DAVE CHAPPELLE’S BLOCK PARTY

*** DAVE CHAPPELLE’S BLOCK PARTY / BLOCK PARTY * USA 2005 * Kamera: Ellen Kuras * Regie: Michel Gondry * Musik und Darsteller/-innen: Dave Chappelle, Central State University Marching Band, The Fugees, Kanye West, The Roots, Mos Def, Talib Kweli, Common, Dead Prez, Erykah Badu, Jill Scott, Big Daddy Kane, John Legend, Kool G. Rap, Cody ChesnuTT, The Brooklyn Steppers Marching Band, Darren „Mr. T.“ Hymes, André 4000, Fred Hampton Jr., u. a. * 103 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Kinowelt)

Synopsis / Kritik: Was macht ein afro-amerikanischer Komödiant, wenn es einen frisch unterzeichneten Vertrag über 55 Millionen Dollar für die dritte Staffel seiner inzwischen weltweit auf MTV laufenden comedy „Chappelle’s Show“ zu feiern gibt? – Er schmeißt eine Party.

Aber eben nicht irgendeine „Party“, schließlich haben wir es hier mit Dave Chappelle zu tun, „He can make you laugh at anything!“ (Los Angeles Times), dessen gleichnamige shows hierzulande meist im Spätprogramm dessen, was früher einmal ein Musikfernsehsender gewesen sein muss, über die Bildschirme flimmert: Mit 25 gestorben, trotzdem noch nicht tot – MTV ist ein Schatten seiner selbst, aber Dave Chappelles herrlich politisch inkorrekte show der womöglich allerletzte Grund, dem suizidgefährdeten Medium Klingeltonwerbung, officially known as „Musikfernsehen“, ein allerletztes Mal seine volle Aufmerksamkeit zu widmen.

Apropos Aufmerksamkeit: Diese sollte man tunlichst diesem wunderbaren Musik-Comedy-AgitProp-Film unter der Regie des französischen Videoclip-Regisseurs Michel Gondry (ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND / VERGISS MEIN NICHT!) zukommen lassen, dokumentiert eben dieser doch jene außergewöhnliche BLOCK PARTY, die Dave Chappelle im September 2004 im Stadtteil Bedford-Stuyvesant in Brooklyn, New York feierte, umsonst und draußen. Vor einem Haus, welches die letzte Trutzburg eines verheirateten Hippie-Pärchens darstellt, das wiederum die Grenzen noch halbwegs erträglicher Schrulligkeit nicht nur ausgelotet, sondern längst überschritten hat: Haus und Hippies haben ihre besten Zeiten – falls sie die jemals gehabt haben sollten – hinter sich, aber jetzt ist Dave Chappelle da, dies zu ändern: „5000 black people chilling in the rain, 19 white people peppered in the crowd. Trying to find a mexican!“

Seine BLOCK PARTY wird ein voller Erfolg, mehr noch: Ein legendäres Konzert, das mit das Beste an zeitgenössischem Hip Hop, R’n’B und Soul zusammenbringt, was die USA und insbesondere der New Yorker Stadtteil Brooklyn zu bieten hat.

Chappelle, der während seiner BLOCK PARTY als Alleinunterhalter / Entertainer fungiert (mit brüllend komischen Ergebnissen), hat seine goldenen Eintrittskarten (remember Willie Wonka?) aber eben nicht nur an Einwohner des sozialen Brennpunkts namens Bedford-Stuyvesant verteilt, sondern auch an Bekannte aus seiner Nachbarschaft in der tiefsten US-amerikanischen Provinz: Dayton, Ohio.

Doch nicht nur „some folks from Ohio“ bringt er mit nach Brooklyn, sondern auch gleich – in einer völlig spontanen Aktion – die grandiose marching band der dort beheimateten „Central University High School“: Allein die Szene, in der der Chef der marching band seinen jugendlichen Schützlingen ganz behutsam beibringt, dass man am Wochenende nicht wie sonst beim üblichen Provinz-Football-Match die Universitäts-eigene Mannschaft musikalisch unterstützen kann, weil man ja in Brooklyn auf Daves BLOCK PARTY besseres zu tun habe, ist das Eintrittsgeld wert: Die Kids, allein durch Chappelles Anwesenheit auf dem Trainingsgelände völlig aus der Fassung gebracht, geraten völlig außer sich, springen Chappelle um den Hals und sind einfach nur beseelt.

Beseelt ist auch ihr Aufritt am darauffolgenden Wochenende: Sie dürfen Kanye West bei seinem Hit „Jesus walks“ unterstützen, und – nein – Kanye West war nie besser, wird nie besser sein als mit dieser marching band im Rücken. Zum Schluss kriegen die schwarzen Jugendlichen aus der Provinz auch noch einige gute Lebens-Ratschläge von niemand geringerem als Wyclef Jean (The Fugees) mit auf ihren Heimweg.

Denn Chappelle hat nicht nur Kanye West, Mos Def, The Roots, Common, Talib Kweli, Dead Prez, Erykah Badu, Jill Scott, Big Daddy Kane, John Legend und Kool G. Rap für sein einmaliges Umsonst-und-draußen-Festival als line-up gekriegt, sondern krönt das Ganze auch noch mit einem richtigen Wunder: Der reunion der Fugees!

Spätestens an der Stelle, als das angesichts dieser Parade von Stars längst vollends beseelte und eigentlich kaum mehr aus der Fassung zu bringende New Yorker Publikum langsam begreift, dass da Wyclef Jean, Lauryn Hill und Pras zum ersten Mal seit fast 10 Jahren wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen, wird dieses Mischmasch aus Dokumentar- und Konzertfilm, nebst Agit-Propaganda zugunsten der Rechte der Afro-Amerikaner namens DAVE CHAPPELLE’S BLOCK PARTY, vom auf dem Regiestuhl sonst so exaltiert-einzigartigen Michel Gondry in bester Musikfilm-Tradition eher zurückhaltend-konservativ verfilmt, zu einem der filmischen highlights des Jahres:

In die Gesichter der zunächst völlig ungläubigen, dann vollends ausrastenden Menge zu blicken, als Lauryn Hill „Killing me softly“ singt … Ja, man ist tatsächlich kurz davor, hemmungslos loszuheulen, so überkandidelt-bewegend ist das alles hier: Hill schafft nur die erste Strophe, dann fällt ihr ein total überwältigter Wyclef Jean ins Wort: „Where have you been?“ (Wo sie war? Babypause!)

Dabei beschränkt sich DAVE CHAPPELLE’S BLOCK PARTY nahezu ausschließlich auf das eigentliche Festival, beziehungsweise die drei Tage unmittelbar davor: Über die organisatorischen Turbulenzen, die allein die Wiedervereinigung der Fugees bewirkt haben dürfte (Wie hat Chappelle das nur geschafft?), breiten Chappelle und Gondry den Mantel des Schweigens. Damit bleibt aber eben auch mehr Raum für das eigentliche happening, zu dem auch die an Komik kaum zu überbietenden Proben für das Konzert, starring Chappelle und The Roots, gehören, wofür man Regisseur und Alleinunterhalter am Ende einfach nur glühend dankbar ist, denn in diesen Film gehört nun wahrlich keinerlei Bürokratie. Es reicht völlig, dass es diese BLOCK PARTY gegeben hat und dass Gondry dabei war, um sie adäquat in Szene zu setzen.

Der kleine Franzose mit dem legendär schlechten Englisch (Wie haben sich Gondry und Chappelle eigentlich verständigt? Esperanto? Sanskrit?), verschwindet nahezu völlig hinter dem allseits präsenten Chappelle, nur bei einem kurzen Interview mit der Soul-Sängerin Jill Scott gerät das ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND-Genie eher zufällig vor die Kamera.
Gondry (schüchtern): „Sind Sie nervös angesichts der Tatsache, dass sie direkt nach Erykah Badu auftreten müssen?“
Scott (Wuchtbrumme): „Ha, Kleiner! Hast Du mich jemals auftreten sehen?“

Naja. Und genauso ist dann auch ihr Auftritt. Und eben nicht nur ihrer. Zeitweise sind die Roots in Vollbesetzung, zusammen mit Kanye West und Mos Def und Common gleichzeitig auf der eher kleinen Bühne versammelt und spielen die show ihres Lebens; die Dead Prez bringen ein gehöriges Maß an Politik mit ins Spiel; Cody ChesnuTT spielt selbstversunken-wunderbar Gitarre und Chappelle reißt Witze am laufenden Band:

Wer von sich dachte, dass er / sie Hip-Hop geradezu abgöttisch hasst, wird sich mehr als wundern, denn bald wird da ein soundtrack in seinem / ihrem CD-Regal stehen, der da angesichts der anderen Scheiben dort eigentlich überhaupt nichts zu suchen hätte.

Fazit: Feel good-movie of the year! Unterhaltsam wie sonst was, zwerchfellerschütternd witzig und dank der politischen Komponente immer ernsthaft um Bodenhaftung bemüht.

P.S.: Chappelle schmiss übrigens nach sechs Sendungen die dritte Staffel seiner MTV-Show mit der Begründung, er wolle nicht länger Witze auf Kosten von Schwarzen für ein weißes Publikum machen. – Wer diesen Film gesehen hat, mag zumindest erahnen, wann ihm diese Erkenntnis gekommen sein mag …
An einem Samstag im September 2004. In Brooklyn, New York. Beim selbsternannten Höhepunkt seiner Karriere …

P.P.S. (typische Proben-Situation für die BLOCK PARTY):
Dave Chappelle: „Did you hear the one about the industrious prostitute?“
Mos Def: „No, Dave.“
Dave Chappelle: „She had a vagina implanted on her hip.“
Mos Def: „Why, Dave?“
Dave Chappelle: „So she could make some money on the side!“


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