WE FEED THE WORLD

*** WE FEED THE WORLD / WE FEED THE WORLD – ESSEN GLOBAL * Österreich 2005 * Kamera, Drehbuch und Regie: Erwin Wagenhofer * Darsteller/-innen: Jean Ziegler (UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung), Karl Otrok (ehem. Produktionsdirektor von „Pioneer“), Peter Brabeck-Letmathe (Chief Executive Officer (CEO) und Präsident des Verwaltungsrats von „Nestlé“), u. a. * 96 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

We Feed the World
(Bildrechte: Delphi Filmverleih)

„Das ist kein Sonderangebot / das ist Mord!“ (Ja, Panik)

Synopsis / Kritik: Erwin Wagenhofer ist Kameramann, Drehbuchautor, Regisseur und Österreicher (wow!) in einer Person und hat sich in den Jahren 2004 und 2005 auf die Suche nach den Auswirkungen der Monopolisierung (besser bekannt unter dem Decknamen Globalisierung) auf die globale Esskultur (oder das, was noch davon übrig ist) gemacht.

Seine Recherche führt ihn, ausgehend vom Wiener Naschmarkt zu Fischkuttern in die Bretagne, in die Tomaten-Gewächshäuser von Süd-Spanien, und in die Auberginen-und Soja-Felder von Rumänien und Brasilien, um am Ende wieder in Österreich zu landen: In einem Hähnchenmastbetrieb.

Erwin Wagenhofer ist ein Guter, keine Frage, und für seinen Film WE FEED THE WORLD, der inzwischen zum erfolgreichsten österreichischen Dokumentarfilm avanciert ist und den in der Alpenrepublik mehr Menschen gesehen haben als etwa FAHRENHEIT 9/11, gebührt ihm mehr als Respekt. Schade ist nur, dass WE FEED THE WORLD einen seltsam unbefriedigt aus dem Kinosaal treten lässt. Doch der Reihe nach:

Talkin’ ’bout Respekt. Wagenhofers WE FEED THE WORLD ist kein zweiter Spurlock oder Moore geworden. Polemik und Hysterie kommen bei ihm nicht vor, was mehr als angenehm ist – nochmal: Es ist ein österreichischer Film (no pun intended!). Trotzdem gerät er niemals in Verdacht, in Wiener Kaffehausgemütlichkeit zu verfallen, dafür ist das Thema zu ernst und die Bilder, trotz ruhigen Schnittes und ebensolcher Kameraführung, bisweilen einfach zu grotesk.

Schon zu Beginn hält Wagenhofer schonungslos drauf: Wagenladungen von „verfallenem“ (ergo: 24 Stunden alten) Brot werden in Wien weggekippt, von der täglichen Menge könnte man Graz im gleichen Zeitraum ernähren. Dazu interviewt Wagenhofer LKW-Fahrer und Getreidebauern: Man stellt fest, dass der Rollsplit auf den Straßen inzwischen teurer ist als der Weizen. Demnach kann man es sich auch „leisten“, tonnenweise „Brot für die Welt“ wegzukippen – es war ja schon bevor es aus dem Ofen kam nichts wert.

Wagenhofer macht in diesem betont sachlich-kühlen Stil weiter: Die Fischkutter der bretonischen Küste, die in bester „Fischers Fritz“-Tradition tatsächlich noch täglich rausfahren, um mit dem frischesten Fisch, der sich denken lässt, wiederzukommen. Der Fischhändler, der völlig euphorisiert von der hervorragenden Qualität der Ware spricht und die roten Kiemen des Fangs bewundert, als seien es kostbare Edelsteine. Dagegen die „Ergebnisse“ des industrialisierten und von der EU geförderten trawler-Raubzugs: Die Fische sehen aus wie Abfall. „Also, so was würde ich nicht essen. Wir sagen, es ist nicht zum Essen, es ist nur zum Verkaufen“, scherzt der Fischhändler verbittert, wohl wissend, dass es tatsächlich Verbraucher gibt, die sowas essen wollen. Aber wollen sie das wirklich?

Wagenhofer liefert die Antwort nicht mit, er braucht sie nicht mitzuliefern. Das ist einerseits sicherlich die Stärke von WE FEED THE WORLD, die Bilder sind klar und präzise, während die generelle Herangehensweise (das „Drehbuch“, wenn man so will) eben nicht das eines allwissenden Erzählers ist. Hier will jemand, sich dabei zögerlich tastend in Richtung einer möglicherweise vorhandenen Wahrheit vorarbeitend, nicht belehren, sondern selbst erst einmal verstehen. Für die Emotionen sorgt derweil Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, der sich angesichts des Themas kaum zurückhalten kann – seine vor Wut bebenden Antworten auf die leider nicht zu hörenden Fragen gipfeln in dem Satz „Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Seine Kommentare sind es dann auch schließlich, die dem Film seine eindeutige Tendenz geben.

So eindeutig diese Tendenz sein mag – Wagenhofer lässt zum Schluss den CEO von „Nestlé“, der sogar Wasser einen Marktwert zuweisen möchte, sich selbst widersprechen, führt ihn dabei aber nicht vor – so inkohärent ist der Gesamteindruck, den WE FEED THE WORLD beim Betrachter hinterlässt, weil dem Film eben nicht nur (Pluspunkt!) der allwissende Erzähler fehlt, sondern eben auch (Minuspunkt!) überhaupt ein Erzähler, eine Struktur, irgendwas Griffiges.

Wagenhofer setzt stattdessen Schlaglichter: Die Getreideproduktion in Österreich. Häkchen dahinter. Die Industrialisierung der Fischerei in Frankreich. Thema durch. Die spanischen Gewächshaustomaten, die von der EU subventioniert werden, die sogar noch im Senegal für einen Spottpreis auf den dortigen Markt geworfen werden, den dortigen Bauern somit die Arbeitsgrundlage entziehen, damit diese illegal in Spanien einwandern, um dort Tomaten durchzubringen. Nächstes Thema. Und zum Schluss dann, quasi als Höhepunkt, das interview mit einem dieser austauschbaren Angehörigen der Spezies homo oeconomicus oeconomicus. Abspann.

Es mag vielleicht zu der sich an das zweifelsohne hochkomplexe Thema herantastenden Arbeitsweise Wagenhofers passen, dass man als Zuschauer zwangsläufig gezwungen ist, sich selbst ein einigermaßen kohärentes Gesamtbild im Hirn zusammenzusetzen, aber dass der Regisseur selbst sich diesbezüglich so gar keine Mühe gemacht hat (seinem Film einen Rahmen zu geben, die message irgendwie abzurunden, oder ästhetisch in die am Ende doch ziemlich ermüdende, weil statische Kameraführung einzugreifen), das muss man WE FEED THE WORLD einfach ankreiden: Man wird das Gefühl nicht los, dass der Film (freiwillig?) auf halber Strecke einfach stehen bleibt, obwohl er Potential für weitaus mehr hätte.

Nichtsdestotrotz bleibt WE FEED THE WORLD natürlich so etwas wie eine Pflichtveranstaltung für einen sich einigermaßen „aufgeklärt“ schimpfenden Bürger, zumal dieses Landes. Denn niemand gibt in Westeuropa so wenig Geld für Lebensmittel aus, wie die Bewohner der BRD: Geiz ist hierzulande zum Kotzen geil.

Dumm ist nur, dass, wenn man Wagenhofers nur unzureichend zusammengesetztes puzzle weiterspielt, man das Gefühl nicht los wird, dass der Regisseur womöglich vor dem großen Rundumschlag zurückgeschreckt hat, weil er die Wahrheit sehr wohl kennt und seine Zuschauer lieber schonen wollte …

Wir sind nämlich ziemlich offenbar eine so armselige wie gierige Spezies, die entschlossen an der eigenen Vernichtung arbeitet. Guten Appetit!


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