mit einem Konsumstreben als Ausweg aus Monotonie und Antriebslosigkeit, ein auch heute noch bekanntes Phänomen. Zusätzlichen Antrieb erhält der Film durch das anachronistische Einweben von 80er-Jahre Punk-Pop-Songs von z.B. Adam & Ants, Siouxsie & Banshees, New Order oder The Cure, was im späteren Verlauf des Films zumindest akustisch für Abwechslung sorgt. Nach zwei Stunden ist dann aber auch gut, irgendwann schmeckt auch die süßeste Versuchung nur noch fad.


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