IM SCHWITZKASTEN

Im Schwitzkasten    (D, 2005)

Regie: Eoin Moore.
Drehbuch: Eoin Moore, Jens Köster, Sven Poser und die Hauptdarsteller
Mit: Christiane Paul (Nadinchen Molinski), Charly Hübner (Jost Molinski), Andreas Schmidt (Toni Neer), Esther Zimmering (Dani Möller), Steffi Kühnert (Karin Lose), Laura Tonke (Monika Stauffenberg), Edgar Selge (Norbert Reich) u.a.
95 Minuten      (5 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Alamode Film)

Also, da macht die nette Frau Paul auf ihrer Promo-Tour schon mal in Münster Station, kommt mit leicht trippelnden Schritten und vorgebeugten Schultern den Gang im Schlosstheater entlang bis zur Bühne, ein kurzes „Hallo“, die Hand rasch, beinahe schüchtern zum Gruß erhoben, das markante Zahnpastalächeln, da ist es wieder, am Donnerstag erst bei Harald Schmidt gesehen, diesmal leibhaftig hier im Theater und mit umso heftigerem Wiedererkennungsfaktor, also, nun steht eine des Ensembles in persona vor ihrem Publikum und kriegt dann, noch bevor der wenn auch nicht frenetische, aber doch willkommende und wohlwollende Applaus so recht verklungen ist, von einem Schnösel aus der Loge den Kommentar vor den Bug geschossen, dass „der Film doch nun wirklich alle heute in Deutschland gängigen sozialen Klischees bedient, nur die Ausländerfeindlichkeit hat man vergessen!“
Zack!
Da war nicht nur Christiane Paul, sondern auch die Mehrzahl der Zuschauer für einen Moment sprachlos. Weniger wegen der vielleicht diskutablen Detailkritik, sondern wegen der von allen empfundenen Taktlosigkeit, die jener Mensch ohne zu zögern und Rücksicht auf den Ruf des Münsteraner Publikums in besserwissender Weise glaubte zum Besten geben zu müssen. Sie tat mir ein wenig Leid, die Christiane, die in ihrer Not nach Antworten rang („Diese Frage besser an den Regisseur stellen …, der Film bringt doch auch Positives rüber …“) und zum Glück durch den nächsten sich Meldenden erlöst wurde, der den Film einfach nur toll fand. Beifall aus den Reihen zu dieser lindernden Äußerung.

Im Schwitzkasten ist der berühmte Spatz, auf den obiger Zeitgenosse mit Kanonen geschossen hat. Ein kleiner Film, der – wie Frau Paul berichtete – in drei Wochen im Kasten war, mit einem Minibudget von 640.000 Euro auskam und ursprünglich für die ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ geplant war. Die Vorführungen auf Festivals zeigten indes eine große Publikums- und Kritikerresonanz, so dass sich ein Verleih fand, den 7-stelligen Betrag für die Kinoaufführungen zu investieren. Nun spielt er also in der Liga mit den großen Arenen mit.

Die Geschichte um das Geschwisterpaar Molinski, das in Berlin die Sauna „Schwitzkasten“ betreibt, und deren Donnerstagsgruppe mit fünf mehr oder weniger in Lebenskrisen steckenden Zeitgenossen/-nössinnen wird denn auch mit viel Herzblut und Charme in Szene gesetzt. Jeder der Hauptdarsteller hatte Gelegenheit, seinen Beitrag zum Drehbuch beizusteuern und seine Person auszugestalten, die Herren Moore, Köster und Poser bemühten sich, die Einzelteile zu einem ansehnlichen Ganzen zusammenzufügen. Ein Gemeinschaftswerk, das leichtfüßig viel zum Thema Mensch beisteuern soll.

Die Kombination von Komik und sozialkritischen Komponenten und nicht zuletzt durch die Lokalität Prenzlauer Berg lassen Parallelen zum im Januar gestarteten Sommer vorm Balkon (2005) wach werden. Auch der schlaksige Andreas Schmidt spielt in beiden Filmen mit. Allerdings sollte man den Vergleich nicht zu weit treiben. Allein der Kamera-/Filmtechnik sieht man das schmale Budget an (Grobkörnigkeit, Unschärfen, Verzerrungen bei Gegenlichtaufnahmen). Die Probleme, die auf den Protagonisten lasten, hätten für eine Miniserie ausgereicht und wirken in den vorhandenen 95 Minuten zu konzentriert. Als Zuschauer ist man ständig hin- und hergerissen zwischen inszenierter und unfreiwilliger Komik und dem offenbaren Anspruch, sozialkritische Elemente beleuchten zu müssen. Dabei wird jede Person verschiedentlich beleuchtet, aber nicht vollständig ausgelotet. Das Bedürfnis nach mehr wird geweckt, bleibt aber unbefriedigt angesichts der Momentaufnahme, die der Film bietet. Auf der Habenseite sehen wir ein gut aufgelegtes Schauspieler-Ensemble, das die kurzen Wochen intensiver Arbeit am feuchtwarmen Set offensichtlich genossen hat. Die in Filmformat präsentierte Dokumentation einer Klassenfahrt sozusagen.


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