KUSSKUSS

*** KUSSKUSS / KUSSKUSS – DEIN GLÜCK GEHÖRT MIR! * Deutschland / Schweiz 2005 * Drehbuch: Katrin Milhan und Sören Senn * Regie: Sören Senn * Darsteller/-innen: Carina Wiese, Axel Schrick, Saïda Jawad, Victor Choulman, Daniel Stock, Ursina Lardi, Samir Osman, Konstantin Achmed Bürger, Torsten Lensing, Ennio Cacciato, u. a. * 95 Minuten * (3 von 10 Punkten) ***

Gespräch vor einem US-amerikanischen Programmkino:
„I hate myself and I want to die.“
„Me, too.“
„But I don’t feel depressed enough.“
„Me, neither.“
„Let’s watch a german beziehungsdrama!“
„Yeah! Suicide, here we come!“

Synopsis: Katrin, Assistenzärztin im Berliner Klinikum „Benjamin Franklin“, muss eines Tages miterleben, wie eine aus Algerien stammende und vom dortigen Bürgerkrieg traumatisierte junge Frau namens Saïda, welche in der Klinik illegal als Putzfrau arbeitet, von einem Araber (Passfälscher und irgendwie auch sonst noch kriminell) belästigt wird.

Kurzentschlossen nimmt Katrin Saïda mit nach Hause, wo Katrins Freund Hendrik, ein an seiner Arbeit verzweifelnder Geisteswissenschaftler (worüber genau er schreibt, weiß man nicht, das Drehbuch ist nicht nur hier überfordert) nicht gerade auf eine Mitbewohnerin gewartet hat.

Das Akademiker-Pärchen, welches sich wohlig in seiner (typisch film-deutschen) kaputten Beziehung eingenistet hat, ist bald von der Situation völlig überfordert, denn es stellt sich nicht nur heraus, dass Saïda nur noch eine zwei Wochen lang dauernde Duldung hat (und somit Gefahr läuft, als „Illegale“ nach Algerien abgeschoben zu werden) … Sondern, was auch passiert, ist folgendes: Hendrik und Saïda verlieben sich ineinander.

Da kommt die von der Liaison nichts ahnende Katrin auf die tolle Idee, die beiden sollten doch eine Scheinehe (schöneres, weil treffenderes Wort: „Schutzehe“) eingehen, damit Saïda in Deutschland bleiben kann …

Kritik: In Hollywood ist man bekanntlich in den letzten Jahren dazu über gegangen, den scheinbar nicht enden wollenden Schwall aus dümmlichen teenie-slasher-Horrorfilmen und sogenannten date movies (AMERICAN PIE & Co.) mit völlig überdrehten Karikaturen à la SCARY MOVIE entgegen zu wirken. Leider ist dieser Trend noch nicht bis Deutschland vorgedrungen …

Denn es wird wirklich mal langsam Zeit für etwas wie NICHT NOCH EIN DEUTSCHER PROBLEM-FILM!, ist KUSSKUSS doch wieder so ein Fall für die Klapsmühle des ambitionierten, ohne großes Budget gedrehten (die Schauspieler sahen keinen Cent) und mit seiner schier unerträglichen Machart kolossal gescheiterten Filmhochschulabschlussfilms geworden.

Diese Scheiße aus Zelluloid funktioniert bekanntlich immer nach dem Schema F: Man nehme ein gesellschaftlich relevantes Thema und … Schluss. Der Rest ist klägliches Bemühen. Schnitt, Kamera, Musik, ja selbst die Schauspielführung bleiben Mittel zum Zweck, während man den völlig unterforderten Schauspielern anmerkt, dass sie gar nicht glauben können, was die Drehbuchautoren ihnen da an jederzeit bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus gehenden, unfreiwillig komischen Dialogen in den Mund gelegt haben.

Auch wenn der Regisseur (zur Deutschland-Premiere im Münsteraner Programmkino „Cinema“ anwesend) aus der Schweiz kommt: KUSSKUSS krankt an dem deutschen Beziehungsfilm-Syndrom. 90% des Films habe ich mir die Hände vors Gesicht geschlagen, mich im Kinosessel gewunden, bin vor Scham im Boden vollends versunken (Wow! Ich kann Materie durchdringen!) und hätte mir am liebsten auch noch die Ohren zugestopft, denn was hier an holzschnittartigen (Entschuldigung, liebe Holzschnitzer!), quatsch!, tonnenschweren Granitblöcken gleichenden Dialogen von der Leinwand rumpelt, ist so atemberaubend grausam, dass man es einfach nicht fassen kann: KUSSKUSS 95 Minuten lang auszuhalten, ist in etwa so, als würde man eine worst of der Nachmittagstalkshows im deutschen Privatfernsehen gucken.

Dabei hat der Film durchaus seine Momente, allerdings nur dann, wenn die Protagonisten endlich mal die Klappe halten. Dann übt sich KUSSKUSS im französischen Kino der Blicke, dann kippt das urdeutsche und sich in seiner Trivialität lustvoll suhlende Beziehungsdrama zuweilen dann doch in eine durchaus anrührende Liebesgeschichte um … bis, ja bis den Drehbuchautoren dann dummerweise doch wieder ein Dialog eingefallen ist, den sie sich erdreistet haben, auf die Leinwand zu bringen:

Ich: „Oh, Stille! Verweile doch, du bist so schön … undeutsch!“
Leinwand: „Hastdusmitihrgetriebenwielangegehtdasschonsoichhassedichfickendeutschland!“

KUSSKUSS, mit dem Untertitel „Die Welt zu Gast / im Asyl bei verklemmt-depressiv-neurotischen Dummschwätzern“, ist ein weiteres trauriges Beispiel für das Elend, das der begnadete Max Goldt einmal so treffend als „depressive Toleranz“ beschrieben hat: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Wer glaubt, auf die unmenschliche Bürokratie deutscher Ausländerbehörden mit unmenschlich-bürokratischer Schema F-Kunst reagieren zu müssen, möge doch bitte erst einmal damit anfangen, den Globus von seinen Schultern zu wuchten. Niemand hat ihn dorthin plaziert. (Und „Leiden schafft“ ist im übrigen nicht dasselbe wie Leidenschaft. Wer den französischen Dogma-Film LOVERS (welcher mit nahezu demselben sujet aufwartet) mit der bezaubernden Élodie Bouchez in der Hauptrolle kennt, weiß, wovon ich rede …)

Ein Punkt für die bloße Existenz von KUSSKUSS, ein Punkt für das gesellschaftlich relevante Thema (laut vorsichtigen Schätzungen gibt es eine Million „Illegale“ in Deutschland, während sich die Politik außerstande fühlt, an deren haltloser Situation irgendetwas zu ändern, wie wäre es zum Beispiel mal mit einer kollektiven Amnestie / Anerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft nach spanischem Vorbild?), ein Punkt für das rührende Bemühen der drei Hauptdarsteller/-innen, aus Scheiße Gold zu spinnen.


About this entry