ROAD TO GUANTANAMO

Road to Guantanamo     (GB, 2006)

Buch und Regie: Michael Winterbottom und Mat Whitecross
Kamera: Marcel Zyskind. Musik: Molly Nyman & Harry Escott
Mit: Farhad Harun (Ruhel), Arfan Usman (Asif), Rizman Ahmed (Shafiq), Waqar Siddiqui (Monir), Shahid Iqbal (Zahid) u.a.
95 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Road to Guantánamo
(Bildrechte: Falcom)

Die Geschichte der so genannten „Tipton-Three“: Ursprünglich sollte es nur die Teilnahme an einer Hochzeit sein, zu der die pakistanischstämmigen Briten Ruhel (19), Asif (19), Shafiq (19) und Monir (21) Ende September 2001 nach Pakistan fliegen. Aus Übermut und der naiven Ambition, „zu sehen, ob man nicht irgendwie helfen könne“ überqueren sie dann die Grenze nach Afghanistan. Als kurz darauf die Vergeltungsschläge der USA gegen das Taliban-Regime losbrechen, geraten drei der vier in die Gefangenschaft der Nordallianz und später der US-Militärs, die sie als Terroristen für mehr als zwei Jahre nach Guantánamo verfrachten. Der Darstellung der Verhör-, Folter- und Kerkermethoden gehört dann die zweite Hälfte des Films.

Die überhaupt erste Szene des Films zeigt das Gesicht von George W. Bush mit einem Statement über seine Entschlossenheit, die Verantwortlichen für die Anschläge des 11. Septembers unbarmherzig zur Rechenschaft zu ziehen. Keine 10 Sekunden dauert dieser Schnipsel, er dürfte aber gereicht haben, um bei der Mehrzahl der Kinobesucher die Nackenhaare sträuben zu lassen. Allerdings enthält sich Winterbottoms und Whitecross’ Film sich im Fortlauf weitgehend jener Kunstgriffe, die auf schnelle emotionale Wirkung aus sind. In chronologischer Abfolge verfolgt das Publikum die Geschehnisse um die Protagonisten, ihren Abschied aus der englischen Provinzstadt Tipton bei Birmingham, wir sehen die uns fremde orientalische Welt, in der sie sich übermütig wie junge Hunde bewegen, ein Verhalten, dass erst endet, als sie urplötzlich in Kundus in der Falle sitzen und um sie herum die Kriegshölle losbricht. Bis dahin ähnelt vieles einem selbst gedrehten Urlaubsfilm, was noch dadurch unterstützt wird, dass die drei realen Ruhel, Asif und Shafiq einzelne Szenen in nachträglich gedrehten Interviews vor der Kamera kommentieren.

In Afghanistan verdichtet sich der bislang von jugendlicher Unbeschwertheit dominierte Film zu einer Darstellung mit semi-dokumentarischem Charakter. Einblendungen von Datum und Ort verdeutlichen die Irrfahrt, es werden reale Bilder der Bombennächte, der Leuchtspurgeschosse und Taliban-Kämpfer eingewoben, man hat kaum Zeit zum Luftholen. Erst nach der Übergabe der vermeintlich als al-Quaida-Leute Entlarvten an die US-Amerikaner verringert sich das Tempo: Das Leiden in den Händen der Supermacht, die dem Terrorismus den Kampf angesagt hat, hat eine andere Dimension.

Der Film zeigt deutlich, was den letztlich als unschuldig Entlassenen angetan wurde und welche Leiden sie im Gewahrsein eines sich als zivilisiert bezeichnenden Staates erdulden mussten. Was in Punkto Vollzug militärisch streng geregelt vor und in den Käfigen bzw. Containern durchgezogen wird und in den Verhörzimmern und Einzelzellen ihre grausame Ergänzung findet, ist dabei im Prinzip um keinen Deut humaner oder rechtmäßiger als das, was man durch die Ausschaltung von Terrorregime aus der Welt schaffen will. Die zweimalige grobkörnige Einblendung des Schriftzuges „Honour bound to defend freedom“ über dem Lagertor lässt zudem böse Erinnerungen an längst überwunden geglaubte Zeiten wach werden.
Ich kann mir nicht denken, dass Road to Guantánamo mit Unterstützung der US-Behörden entstanden ist und es bleibt zu befürchten, dass viele (womöglich noch schlimmere) Methoden der Lager noch unerwähnt bleiben. Dennoch ist die Darstellung dessen, was bis vor einiger Zeit von offizieller Seite schlichtweg geleugnet und heute noch trotz internationaler Kritik selbstherrlich unangetastet geblieben ist, ein notwendiger Schritt an die Öffentlichkeit.

Es liegt auf der Hand, dass ein 90-minütiger Film trotz ohne Zweifel eindringlicher und detailreicher Schilderung der Vorkommnisse nicht annähernd das nachfühlbar machen kann, was die „Tipton-Three“ am eigenen Leibe durchgemacht haben. „Entweder du zerbrichst dort oder es macht dich stärker“, gibt einer nüchtern und beinahe ohne Vorwurf zu Protokoll. Jene Stärke ist den schätzungsweise mehr als 500 Männern zu wünschen, die derzeit noch auf Kuba gefangen gehalten werden.


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