EIN PERFEKTER PLATZ

*** EIN PERFEKTER PLATZ / FAUTEUILS D’ORCHESTRE / ORCHESTRA SEATS * Frankreich 2006 * Musik: Gilbert Bécaud, Charles Aznavour, Juliette Gréco, Franz Liszt, Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart, u. a. * Drehbuch: Danièle und Christopher Thompson * Regie: Danièle Thompson * Darsteller/-innen: Cécile de France, Valérie Lemercier, Albert Dupontel, Laura Morante, Claude Brasseur, Christopher Thompson, Dani, Annelisme Hesme, Francois Rollin, Sydney Polack, Daniel Benoin, Francoise Lépine, Guillaume Gallienne, Christian Hecq, Julia Molkhou, u. a. * 106 Minuten * (5 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Tobis)

Synopsis: Jessica (Cécile de France), Wirbelwind vom Lande, kommt auf den Spuren ihrer geliebten Großmutter, die Zeit ihres Lebens in den Hotels der Reichen und Schönen Toilettenfrau und Zimmermädchen gewesen ist, nach Paris und findet schnell einen Aushilfsjob in der einzigen Bar an der mondänen Avenue Montaigne, welche sich strategisch klug zwischen „Comédie Francaise“, Luxushotel, Kunstgalerie und Konzertsaal eingerichtet hat. Kein Wunder also, dass die illustre Schar der Café-Gäste zum größten Teil aus Schauspielern, Kunstsammlern, Regisseuren und Konzertpianisten besteht – die soap opera-süchtige Jessica trifft sogleich auf einige bekannte Gesichter und hat Mühe, ihre Begeisterung zu verbergen.

Doch hinter den berühmten Gesichtern tobt ein Orkan, der schöne Schein trügt: Da ist der krebskranke Kunsthändler Grumberg (Claude Brasseur), der seine gesamte Sammlung versteigern will und genauso wenig wie sein Sohn (Christopher Thompson) weiß, dass sie dieselbe Geliebte teilen. – Der berühmte Konzertpianist Lefort (Albert Dupontel) hat das ganze Klassik-Brimborium satt, will lieber ein einfacher Klavierlehrer sein und gemeinsam mit seiner Frau (Laura Morante) ein Haus am Meer beziehen, wovon diese rein gar nichts hält, ja sogar droht, mit ihm Schluss zu machen. – Währenddessen sucht der amerikanische Filmregisseur Sobinski (spielt sich quasi selbst: Sydney Pollack) die Idealbesetzung für die Rolle der Simone de Beauvoir für sein nächstes Meisterwerk, wofür sich ausgerechnet die hysterisch-labile soap-Darstellerin Catherine Versen (Valérie Lemercier) anbietet, die zu allem Überfluss auch noch in der „Comédie Francaise“ in albernen Kostümen Volkstheater spielt. (Und, ja, natürlich hat sie ständig Migräne.)

Ein Reigen aus menschlichen Neurosen und Leidenschaften nimmt seinen Lauf, und Blondschopf Jessica ist bald mittendrin, ist sie doch die Einzige, die so etwas wie einen „kühlen Kopf“ überhaupt zu kennen scheint. Unbekümmert, unschuldig und mit reichlich praktischem Verstand gesegnet, beginnt Jessica die emotionalen Wogen um sich herum nach und nach zu glätten … Wofür sie am Ende reich belohnt wird …

Kritik: In Woody Allens letztem richtigen Meisterwerk, DECONSTRUCTING HARRY / HARRY AUSSER SICH fragt Woody / Harry irgendwann eine Prostituierte, wieso sie denn eben genau diesem Beruf nachgehe. Ihre lakonische Antwort: „Naja. Ist immer noch besser als kellnern.“

Das mag für die USA gelten. Im französischen Film dagegen wird regelmäßig von der crème de la crème der französischen Schauspielerinnen-Riege gekellnert, was die schmerzenden Beine hergeben, wobei frau regelmäßig Charme wie Chanel No. 5 verspritzt, äh versprüht – berühmtestes Beispiel ist sicherlich Audrey Tütü, die als AMÉLIE gleich ganz Montmartre in Grund und Boden dinierte, was eine weltweite Fan-Gemeinde zurecht hinreißend fand.

Jetzt wird also wieder gekellnert. Diesmal mit der Mogelpackung Cécile de France (heißt so, ist aber aus Belgien) in der AMÉLIE-Rolle der guten Fee eines Pariser Viertels – nun befinden wir uns allerdings im noblen Theaterdistrikt. Und wiederum hat ein Mädchen aus der Provinz – Frankreich muss außerhalb von Paris wirklich todlangweilig und Kellnerin ebendort sowas wie ein Traumjob sein – nichts besseres zu tun, als sich in der französischen Hauptstadt die Hacken für eine die menschliche Rasse nicht gerade zierende Kundschaft abzulaufen und dabei deren erkaltete Herzen in Flammen aufgehen zu lassen. (Gottseidank gibt es in Deutschland noch kein Genre-Äquivalent zum französischen Kellnerinnen-Film à la „Die fröhlichen Dönerbudenbesitzer von Berlin. Teil 1: Wedding“: „Döner – mit alles? Pommes – was drauf? Du hast Problem? – Ich hab’ Lösung!“)

Très francais im negativen Sinne ist auch die allzu klischeehafte Darstellung der Stadt der Liebe: Ständig glaubt man, den „Le Tartare“-Franzosen am Cafétisch sitzen zu sehen, komplett mit Baskenmütze, Baguette und Schmierkäse. Und der Eiffelturm steht natürlich auch immer hübsch dekorativ einem Weihnachtsbaum aus Eisenträgern gleich in der Ecke rum, funkelt und irrlichtert in der Nacht und scheint die ganze Zeit zu sagen: „Ja, ich bin eben nicht nur ein Phallussymbol. Sondern auch Weihnachtsbaumersatz. Und glitzer besser als Lametta. Und auch sonst wird alles gut werden.“

Der Faktor Zeit ist ein weiteres Dilemma, mit dem sich EIN PERFEKTER PLATZ abplagt. Der Film legt ein Tempo vor, als gelte es Luc Bessons TAXI einzuholen, dabei wird hier doch zumeist nur angeregt diskutiert. Es gibt schon ein paar Momente zum Luft holen, aber die sind wirklich rar gesät. Angenehm überraschend, respektive enttäuschend ist daran, dass es eben diese Momente sind, in der EIN PERFEKTER PLATZ zu wahrer Größe aufläuft: Da halten die Protagonisten endlich mal ihre neurotischen Klappen, das Landei Jessica darf großäugig und unerschütterlich naiv durch eine der schönsten Städte der Welt streifen, der Konzertpianist spielt selbstversunken ein fantastisches Konzert in der Onkologie-Abteilung des örtlichen Krankenhauses, der Kunstsammler darf sich schweigend in seine Meisterwerke vertiefen. Diese Szenen sind von purer, klarer Schönheit und tatsächlich großes Kino! Danach muss aber wieder der nächste Absatz im Drehbuch herunter gequasselt werden, und es ist eben meistens nicht sehr erhellend, was dort von sich gegeben wird. Schlimmer noch: Die Ruhepausen haben das Tempo ja zuvor derart verlangsamt, dass man sich jetzt schleunigst wieder die Köpfe heiß reden muss, das Drehbuch ist ja noch lang …

Zudem trägt der Teufel auch hier Prada und 90 Prozent der dargestellten Persönlichkeiten sind neurotisch-depressive Alptraumgestalten mit zuviel Geld und zuviel Ego, die als unfreiwillige Stichwortgeber für die anfangs mittel- und obdachlose Fee Jessica fungieren, damit die ihre Sorgen in Nullkommanichts und mit reichlich unbekümmertem Pragmatismus in die Pariser Luft auflösen kann. (Mittel- und Obdachlosigkeit in Paris hat man übrigens seit DIE LIEBENDEN VON PONT-NEUF irgendwie nicht so unproblematisch in Erinnerung …)

Die hier dargestellte Hochkultur, verbunden mit der mit ihr verbundenen finanziellen Größenordnung ist und bleibt dem Autor dieser Zeilen herzlich fremd. Daher kommt auch die reichlich halbgare Möchtegern-Punk-Attitüde des an seiner Umgebung erstickenden Konzertpianisten nicht einmal in die Nähe einer anständigen Revolte. Der Film setzt nämlich seinen Progagonisten die gleichen engen, vorab gesteckten Grenzen, die er vorgibt, anzuprangern: Stürme in Wassergläsern sind eben keine Mistral-Winde.

Auch gilt: Wer wissen will, warum Frankreich eben nicht den Rock’n’Roll, sondern den Chanson erfunden hat, der / die … sollte hier trotzdem nicht unbedingt rein gehen, denn für solche Fragen gibt es CDs von den üblichen Verdächtigen, die mal wieder abgefeiert werden, als gelte es ein NACHT DER LEBENDEN TOTEN-remake mit Chanson-soundtrack zu verfilmen, mit „Monsieur 10.000 Volt“ Gilbert Bécaud als Ober-Zombie.

Natürlich steht außer Frage, dass der klassische Chanson zu Frankreich und vor allem zur französischen Hauptstadt gehört wie die Bouillabaise zu Marseille, aber muss man das einem wirklich in jedem zweiten Film aus dem Lieblingsnachbarland unter die Nase reiben? Hat etwa jeder Einwohner von Paris einen Serge Gainsbourg-Schrein in der Wohnung, vor dem er täglich seinem viel zu früh verstorbenen Idol Gauloises (sans filtre) opfert? Und, wenn ja: Will man das wirklich wissen?

Die ewigen Chansons gehen einem nämlich einfach irgendwann auf den Keks, die Franz Liszt-Stücke dagegen nicht, überhaupt wirkt EIN PERFEKTER PLATZ zeitweise wie ein Pianisten-Drama, auch wenn Albert Dupontel mit seinen muskulösen Oberarmen eher einem Klavierspediteur als einem Konzertpianisten gleicht und er beim in die Tasten haun aussieht, als sei er gerade dabei einen coq au vin zuzubereiten.

Kurz: Wer zuviel erwartet, wird in jedem Fall enttäuscht werden. Es gibt haufenweise bessere Paris-Filme und der beste ist eben nicht AUSSER ATEM (nichts gewesen), sondern von einem Amerikaner namens Richard Linklater, der auch den besten Wien-Film aller Zeiten gemacht hat, der eben nicht DER DRITTE MANN heißt, sondern … ächz … Satzende wo bist du? Äh. Auf jeden Fall meine ich natürlich BEFORE SUNSET und BEFORE SUNRISE. So.

Leidlich unterhalten wird man hier dennoch, denn die Verpackung, in der EIN PERFEKTER PLATZ geliefert wird, ist halt derart exquisit und Charmebolzen Cécile de France mit ihrem Zahnlückenlächeln so ungemein süß anzusehen, dass man am Ende immerhin das einigermaßen befriedigende Gefühl haben darf, zumindest den Sperrsitz neben dem PERFEKTEN PLATZ zugewiesen bekommen zu haben.

Mehr aber auch nicht. Und irgendwann bekommt man Rückenschmerzen.


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