STAY


Stay      (USA, 2005)

Regie: Marc Forster
Drehbuch: David Benioff. Kamera: Roberto Schaefer
Mit: Ewan McGregor (Sam Foster), Ryan Gosling (Henry Letham), Naomi Watts (Lila Culpepper), Bob Hoskins (Dr. Leon Patterson), B. D. Wong (Dr. Ren), Janeane Garofalo (Dr. Beth Levy), Elizabeth Reaser (Athena), Kate Burton (Mrs. Letham) u.a.
98 Minuten     (6 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Kinowelt)

Synopsis: Brooklyn, New York, Gegenwart. Psychiater Dr. Sam Foster bekommt es vertretungsweise mit dem Fall von Henry Letham zu tun, einem Kunststudenten, der erklärt, sich in dreieinhalb Tagen das Leben zu nehmen. Je mehr Foster über seinen Patienten herauszufinden versucht und in dessen persönlichem Umfeld recherchiert, desto häufiger treten Ungereimtheiten zutage. Bald scheint es, dass weder die Vorgeschichte von Letham noch überhaupt die gegenwärtige Existenz aller Involvierten mit faktischer Sicherheit determiniert werden können.

Kritik: Schon obige Inhaltsangabe zeigt, dass STAY nicht ein Film jener Sorte ist, die man mit gutem Gewissen jeglichem Publikum anempfehlen kann. Gewisses Durchhaltevermögen gehört ebenso zu den mitzubringenden Qualitäten wie der Mut, sich den Herausforderungen eigenartiger Handlungsverläufe und Verwirrspiele zu stellen. Wenn am Schluss dann von den Filmemachern die Karten aufgedeckt werden, fühlt man sich entweder in seinem Mitdenken bestätigt oder kann sich auf dem Nachhauseweg der Aufgabe widmen, den gesamten Fall erneut aufzurollen. Wobei STAY schon eine Ecke schwieriger zu meistern ist als die bekannten „End-Lösungsgeschichten“ von M. Night Shyamalan oder Cameron Crowes VANILLA SKY (2001).

Es ist ein Werk, in dem es keine wahren Helden gibt. Man fragt sich, ob es überhaupt eine Filmperson gibt, die ohne Beschädigung vorgestellt wird und/oder unbeeindruckt von den stattfindenden Widrigkeiten ihre Normalität behält. Ewan McGregor in der Rolle des zunächst gar nicht engagierten Psychiaters, der aber zunehmend in die Geschicke seines ihm anvertrauten Patienten verstrickt wird, nimmt dabei Schlüsselstellung ein. Auch ihm, dem die Spielarten menschlicher Psyche nicht fremd sein sollen, blüht ein Schicksal vergeblichen Ringens in einer immer bizarrer werdenden Welt, die fast schon David Lynch’e Ausmaße annimmt.

Gedreht wurde an Originalschauplätzen in New York, und das urbane Geflecht von Architektur, Infrastruktur und Menschenmassen bildet einen adäquaten Rahmen, um individuelle Befremdlichkeiten und Absurditäten abzubilden. Man achte besonders auf die zielgenau eingesetzten Treppenhäuser und Wandelhallen! Das Gefühl der Unsicherheit, das sowohl die Hauptperson als auch das Publikum befällt, wird maßgeblich transportiert durch eine ausgesprochen ausgefuchste Bildsprache: Dinge werden von der Kamera bewusst verzerrt in den Vordergrund genommen, um den Blick auf das Hauptmotiv versperren. Überblendungen führen rasant von einem Ort zum nächsten. Szenen folgen nicht schnittgerecht aufeinander, sondern mit Brüchen oder Versetzungen. Im Hintergrund oder en passant spielen sich surreale Szenen ab, während die Hauptperson noch im Rahmen seiner Absichten und der Handlungslogik unterwegs ist. Das Spiel mit Lichteffekten und Spiegelbildern erfolgt so unverhofft, dass man den Könner hinter der Linse nur beglückwünschen kann. Form und Funktion bilden eine perfekte Symbiose.

Den Einbruch des Surrealen in eine Welt zu setzen, die mit Nervenärzten und Künstlern bzw. Kunststudierenden bevölkert ist, das entbehrt nicht einer gewissen Schurkerei. Aber in STAY werden unzählige weitere Dinge beleuchtet, denen man nicht ausschließlich das Prädikat „klärend“ oder „verwirrend“ zuordnen kann. Der unverhoffte Namensversprecher der langjährigen Freundin. Die evangelien-gleiche Wunderheilung. Der Name Letham als Anagramm und die Rolle, die Henrys Freundin Athena im einem Verließ gleichenden Theaterraum probt. Die Fülle an Fragmenten und Mosaiksteinchen, die unvermittelt auf Ohren und Augen des Publikums niederprasseln, beschäftigen und faszinieren bald so sehr, dass die große Auflösung beinahe nur mehr mit marginalem Interesse aufgenommen wird. Wie gesagt: Kein Film für den Normalverbraucher.


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