V WIE VENDETTA

*** V WIE VENDETTA / V FOR VENDETTA * Deutschland / USA 2005 * Musik: The Rolling Stones, Cat Power, Stan Getz & Joao Gilberto, Julie London, Antony & the Johnsons, Pjotr Iljitsch Tschaikowski, u. a. * Drehbuch: Andy und Larry Wachowski, basierend auf der gleichnamigen Comic-Serie von Alan Moore und David Lloyd * Regie: James McTeigue * Darsteller/-innen: Natalie Portman, Hugo Weaving, Stephen Rea, Stephen Fry, John Hurt, Rupert Graves, Sinéad Cusack, u. a. * 132 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Synopsis: London, 5. November 1605. Der Anarchist? / Terrorist? / Freiheitskämpfer? Guy Falkes will das britische Parlament in die Luft jagen. 36 Kisten Sprengstoff liegen in den Kellergewölben des hohen Hauses bereit, die Zündschnür glimmt … doch sein Plan schlägt fehl. Er und seine Mitverschwörer werden gnadenlos hingerichtet. Noch heute feiert man im britischen Königreich die Vereitelung des Attentats vor ziemlich genau 400 Jahren. Soviel zur historischen Komponente des Comics und seiner Verfilmung V FOR VENDETTA.

400 Jahre später, so wollen es zumindest die Schöpfer der Vorlage, Alan Moore (welcher auch den Comic FROM HELL zeichnete, bekanntlich mit Johnny Depp in der Hauptrolle verfilmt) und David Lloyd, ist aus der ehemaligen Demokratie Großbritannien ein theokratisch-faschistoider Unrechtsstaat geworden – den ehemals großen Bruder USA hat es sogar noch „schlimmer“ erwischt: In dem Dritte Welt-Land (!!!), von den wirtschaftlichen Folgen seiner zahlreichen angezettelten Kriege völlig ausgezehrt, herrscht Bürgerkrieg.

Adam Sutler (ausgerechnet Richard Burtons Folteropfer in der George Orwell-Verfilmung 1984: John Hurt) heißt Großbritanniens neuer Herrscher, ein moderner Adolf Hitler, der mit Hilfe von Angst, Gewalt und Unterdrückung das Land in seiner Gewalt hat: Der Besitz des Korans wird mit dem Tode bestraft, ebenso Homosexualität und natürlich jeglicher noch so kleiner Widerstand gegen das Regime. Freie Medien gibt es nicht mehr, und in den Straßen Londons wimmelt es – vor allem nach der nächtlichen Ausgangssperre – von „Fingern“, Sutlers menschenverachtenden Spitzeln.

In die Finger der „Finger“ gerät eines Nachts eine kleine Angestellte des einzig noch verbliebenen und selbstverständlich staatlich kontrollierten Fernsehsenders BTN: Evey Hammond (der schönste skinhead der Welt: Natalie Portman), deren Eltern als Widerstandskämpfer gegen das Regime starben.

Die drei schmierigen Typen wollen ihr an die Wäsche, doch da taucht ein mysteriöser schwarzer Mann mit Hut und Mantel auf, der eine Maske des vor 400 Jahren hingerichteten Guy Falkes trägt. Er rettet Evey vor Sutlers Häschern und nicht nur das: Evey darf dem gentleman-haften und ständig Shakespeare, Dickens und Goethe zitierenden Zorro-Klon dabei zusehen, wie er einfach mal so den britischen Justizpalast, das „Old Bailey“, in die Luft jagt. Doch damit nicht genug: Der Anarchist? / Terrorist? / Freiheitskämpfer?, der nur „V“ (Hugo „Mr. (Elrond) Smith“ Weaving) genannt werden möchte, droht der faschistoiden Regierung offen: In einem Jahr will er soweit sein, dass er auch das Parlament sprengen kann: „Remember, remember the 5th of November!“ Evey wird mehr oder weniger ungewollt zu seiner Komplizin, doch hinter der Fassade des ach so idealistischen Kämpfers für Recht und Freiheit verbirgt sich eben auch ein rachsüchtiger, brutaler Geist, wie Evey selbst bald qualvoll erfahren muss …

Kritik: Okay. Gerade ist V FOR VENDETTA in die Top 250 der besten Filme aller Zeiten in der „Internet Movie Database“ aufgestiegen – Kritiker-Lieblinge wie WALK THE LINE oder BROKEBACK MOUNTAIN findet man dort im übrigen vergebens. Was das Ganze noch erstaunlicher macht, ist die Tatsache, dass V von den meisten Kritikern verrissen wurde, noch dazu stand das gesamte post-MATRIX-Projekt der beiden Wachowski-Brüder unter einem mehr als unguten Stern, hatte sich doch Comic-Zeichner und Vorlagengeber Alan Moore (FROM HELL) bereits während der Dreharbeiten von dem Projekt losgesagt.

Gedreht wurde aus Kostengründen noch dazu in Potsdam-Babelsberg, was man dem Film in manchen Szenen dummerweise auch ansieht: „Da! Da ist schon wieder diese Straßenecke, an der schon DER PIANIST, AIMÉE & JAGUAR, SOPHIE SCHOLL usw. usf. gestanden haben!“, möchte man in den Anfangssequenzen ständig ausrufen. (Ehrlich, sind die Babelsberger Studios wirklich so winzig, dass man immer wieder dieselbe Straßenecke abfilmen muss? Langsam wird’s gelinde gesagt peinlich!)

Dann schaut man sich aber V FOR VENDETTA an und ist … ziemlich von den Socken. Der Film ist zwar manchmal etwas wirr, das Drehbuch bringt jeden Logiker dazu, in Weinkrämpfe auszubrechen, und wenn nicht Natalie Portman die Hauptrolle spielen würde, dann … Egal. Vergesst die ganzen schlechten Kritiken, vergesst den reißerischen Trailer, der einen weiteren Hollywood-Action-Blockbuster (ergo: B-Movie) ankündigt und damit weit am Gesamteindruck vorbeizielt …

V FOR VENDETTA ist nämlich in erster Linie eine beklemmend aktuelle „Zukunftsvision“, stilistisch und inhaltlich irgendwo zwischen 1984 und – wegen des plakativen Pop-und Comic-Charakters – Pink Floyd’s THE WALL angesiedelt. Nicht wirklich stringent-intelligent vielleicht, dafür aber in seiner radikalen Kritik an dem, was heute alles unter dem war on terror firmiert (Abu Ghraib, Guantanamo, Medienkontrolle, religiöser Fanatismus … Themenkomplexe, die man !sofort! und !unmittelbar! mit V FOR VENDETTA assoziiert und zurück in die Realität projiziert), bislang unerreicht. (Dabei schrieben Moore und Lloyd ihre düstere Zukunftsvision in den achtziger Jahren, angesichts des Machtantritts von Maggie Thatcher!)

V FOR VENDETTA ist nunmal eine Comic-Verfilmung und macht – ähnlich wie der optisch zwar weitaus brilliantere, inhaltlich aber weit hinter V zurück fallende SIN CITY – daraus auch keinen Hehl. Der erstaunlich zwiespältige Charakter „V“ schillert zwar in mancherlei Farben, doch gerade die Figur der Evey und die zweifelhafte Entwicklung, die ihre Figur und vor allem ihre Beziehung zu „V“ durch macht, ist schon ein wenig holzschnitthaft, weil kaum nachvollziehbar, es sei denn, man ist Sadomasochist. (Natalie Portman muss mal wieder leiden, dass man es kaum ertragen kann. Dafür wird sie mit jedem Film schöner: Ausgerechnet der skinhead look steht ihr, wie ich finde, ausgezeichnet …)

Ja, es wird gefoltert in V FOR VENDETTA, aber Sadisten, die sich an SAW oder dem noch anlaufenden HOSTEL ergötzen (werden), werden ihr Lustempfinden kaum durch V FOR VENDETTA steigern können: Der Film ist von den Bildern her kaum „brutal“ zu nennen, dafür ist die Art und Weise, wie hier Faschismus dargestellt wird, so konsequent (und) schonungslos, wie man es seit Orwell nicht mehr hat erleben dürfen. Hier liegen vor allem die Stärken des Films, das „Anspruch“-Pedal wird ordentlich durchgetreten, hier zeigt V FOR VENDETTA echte Größe, die den Film weit über den sonst üblichen „Hollywood-Comic-Verfilmungs-Standard“ hinaus trägt.

Die Tatsache, dass V FOR VENDETTA dabei vor allem die Macht der Medien und deren unzählige
Möglichkeiten, die Konsumenten durch Angstpropaganda (Stichworte: Terrorismus, Islamismus, Vogelgrippe etc. pp.) zu verunsichern, im Auge hat, macht den absolut sehenswerten Film (der sich auch paar sehr schöne, komisch-zärtliche Momente der Ruhe gönnt, zum Beispiel wenn Evey und „V“ Musik (Cat Power!) hören, zusammen tanzen, oder gar alte Errol Flynn-Filme ansehen) nur noch umso beklemmend-aktueller.

Dass dabei – ich wiederhole mich da ungern – nicht alles wirklich stimmig ist, mag man einer gelungenen Comic-Verfilmung wie dieser dennoch gerne verzeihen; selbst die nicht sehr durchdacht erscheinenden Holocaust-Assoziationen und der nicht wegzudiskutierende Verschwörungstheorie-Charakter der gesamten Geschichte können den positiven Gesamteindruck entscheidend trüben.

Fazit: V FOR VENDETTA ist nicht unbedingt großes, aber packendes Kino, in politischer Hinsicht gar hochexplosiv. Unausgegoren und grob geschnitzt vielleicht, aber dennoch merkwürdig faszinierend. Und kontrovers noch dazu. Denn in manchen Kreisen wird man sich (zurecht?) erheblich über die message des Films empören, besitzt der dunkle Rächer „V“ doch unzweifelhaft einige Wesenszüge Osama Bin Ladens …


About this entry