FLUG 93

FLUG 93     (Originaltitel: United 93. USA 2006)
Buch und Regie: Paul Greengrass
Mit: Lewis Alsamari (Saeed Al Ghamdi), J.J. Johnson (Captain Jason Dahl), Trish Gates (Sandra Bradshaw), Polly Adams (Deborah Welsh), Cheyenne Jackson (Mark Bingham), Opal Alladin (CeeCee Lyles), Nancy McDoniel (Lorraine G. Bay), Starla Benford (Wanda Anita Green) u.a.     111 Minuten     (8 von 10 Punkten)

Nach über viereinhalb Jahren erscheint auf der großen Leinwand die erste filmische Auseinandersetzung mit direktem Bezug zu den Ereignissen des 11. Septembers 2001.* Offenbar war Zeit vonnöten, bis die Welt (will sagen: Die USA) bereit war, sich der Thematik zu stellen und ein Regisseur den Mut und das Fingerspitzengefühl mitbrachte, das Projekt in die Hand zu nehmen. Denn allzu gefährlich ist es, in das eine oder andere Fettnäpfchen zu treten, das da mit den Begriffen Islam, politische Verantwortlichkeit, Gefühle der Hinterbliebenen und ohnehin dem Traumata einer ganzen Nation verbunden ist.

Entstanden ist ein Film mit dokumentarischem Charakter, der die zwei Stunden vom Einschecken in die Unglücksmaschine United Airlines Flug 93 bis zu deren Absturz um 10:03 Uhr auf einen Acker bei Shanksville, Pennsylvania rekonstruiert. Anhand der mitgeschnittenen Telefonate aus der gekaperten Boeing 757 und Gesprächen mit den Hinterbliebenen konnte der englische Regisseur Paul Greengrass ein stimmiges Bild der Passagiere, der Attentäter, der Crew und der vermutlichen Geschehnisse an Bord zeichnen. Eine zweite Handlungsebene beleuchtet parallel dazu die Vorgänge in den Kontrolltürmen, Flugleitzentralen und NORAD, der zentralen Stelle für Luftverteidigung.

Obwohl die Geschehnisse an jenem tragischen Tag auch heute noch weitgehend gegenwärtig sind und jedes Detail von den Medien hinreichend beleuchtet worden sein dürfte, ist dennoch ein spannender, dramatischer und über weite Strecken beklemmender Film entstanden. Tatsächlich resultiert die Qualität von Flug 93 sogar eben aus jenem Wissen um die Ereignisse und der Tatsache, dass der Zuschauer über weite Strecken mehr weiß als z.B. die Verantwortlichen im Tower. Was vor den dortigen Radar-Bildschirmen wie ein ganz normaler Arbeitstag in operativer Hektik beginnt und sich nach und nach durch die Offenbarung des Unvorstellbaren zu einem Schreckensszenario verdichtet, das hat die Kraft, uns jäh wieder in die Gefühlslage während der Stunden der Attentate zurückzukatapultieren.

Dabei ist die Titel gebende United Airlines Flug 93 zunächst nur Nebensache, weil sie die zuletzt als entführt identifizierte Maschine war. Die Geschehnisse am Himmel, die die Verantwortlichen zunächst nur erahnen und anhand von (ausbleibenden) Funksprüchen und Transpondersignalen und an grobpixeligen Bildschirmen zu verstehen versuchen, weiten sich von anfangs verschwundenen Flugzeugen über die Mutmaßung der Entführung von mindestens drei Maschinen bis zur finalen Gewissheit, dass jene als Waffe benutzt werden, aus. Was aber erst geschieht, als die CNN-Bilder vom Einschlag der UA 175 in den Südturm eingeblendet werden. Was danach folgt und wie versucht wird, unter diesem Schock und der Fessel durch Befehlsketten und Verantwortlichkeiten die Lage einigermaßen in den Griff zu kriegen, das gleicht in vielen Punkten dem Bemühen eines Ameisenvolkes, in dessen Bau ein grober Stock hineingebohrt wurde. Einerseits wird offenbar, wie verletzbar und kurzfristig desorganisiert die Großmacht USA in jenen Stunden war, andererseits, dass jene Taten damals schlichtweg noch als undenkbar galten.

Derweil wird von klaustrophobischer Räumen am Boden immer wieder in das Cockpit und die Passagierröhre von Flug UA 93 gewechselt, in denen sich vierundvierzig namenlose Passagiere und sieben Crewmitglieder aufhalten. Kurze Gesprächsfetzen während des Boadings und des Fluges erwecken beim Zuschauer das Gefühl, es mit einer ganz alltäglichen Situation zu tun zu haben; es wurden für die Rollen auch keine bekannten Gesichter genommen, um ganz den dokumentarischen Charakter des Filmes zu betonen. So, wie damit von vornherein eine Heroisierung vermieden wurde, so wirkt Greengrass einer Verteufelung der Attentäter entgegen: Die ersten Szenen im Hotel gehören ihnen, die Anspannung und gelegentliche Zweifel sind ihnen dort und auch in der Maschine anzusehen, und dennoch siegt in ihnen die fatale Überzeugung von der Richtigkeit ihres Handelns. Eigentlich eine ziemlich faire Darstellung.
Wirklichkeitsnah auch das Finale, als sich die Passagiere entschließen, alles auf eine Karte zu setzen und die Entführer überwältigen wollen. Auf der Leinwand folgt ein scheinbar heilloses Durcheinander, ein ungewohntes Hauen und Stecken angesichts der Flut von choreographierter Kampfszenen, die man sonst in Spielfilmen Marke Hollywood zu sehen bekommt. Erst beim zweiten Nachdenken wird die Schwierigkeit bewusst, trotz Übermacht in einer engen Röhre gegen zwei bzw. vier Gegner anzukommen. Atem beraubend und gleichzeitig verhängnisvoll.

Letztendlich muss man sich bewusst sein, dass trotz aller Recherchen und vorliegender Tondokumente die Darstellung der Geschehnisse an Bord der UA 93 nur eine von mehreren möglichen ist. So gibt es z.B. Hinweise darauf, dass die Maschine doch von der US-Luftwaffe abgeschossen wurde, bevor sie ihr Ziel (Das Capitol? Das Weiße Haus?) erreichte. Fraglich ist auch, ob die Passagiere in einem heroischen Akt nur den Absturz herbeiführen wollten oder noch hofften, die Kontrolle über das Steuer zu erlangen. Wie dem auch sei: Den Machern ist ein authentischer Film gelungen, nüchtern, emotionslos, ohne Pathos. In den USA, die durch die Ereignisse des 9/11 oft als traumatisierte Nation hingestellt wurde, hat Flug 93 eine tief gehende Wirkung beim Publikum erzeugt, nicht zuletzt durch die in der Originalversion wiedergegebenen tatsächlichen Telefongespräche. Aber auch in den deutschen Kinosälen präsentiert er sich in Inhalt und Form als ein Film von außergewöhnlicher Intensität.

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*) Der Episodenfilm 11’09’’01 (USA 2002) nimmt die Geschehnisse des 11. Septembers eher als Hintergrund, vor dem sich die eigentlichen Geschichten aus aller Welt abspielen


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