THE SCIENCE OF SLEEP – ANLEITUNG ZUM TRÄUMEN

*** THE SCIENCE OF SLEEP – ANLEITUNG ZUM TRÄUMEN / THE SCIENCE OF SLEEP / LA SCIENCE DES RÊVES * Frankreich 2006 * Drehbuch und Regie: Michel Gondry * Darsteller/-innen: Gael García Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou, Pierre Vaneck, Emma de Caunes, Aurélia Petit, Sacha Bourdo, Stéphane Metzger, Decourt Moyen, Inigo Lezzi, Yvette Petit, Jean-Michel Bernard, Eric Mariotto, u. a. * 105 Minuten * (10 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Pathé)

„Charlotte forever!“ (Serge Gainsbourg)

„I’d give you a dream and you’d only wake from it / Now I’ll never go to sleep again“ (Bonnie „Prince“ Billy)

Synopsis: Stéphane Miroux (Gael García Bernal) kommt nach dem Krebstod seines Vaters in seine Heimatstadt Paris zurück – seine Mutter (Miou-Miou) überlässt ihm ihre frühere gemeinsame Wohnung und hat ihm auch schon einen Job bei einer Fotoagentur besorgt.

Einen Tag später zieht Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) nebenan ein – und stellt das Leben des naiven Träumers auf den Kopf: Glaubt Stéphane zunächst, sich in Stéphanies bezaubernde Freundin Zoé (Emma de Caunes) verguckt zu haben, wird ihm bald klar, dass seine wahren Gefühle Stéphanie gelten.

Dumm nur, dass Stéphane ständig Traum und Realität verwechselt: Während er sich in seinem Lieblingsdaseinszustand, dem Schlaf, dank seiner überbordenden Phantasie der Angebeteten nah fühlen darf, kriegt er im Wachzustand nichts auf die Reihe und tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste …

Dabei mag Stéphanie ihren verrückt-liebenswerten Nachbarn mehr als diesem bewusst ist. Aber von Bewusst-Sein hat Stéphane nun mal leider keinerlei Ahnung …

Kritik: Okay. Hier isser also. Der Film des Jahres.

War aber auch klar. Ein Film von Michel Gondry mit Charlotte Gainsbourg in der weiblichen Hauptrolle konnte ja nur ein Meisterwerk werden.

Genauso klar dürfte auch sein, dass es mal wieder bedauernswerte Menschlein geben wird, die diesem überbordenden Phantasie-overkill nichts abgewinnen können. Leutchen, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden der sogenannten „Realität“ stehen und nach einer Nacht mit wirren Träumen diese sofort analysiert haben möchten, nach dem Motto: Was kann ich aus meinen Träumen lernen? – Oder, ein wenig überspitzt formuliert: Wie beute ich meine unschuldigen Träume möglichst rücksichtslos aus? (Hallo, David Lynch!)

Solche bösen Gedanken liegen dem großen Kind Michel Gondry seit jeher fern, baute er doch lieber mit Legosteinen die White Stripes nach, schickte die Foo Fighters durch ein bizarr-urkomisches Alptraum-Szenario und ließ in ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND / VERGISS MEIN NICHT! das Gedächtnis von Jim Carrey und Kate Winslet durch eine abstruse Firma namens „Lacuna Inc.“ löschen. (Okay, das Drehbuch stammt von Charlie Kaufman, aber Gondry hat es visuell kongenial umgesetzt.)

Im ersten gänzlich von ihm selbst „realisierten“ Film wird dann auch überdeutlich, dass die Figur des Stéphane – hinreißend porträtiert von Mexikos schönstem Kino-Export, Gael García Bernal – nichts weiter als ein alter ego des Regisseurs ist, der wohl irgendwann mal eine Nachbarin gehabt haben muss, in die er sehr verliebt war: Hier haben wir also die filmgewordene Liebeserklärung an eine unbekannte Frau, deren Rolle Gondry mit Charlotte Gainsbourg besetzt hat – ein Besetzungscoup sondergleichen. Denn etwas Bezaubernderes als die Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg gibt es wohl kein zweites Mal auf der Welt.

Etwas Schöneres, Wunderbareres, Bezaubernderes, Herzzereißenderes als diesen Film gibt es dementsprechend wohl auch nicht nochmal. (Okay, gibt es. Aber wirklich nur sehr selten …): Gondry lässt Gael, Charlotte und Zuschauer in eine kindlich-naive Traum-Trick-Welt aus Pappmaché, Zellophan („Wie in russischen Märchenfilmen!“ – Stéphane Miroux) und Eierkartons eintauchen, aus der man einfach nie wieder aufwachen möchte – der mit 105 Minuten viel zu kurze Filmstreifen droht an den Rändern förmlich aufzuplatzen, so randvoll ist THE SCIENCE OF SLEEP mit aberwitzig-skurrilen visuellen Einfällen überladen: Gondrys auf den ersten Blick tricktechnisch dilettantisches Traum-Universum entpuppt sich bald als heilsamer, warm-sympathischer Gegenentwurf zu George Lucas’ seelenlosen blue screen-Schandtaten, also known as die neue STAR WARS-Trilogie.

Schon als Stéphane sich in sein mit Aufklebern übersätes, viel zu klein gewordenes Jugendbett legt, outet sich Gondry als ewiges Kind, das sich viel lieber an die ausgefransten Ränder seiner Traum-Realität klammern möchte, als in der harten Wirklichkeit da draußen ein normales Leben zu führen. Sowas ist natürlich nicht sehr lebensbejahend und tatsächlich kindisch – der Eskapismus-Vorwurf trifft THE SCIENCE OF SLEEP wie ein Tiefschlag in die Magengrube – und Stéphane droht somit auch an seinem nicht vorhandenen Weltbild zu Grunde zu gehen: THE SCIENCE OF SLEEP ist und bleibt 105 Minuten lang zwar eine wahnwitzig-hochkomische Komödie, doch die bittersüßen Untertöne wollen bald kein Ende mehr nehmen: Das The Smiths-Poster am Kopfende von Stéphanes Kindbett prangt wie ein Menetekel an der Wand – bald wird auch Morrissey Stéphane in seinem (zum Scheitern verurteilten?) Kampf um die Liebe seiner schönen Nachbarin nicht mehr helfen können.

Ja, THE SCIENCE OF SLEEP ist Eskapismus, jaja, „Träume sind Schäume“, jajaja, Ken Loach ist ein großartiger Filmemacher: Wer vom Kino ein möglichst hartes Bild der brutalen menschlichen Lebenswirklichkeit gezeichnet haben möchte, der wird THE SCIENCE OF SLEEP womöglich gar hassen.

Für ewige Kinder und weltfremde Persönchen, die wie der Autor dieser Zeilen Jahre lang Traumtagebuch geführt haben … Nun, für diese Realitätsflüchtlinge („Du Eskapist!“ – „Danke für das Kompliment!“) ist THE SCIENCE OF SLEEP dagegen nichts weiter als die mit Worten eigentlich nicht zu beschreibende Filmwerdung eines nie enden mögenden, sehr, sehr abgefahrenen Traums, aus dem man mit einem breiten Kindheitslächeln erwacht.

Während der völlig überschätzte David Lynch am liebsten Traumsequenzen vergewaltigt, um damit möglichst vordergründig „Ich hab’ den Film nicht kapiert!“-Kino herzustellen, lässt Gondry Träumen ihren ureigensten Charakter: Individuelles Kopfkino, bei dem man selbst Regie führen und noch dazu die Kamera führen darf. (Und bei dem die Analyse doch bitteschön außen vor bleiben möge!)

Überhaupt bleibt rätselhaft, wieso Gondry der erste Filmemacher überhaupt zu sein scheint, der sich ganz und gar dem Medium Traum verschrieben hat, wo doch Kinofilme wie geschaffen für eine Bebilderung des Nacht für Nacht neu geschriebenen Drehbuchs im Kopf eines jeden Menschen scheinen.

Dafür kann man ihm einfach nicht genug danken. – Ach ja, und danke auch noch mal für die bloße Existenz von Charlotte Gainsbourg. Irgendwie tröstlich, sie auf dem gleichen Planeten zu wissen …


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