DAS GEHEIME LEBEN DER WORTE

Das geheime Leben der Worte       (Originaltitel: La vida secreta de las palabras,
Spanien 2005)

Buch und Regie: Isabel Coixet
Mit: Sarah Polley (Hanna), Tim Robbins (Josef), Javier Cámara (Simon), Julie Christie (Inge), Sverre Anker Ousdal (Dimitri), Steve Mackintosh (Dr. Sullitzer), Eddie Marsan (Victor) u.a.
115 Minuten        (9 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Tobis)

Gemeinhin heißt es, dass Komödien es schwer haben, zu den großen Oscar-Abräumern zu gehören. Zieht man nun eine Parallele zu dem spanischen Pendant „Goya“, dann kann man sich ungefähr denken, womit man es beim viermaligen Preisträger Das geheime Leben der Worte zu tun hat. Ein Melodram, das über weite Strecken Tristesse und Einsamkeit ausstrahlt. In dem Schweigen die Eigenschaft ist, die das Publikum von der Hauptperson Hanna als erstes kennen lernt. Der Himmel ist stets Wolken verhangen, ihre Wohnung weist keinerlei Hinweis auf menschliche Wärme auf, ihr Job in der Kunstfaserfabrik ist auf monotone Handgriffe beschränkt und selbst ihre alltägliche Pausenmahlzeit besteht stets aus den gleichen Zutaten. Hanna, eine blasse Frau Ende 20, wandelt wie apathisch in dieser Welt und schaltet, wenn sie ihr ganz überdrüssig wird, einfach ihr Hörgerät ab.

Sarah Polley, die schon in Coixet vorherigem Film Mein Leben ohne mich (Ma vida sin mí, 2002) die Hauptrolle spielte und scheinbar auf den Typ schicksalsgebeutelte Frau abonniert ist, agiert auch hier mit einer Aura der inneren und äußeren Isolation, die von Beginn an die Gemüter des mitfühlenden Publikums berührt.

Als Hanna während eines verordneten Zwangsurlaubs den Job einer Krankenpflegerin auf einer Bohrinsel vor der Küste Nordirlands annimmt, trifft sie auf Josef, der nach einem Brandunfall und vorübergehend erblindet transportunfähig ist. Tim Robbins kann man sich so gar nicht in der Rolle des strahlenden Ritters denken, der zu der armen Hanna vordringt. Zumal ihr erklärtes Ziel ist, abseits ihrer Arbeit in Ruhe gelassen zu werden und nur zögerlich mit den dort verbliebenen fünf weiteren Männern in Kontakt tritt. Aber das Drehbuch gibt Josef die richtigen Worte vor und er vermag trotz seiner Immobilität (oder vielleicht gerade wegen ihr?) die Intimität zwischen Pflegerin und Patient zu nutzen, um die Annäherung der beiden glaubhaft zu machen. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Gesprächen zwischen Josef und Hanna, das Krankenzimmer als Ort verleiht der Handlung etwas Kammerspielartiges.

Es gibt keine eigentlichen Nebenhandlungen, die unnötig von den Protagonisten ablenken. Dennoch ist die Funktion der anderen Schauspieler nicht auf bloße Staffage beschränkt, sondern die Männer verleihen im Einklang mit der spröden Bohrinsel als Handlungsort dem Film das, was in den Statements als „lyrisch, magisch und poetisch“ ausgedrückt wird. Auf dem stählernen Gerüst, das metaphorisch selbst ein Bollwerk gegen die millionenfach auf ihn treffenden Wellen ist und gleichzeitig doch ihr Opfer sein wird, wird quasi in jeder Szene, jeder Einstellung und jedem kurzen Dialog eine Facette dessen gezeigt, was sich hinter den dort ausharrenden Personen verbirgt. Die Nuanciertheit steht ohne weitere Erläuterung im Raum und wirkt deswegen umso eindringlicher: Im positiven Sinne wird der Zuschauer angeregt sich zu fragen, was Frau Coixet damit gemeint haben mag. Oder man lässt den Kopf beiseite und gibt sich in sentimentaler Ergebenheit den Bildern hin, die die ganze Bandbreite von Trauer, Fatalismus, Hoffnung und Freude widerspiegeln. Großes Gefühlskino mit kleinen Gesten und noch wenigeren Worten.

Irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass es für die Erschaffung eines solchen Filmes unbedingt die Hand und den Kopf einer Regisseurin bedurfte, um das Gleichgewicht zwischen dem märchenhaft anmutenden Kleinod Bohrinsel und dem schmerzlich Verdrängten in Kopf und Seele der beiden Hauptpersonen überzeugend zu keieren. Und ganz besonders durch Hanna kommt im zweiten Teil der Geschichte einiges an die Oberfläche, durch das das in mancherlei Verzückung geratende Publikum wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgerufen wird. Isabel Coixet riskiert damit einen formellen Bruch mit dem zuvor Gezeigten, beweist aber Unerschrockenheit um der Botschaft willen. Den Goya-Juroren hat’s gefallen. Und mir auch.


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