DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER

*** DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER / LADY IN THE WATER * USA 2006 * Musik: James Newton Howard, Bob Dylan, Cibo Matto, Amanda Ghost, A Whisper In the Noise, Silvertide, u. a. * Kamera: Christopher Doyle * Drehbuch und Regie: M. Night Shyamalan * Darsteller/-innen: Paul Giamatti, Bryce Dallas Howard, Jeffrey Wright, Bob Balaban, Sarita Choudhury, Cindy Cheung, M. Night Shyamalan, Jared Harris, Silvertide, u. a. * 110 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Cleveland Heep (wie üblich überragend: Paul Giamatti), Hausmeister eines Apartment-Komplexes namens „The Cove“ in Philadelphia, Pennsylvania, USA, „findet“ eines Abends niemand geringeres als ein Fabelwesen im pool des Anwesens, dessen Bewohner tagtäglich seine Hilfe benötigen: Das erschreckend blasse Porzellanpüppchen von einem Mädchen (ihrem Vater Ron Howard (AMERICAN GRAFFITI, A BEAUTIFUL MIND) wie aus dem Gesicht geschnitten: Bryce Dallas Howard) heißt, Achtung Wortwitz!, „Story“ und entpuppt sich als „Narf“ – eine Art Nymphe aus einem asiatischen Märchen, welche Frieden über die Menschheit bringen wird. Vorausgesetzt allerdings, sie kann wieder mit Hilfe von ausgewählten Angehörigen der Spezies Mensch in ihre Heimat, die „blaue Welt“, zurückkehren. Sogenannte „Scrunts“, Werwolf-ähnliche Wesen aus demselben Zwischenreich, wissen dies zu verhindern und handeln auch danach …

Der stotternde loser Cleveland hat bald mehr zu tun, als bloß Glühbirnen auszutauschen und Kakerlaken zu töten: Story muss zurück nach Hause, der Scrunt wartet am pool und all die auserwählten Menschen, die Story ihre sichere Heimkehr ermöglichen könnten, müssen erst noch unter den Anwohnern von „The Cove“ gefunden werden: „Time is running out for a happy ending.“

Kritik: Kübelweise Häme ist über DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER, als wäre es schon nicht nass genug, ausgeschüttet worden: Wohl kaum ein Film hat in letzter Zeit eine derartig wortgewaltige Vernichtung seitens der etablierten Filmkritik erfahren wie M. Night Shyamalans (THE SIXTH SENSE) neuestes Machwerk. (Konsequenterweise lässt Night seinerseits einen Filmkritiker-Charakter in seinem naiv-nassen Planschbecken-Märchen hinrichten, was ihm sichtlich Freude bereitet hat. Aber das nur nebenbei.)

Night macht es seinen Kritikern aber auch diesmal wirklich einfach. Der SIXTH SENSE-Originalitätsbonus war schon bei UNBREAKABLE restlos aufgebraucht und … äh … kennt jemand ernsthaft einen miserableren Film als SIGNS? Und jetzt kommt Night auch noch mit einer Gute-Nacht-Geschichte daher, die er seinen Töchtern immer wieder neu und immer weiter ausgeschmückt zur Schlafenszeit erzählt hat: Das „Drehbuch“ „hält“ tatsächlich exakt dieses „Niveau“: Wer DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER knallhart analysiert, landet automatisch beim verzweifelten Vater / Erzähler Night (jaja, er heißt Shyamalan, aber will das irgend jemand wissen, geschweige denn schreiben, wenn die copy and paste-Funktion im Arsch ist?):
Töchter: „Papa! Aber warum dürfen die Scrunts die Narfs denn einfach so angreifen?“
Night: „Äh … (Schwitz!) Sie verstoßen einfach gegen die Regeln!“
Töchter: „Welche Regeln denn?“
Night: „Die Regeln, welche die Tartutic aufgestellt haben!“
Töchter: „Tartutic? Wasndas?“
Night: (Scheiße!) „Äh … Schlafenszeit! Gute Nacht!“
Töchter: (Heul! Schrei! Krampf!)
Night: „Okay … Die Tartutic sind …“
Undsoweiter. Undsofort.

Ja, das Drehbuch ist indeed very lächerlich. Die twists and turns werden auf eine Art und Weise zurechtgebogen, dass es in cinéastischer Hinsicht einfach keine Freude ist. Oder Night ist einfach ein lausiger Geschichtenerzähler: Er redet sich am Bett seiner Töchter um Kopf und Kragen, erfindet dies und das und muss irgendwann zwangsläufig dies und das irgendwie zu Ende bringen. Mit haarsträubenden Ergebnissen, die noch dazu auf der Kinoleinwand im wahrsten Sinne des Wortes ausgebadet werden müssen. (Also der Wortwitz is’ mir jetzt aber echt sowas von gelungen … Und das um halb vier Uhr morgens …)

Aber: Hey! Was soll’s? – Es ist wirklich müßig, all die kindgebliebenen Vorbilder à la Erich Kästner ins Spiel zu bringen, denn: Wir waren alle mal Kind. Und irgendwann war man mit der Gute-Nacht-Geschichte zufrieden, stellte keine Fragen mehr und schlief ein. Mehr will DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER auch gar nicht. Dass man dem Film eben diese hanebüchene Struktur zum Vorwurf macht, zeigt eigentlich doch nur, wie beschissen abgestumpft man geworden ist: Wer von den Damen und Herren Filmkritikern überhaupt eine derartig fantasievolle Gute-Nacht-Geschichte aus dem Stegreif erzählen kann, der werfe meinetwegen den ersten Stein … (Oder verwandle sich in einen Narf-zerfleischenden Scrunt …)

Hinzu kommt, dass Night endlich mal wieder einen seinen Film tragenden Hauptdarsteller engagiert hat (also eben nicht Mel Gibson): Paul Giamatti, hoffentlich bekannt aus dem grandiosen SIDEWAYS, brilliert hier mal wieder als stotternder, herzensguter Hausmeister mit schrecklicher Vergangenheit. Giamatti trägt die … Gähn! Schon wieder Wortwitz! … Story mühelos auf seinen immer ein wenig nach vorn gebeugten Schultern. Seine Überzeugungskraft changiert zwischen gewaltig und gewalttätig: Entweder Du glaubst an die Geschichte meines Regisseurs, oder ich schauspielere Dich windelweich, Du verkommene Missgeburt von einem herzlosen Kritiker!

Ach, der Typ ist einfach nicht in Oscars aufzuwiegen: Allein, wenn Paul Giamatti anfängt zu heulen, zerbricht es einem sowieso und mühelos das Herzchen in Abermilliarden bits und bytes. – Oscar-überreif ist auch der soundtrack, genauer gesagt der score: Was James Newton Howard (auch für die Musik von Peter Jacksons KING KONG-remake verantwortlich) hier abliefert, ist schlichtweg grandios und möglicherweise gar zu viel für diesen ausschließlich auf der Gefühlsebene funktionierenden Film: Seine engelsgleichen Chöre und dramatischen Streicher-Arrangements wirken niemals überladen und verleihen dem harmlosen Märchen Pathos, Tiefe und … ja … Aura.

Zu allem Überfluss hat Night auch noch Wong Kar-Weis Kameramann Christopher Doyle engagiert: Das bildliche Aufeinandertreffen von Apartment-Komplex und Fabelwelt wirkt erstaunlich real und ist dabei wunderbar gefilmt – auf vordergründige Surrealität wurde hier sehr professionell verzichtet: Mit all diesen Trümpfen in der Hinterhand kann Nights Film einfach nicht völlig scheitern – der regelrechte Hass auf diesen Streifen mutet, je länger das Werk dauert, mehr und mehr befremdlich an.

Befremdlich mag aber auch der heilige Ernst von Night selbst wirken, ist er doch auch noch in einer Nebenrolle als Möchtegern-Schriftsteller auf der Leinwand zu sehen, der dazu ausersehen ist, das Buch zur Errettung der Menschheit zu schreiben: Das ist nun fürwahr mehr als starker Tobak, zumal er auch noch seine angestammte Firma Disney wegen dem MÄDCHEN AUS DEM WASSER und den damit einhergehenden „künstlerischen Differenzen“ verließ: Und all das nur, um diese weit hergeholte Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen und Kritiker-Häme noch und nöcher dafür einzustecken.

Befremdlich ist das alles vielleicht aber auch nur deswegen, weil hier ein Regisseur, der sich zu oft selbst kopiert hat, endlich einmal Mut beweist und sein Heil in einer die Grenzen jeglichen Kitsches auslotenden fairy tale gefunden zu haben glaubt: So naiv, albern, hanebüchen, vorhersehbar, Humor-frei DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER aus den Fluten des pools in Philadelphia auftaucht, so sehr gerät das Ganze zu einem Prototyp eines aus der Mode gekommenen Initiationsritus: Möglicherweise gar ungewollt schafft es DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER zu dem Fantasy-Film mit Horror-Elementen à la DIE UNENDLICHE GESCHICHTE zu werden, den Kinder im Grundschulalter sich ansehen, um zum ersten Mal schlaflose Nächte zu haben, damit Mama oder Papa sich irgendwann übermüdet ans Bett setzen müssen, um irgendeine Gute-Nacht-Geschichte zu erfinden, die durch den Film geschlagene Wunden wieder heilt – und sei es nur für eine Nacht: „Good Night!“ (Hatte ich schon auf den Wortwitz angesichts des Namens des Regisseurs hingewiesen? (Gä-hähn!)) Aber dann will Kind wissen, wie es weiter geht … Und man redet sich, eben wie Night selbst, um Kopf und Kragen.

Oder einfacher, und um hiermit schon wieder wie bei GARDEN STATE Tocotronic zu zitieren: „Pure Vernunft darf niemals siegen!“ – Der Text geht übrigens weiter: „Wir brauchen dringend neue Lügen!“
In diesem Sinne.

P.S.: Apropos Musik: Man möge doch bitte den Abspann bis zum Schluss ansehen, denn währenddessen gibt es endlich die Rettung vor Bob Dylans nöligem „The times, they are ä-chänging“ zu hören: Die mir völlig unbekannte Band A Whisper In the Noise verfremdet Zimmermans nervtötendes Zeitgeist-Epos in eine wunderbar dahingehaucht-verhuschte Piano-Elegie mit waberndem Gitarren-feedback im Hintergrund. Wow!


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