AMERICAN DREAMZ – ALLES NUR SHOW

*** AMERICAN DREAMZ – ALLES NUR SHOW / AMERICAN DREAMZ * USA 2006 * Drehbuch und Regie: Paul Weitz * Darsteller/-innen: Hugh Grant, Dennis Quaid, Mandy Moore, Willem Dafoe, Sam Golzari, Tony Yalda, Jennifer Coolidge, Marcia Gay Harden, Chris Klein, Seth Myers, John Cho, Judy Greer, Bernard White, Noureen DeWulf, Shohreh Aghdashloo, Carmen Electra, u. a. * 107 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (Dennis Quaid als George W. Bush-Karikatur) befindet sich trotz Wiederwahl in einer tiefen Sinnkrise. Amtsmüde schlägt er die (inter-)nationalen Zeitungen auf, und was er da liest, kann ihm nicht behagen: Die höchsten Umfragewerte erreicht Präsident Staton gerade noch bei Kindern unter fünf Jahren, und das ist nicht gerade ermutigend, tobt doch im Irak seit Jahren ein nicht enden wollender Krieg. Sein namenloser Chefberater (Willem Dafoe gibt gewohnt diabolisch seine Interpretation von Karl Rove, dem George W. Bush-Intimus) und seine fürsorgliche Ehefrau (Marcia Gay Harden) kriegen ihn kaum noch aus dem Bett, neben dem sich inzwischen Berge von Presseerzeugnissen stapeln.

Sein Chefberater ist zurecht entsetzt: Der tumbe Präsident interessiert sich plötzlich tatsächlich für Politik – dem muss Einhalt geboten werden, koste es was wolle: Seine fürsorgliche Ehefrau leiht ihm ihre Antidepressiva, sein Chefberater stopft ihm einen Sender ins Ohr … und, siehe da: Es klappt. Der ferngesteuerte Präsident tanzt plötzlich auf allen Hochzeiten, flirtet mit Carmen Electra (spielt sich selbst) und soll zu allem Überfluss auch noch als Gast-Juror bei US-Amerikas erfolgreichster Fernsehshow, AMERICAN DREAMZ, auftreten, welche vom so überaus beliebten, wie arrogant-misanthropen Star-Entertainer Martin „Tweedy“ Tweed (Hugh Grant als Kai Pflaume) moderiert wird. (Hierzulande wurde dieses Fernsehformat durch „Deutschland sucht den Superstar“ berühmt-berüchtigt; in den USA heißt das Ganze „American Idol“.)

(Schnitt.) United States of America, Bundesstaat Ohio, tiefste Provinz: Dorfschlampe Sally Kendoo („can do“ – Mandy Moore spielt sich quasi selbst) ist gerade dabei, ihrem etwas einfältigen, jedoch tief in sie verliebten Freund William Williams (Chris Klein) ein für allemal den Laufpass zu geben … da klingelt es an der Tür. Die Superstar-Häscher von AMERICAN DREAMZ sind da und engagieren die durchtriebene Sally für Tweeds TV-Kotztüte. Ekelpaket Sally fühlt sich, unterstützt von ihrer Mutter (Jennifer Coolidge), dadurch erst recht zu Höherem berufen … der verprellte William meldet sich daraufhin liebeskrank zur Army und wird prompt im Irak verwundet.

Als vermeintlicher Retter des Vaterlands kehrt er zurück in die Heimat, wo ihn – zu seiner eigenen maßlosen Überraschung – eine liebestolle Sally scheinbar heiß ersehnt hat. Aber sie spielt bloß ein Spiel, und nicht nur sie mit ihm, sondern auch der ebenfalls in der Show als Witzfigur auftretende Omer (Sam Golzari als Daniel Küblböck) mit dem amerikanischen Präsidenten: Omer mag zwar Broadway-Musicals, und wird durch AMERICAN DREAMZ tatsächlich zu einer Art Superstar („Ihr wurdet gerade Omer-isiert!“), doch seine eigentliche Rolle ist die des terroristischen Schläfers: Er wartet (nicht ohne Grund, allerdings auch nicht ganz freiwillig) nur darauf, in der letzten Sendung der Staffel Präsident Staton und sich selbst in die Luft zu sprengen …

Kritik: „Not everyone can carry the weight of the world“ sangen R.E.M. einmal vor Jahrzehnten. „Scheiß drauf!“, wird sich Paul Weitz, der Regisseur von AMERICAN PIE, aber eben auch von ABOUT A BOY und REINE CHEFSACHE, gesagt, haben, als er sich in sein neues, zweifelsohne gewagtes Projekt, AMERICAN DREAMZ, stürzte: Ich versuche mich mal an einer weltumspannenden Mediensatire!: George W. Bush und seine Amtszeit, 9/11, arabische sleeper cells, der Irak-Krieg, Terroristen-Trainingscamps in Afghanistan und das „Land X sucht einen grenzdebilen Vollidioten, der für eine Woche Ruhm erlangt“-Format vermischt Weitz zu einer überkandidelten und die Grenzen zur Tragikomödie, respektive Satire weit überschreitenden Mixtur, die einiges an Sprengpotential in sich birgt: AMERICAN DREAMZ könnte durchaus sein Publikum verfehlen, denn mit einer Komödie herkömmlicher Machart haben wir es hier nun wirklich nicht zu tun.

Gekonnt führt das hervorragende Drehbuch all seine scheinbar unvereinbaren Handlungsstränge zusammen, doch Weitz hat bei all seinem schriftlichen Können leider die Inszenierung hinten dran gestellt: AMERICAN DREAMZ fehlt es nahezu völlig an Tempo, lediglich das überraschend konsequent-zynische Ende beinhaltet Elemente des thrillers: Es gibt, völlig zurecht, tote Protagonisten zu „beklagen“. Möglicherweise hat sich Weitz aber auch mit dem globalen Charakter seiner Mediensatire übernommen. Es bleibt nämlich fraglich, ob man NACKTE KANONE-Witze über Terroristen-camps machen kann, vor allem angesichts von zeitgleich in den hiesigen Kinos über die Leinwände flimmernden Mahnmalen wie FLUG 93.

Nichtsdestotrotz bleibt AMERICAN DREAMZ ein durchaus sehenswerter Film, der vor allem von seinen grandiosen Nebendarstellern (Sam Golzari als Iraki zwischen den Fronten und Tony Yalda als sein schwuler Cousin, der ihm die richtigen Tanzschritte beibringt) getragen wird: Allein für die gar nicht einmal gewagte These, dass jeder Frank Sinatra-Song selbst dem hartgesottensten islamischen Fundamentalisten einfach die Tränen in die Augen treiben muss (vor allem dann, wenn er von einem vermeintlichen Gesinnungsgenossen interpretiert wird), und für die spielerische Umsetzung dieser Idee gebührt Weitzs Werk uneingeschränktes Lob.

Doch das post-9/11-Trauma kann auch AMERICAN DREAMZ nicht abschütteln. Schwer lastet die augenblickliche Weltlage auf dem einerseits so intelligenten, wie andererseits lahm inszenierten US-amerikanischen Machwerk: Obwohl sein eigenes Drehbuch ihm die richtige Fährte weist (Trau dich!), kann sich Weisz zwischen gnadenlos-zynischer Mediengroteske und einer, von einem rührend naiv-humanistischen Weltbild geprägten, globalen Zustandsbeschreibung nicht entscheiden. Auch wird man mal wieder das Gefühl nicht los, dass hier die deutsche Synchronisation einiges an Wortwitz der (diesmal amerikanischen) Originalfassung zunichte gemacht hat.

Obwohl: Allein für die wunderbar komische Szene, in der Präsident Staton alias Dennis Quaid alias George W. Bush in seinem Ohr herum prokelt, um den diabolischen Anweisungen seines Chefberaters ein für allemal zu entgehen, gebührt der deutschen Übersetzung Lob: „Mir wird von den vielen Rückkopplungen ganz wuschig!“

„Wuschig“ ist zweifelsohne ein selten schönes deutsches Wort – in einem am Weltschmerz
allerdings erstickenden und viel zu tempoarm inszenierten Film, der durchaus bleibende Momente hat, und komisch ist, ohne albern zu sein, der seine Charaktere überraschend vorbehaltlos liebt, ohne sich dadurch beim Publikum anzubiedern, aber auf hohem Niveau letztlich an seinen selbst gesteckten Zielen scheitert.


About this entry