MAN MUSS MICH NICHT LIEBEN

Man muss mich nicht lieben      (Je ne suis pas là pour être aimé, F, 2005)

Regie: Stéphane Brizé. Buch: Stéphane Brize, Juliette Sales
Mit: Patrick Chesnais (Jean-Claude Delsart), Anne Consigny (Francoise Rubion), Georges Wilson (Jean-Claudes Vater), Cyril Couton (Jean-Yves, Jean Claudes Sohn), Geneviève Mnich (Francoises Mutter), Lionel Abelanski (Thierry) u.a.
93 Minuten     (7 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Kool Filmdistribution)

Natürlich gönne ich Jean-Claude von Herzen, dass er im beginnenden Herbst seiner Jahre noch einmal von Amors Pfeil getroffen wird. Zumal er durch Habitus und Verhalten gleich von Beginn des Filmes an ausdrückt, dass er sich vom Schicksal kaum mehr eine Wendung in seinem Leben erwartet. Allerdings frage ich mich, warum es ausgerechnet die um circa 15 Jahre jüngere und in den eigenen Hochzeitsvorbereitungen steckende Francoise ist, die sich zu ihm hingezogen fühlt. Ist es ihre Flucht vor dem anhänglichen Verehrer im gemeinsamen Tanzkurs? Die Gefühlskapriolen vor dem Ja-Wort, wie ihr von berufener Seite erklärt wird? Die Wege der Liebe sind unergründlich, und Man muss mich nicht lieben zeigt eine weitere Facette von Macht und Wirkung jenes Mysteriums.

Zugegeben: Die „Boy-meets-girl“-Geschichte in der Variante, den Altersunterschied der beiden Protagonisten ungewöhnlich zu vergrößern, hat gegenwärtig Konjunktur. Auch wurde die Idee, den Tanz als Katalysator und Ausdruck für unterdrückte oder verschollen geglaubte Gefühle zu benutzen, hier nicht zum ersten Male angewandt. Stéphane Brizé und Juliette Sales füllen das bekannte Raster allerdings mit einer dem französischen Film eigenen betrüblichen Melancholie, die besonders durch die Person des Jean-Claude Delsart ausgedrückt wird. Seinen Job als Gerichtsvollzieher vollführt er mit berufsbedingter Gefühllosigkeit, die Abende und Wochenenden sind von seiner einsamen Wohnung oder Besuchen beim herrischen Vater im Altenheim bestimmt, seinen erwachsenen Sohn widerstrebt es insgeheim, die Kanzlei seiner Väter fortzuführen. Wenn es in Man muss mich nicht lieben etwas zu lachen gibt, dann nur kurz und mit einem bitteren Nachgeschmack.
Während der Filmhandlung glänzt die Sonne weitgehend durch Abwesenheit, die Szenen mit Jean-Claude sind, wenn überhaupt, nur schwach mit Musik unterlegt. Darüber hinaus verliert sich die Leichtigkeit, die Francoise anfangs noch bei den Auftritten mit ihrem Verlobten Thierry oder bei der Ankleide des Brautkleides an den Tag legte, nach und nach in Grübeln und Schweigen.

Patrick Chesnais gibt das alltägliche Leben des Jean-Claude mit einer fast erschreckenden Gleichmütigkeit wieder, die neben dem Gefühl von Mitleid normalerweise nur zwei rationale Schlüsse zulässt: Entweder er trocknet weiter langsam vor sich hin und wird irgendwann tot in der Wohnung vorgefunden, oder in dem Introvertierten brodelt es derart, dass es sich früher oder später in einer verzweifelten Aktion entlädt. Umso mehr nimmt es wunder, dass er sich nach einem Arztbesuch als empfohlenen “sanften” körperlichen Ausgleich ausgerechnet einen Tango-Kurs in der Tanzschule gegenüber seiner Kanzlei wählt. Für einen Einzelgänger ein ungewöhnlicher, gar mutiger Schritt, begegnete er doch seinen Mitmenschen bislang vornehmlich in seiner Funktion als Überbringer von Zahlungsaufforderungen und Vollstreckungsbescheiden

Die Szenen in der Tanzschule nehmen natürlich eine Schlüsselfunktion in der Geschichte ein. Allerdings wird nicht ein Bruch in der eher behäbigen Erzählgeschwindigkeit riskiert, sondern die Dynamik und Passion des Tango wie mit “angezogenen Handbremse” auf die Protagonisten gestülpt: Die Musik zwar authentisch und fordernd im Zweivierteltakt, aber die Bewegungen der Tanzschüler sind zunächst noch verhalten, kontrolliert, schematisch. Erst nach und nach, über den ganzen Film hinweg, vollzieht sich eine angemessene Kongruenz von Technik und Ausdruck, parallel zur persönlichen Annäherung von Jean-Claude und Francoise. Dass die Szenen der beiden im Saal konsequent non-verbal sind, verstärkt noch den fließenden Übergang zwischen tanz-bedingter Nähe und erotischer Anziehung.
Die Liebesgeschichte ist tragisch, anrührend, einfühlsam ins Bild gesetzt und offeriert ein zwar offenes, aber dennoch hoffnungsvolles Ende. In letzter Konsequenz drücken sich die Macher vor einer Entscheidung, aber wer eine bessere Auflösung zu wissen glaubt, darf sich Meister nennen. Für den Liebhaber dergestalteter Geschichten kann durchaus eine Empfehlung ausgesprochen werden.


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