CAPOTE

Capote    (USA/Kanada, 2005)

Regie: Bennett Miller
Drehbuch: Dan Futterman. Basierend auf dem Buch von Gerald Clarke
Mit: Philip Seymour Hoffman (Truman Capote), Catherine Keener (Nelle Harper Lee), Clifton Collins Jr. (Perry Smith), Bruce Greenwood (Jack Dunphy), Chris Cooper (Alvin Dewey) u.v.a.
114 Min.   (9 von 10 Punkten)

Gleich vorneweg: Ich habe selten einen so in sich stimmigen und konsequent überdurchschnittlich guten Film gesehen. Von der ersten bis zur letzten seiner 114 Minuten wird das hohe Niveau gehalten und der Zuschauer in den Bann gezogen.

Da ist natürlich zunächst einmal diese Eingangsszene: Das abgelegene Haus im kleinen Holcomb, Kansas, am 15. November 1959. Die Brutalität, mit der die Täter beim vierfachen Mord vorgegangen sein müssen. Der Einbruch des Bösen in die Unschuld des Mittelwestens der USA. Der Kriminalfall bzw. das Geheimnis um die genauen Abläufe und psychologischen Hintergründe bleiben bis zum bitteren Ende immanent und sind für sich gesehen schon ein bewegendes Motiv.

Die zweite Säule und für die Mehrzahl der Betrachter sicherlich das herausragende Element ist die Darstellung des Truman Capote durch den sich selbst übertreffenden Philip Seymour Hoffman. Er, der in den letzten Jahren eher unbemerkt in kleinen, aber feinen Nebenrollen glänzte (z.B. Magnolia (1999), 25 Stunden (2002)), um dann in Owning Mahowny (2003) eine echte Hauptrolle zu spielen, für die er schon damals einen Oscar verdient gehabt hätte.
In Capote setzt er noch einen drauf: Man hat nicht mehr das nur Gefühl, Hoffman spiele den schwulen Schriftsteller, Salonlöwen und Liebling der Medienwelt der Ostküste, nein, er ist vielmehr eine späte Reinkarnation desselben geworden. Ohne mich mit der Person Truman Capotes näher auszukennen, bin ich doch gerne bereit mich einzureihen in die Runde, die dem rechts gescheitelten, Horn bebrillten und mit Falsettstimme parlierenden Geschichtenerzähler zuhört. Und sich hinreißen lässt mitzulachen über die gekonnt rhetorisch und dramaturgisch vorgetragenen Sätze, in deren Temperament ein großes Stück Selbstverliebtheit mitschwingt. Die Frage bleibt, was die Faszination von diesem Menschen ausmachte, der in den 50er/60er Jahren auf einer Welle des Erfolges und der Beliebtheit schwamm.

Dieses Biopic zeigt nun einen Ausschnitt von 5 Jahren aus seinem Leben, es ist die Zeit des Aufstieges zu größter Berühmtheit, auf dessen Weg nach oben indes bereits die Saat für den anschließenden Niedergang gelegt wird. Die Recherchen an dem Mordfall, zunächst nur als Artikel für das Magazin „The New Yorker“ gedacht, weiten sich aus. Capote sieht seine Chance und kreiert in Laufe seiner akribischen Arbeit ein – wie er ganz unbescheiden sagt – neues literarisches Genre: Das des Tatsachenromans. Das Ergebnis – das Buch „Kaltblütig“ – beinhaltet neben seinen Interpretationen auch Ergebnisse aus Ortsterminen, Interviews, Teile der Untersuchungsakten der lokalen FBI-Dienststelle und last but not least eine intensive Auseinandersetzung mit den Tätern selbst, zu denen Capote ein unumschränktes Besuchsrecht erwirken kann. Genau so, wie er sein Buch nennt, so verfolgt er auch das Ziel, eben jenes fertig zu stellen. Der Film offenbart dabei den Konflikt, dem er sich zunehmend ausgesetzt sieht: Einerseits besitzt er keine Skrupel, um sich mit Beharrlichkeit, falschen Versprechungen, Bestechung und Einsatz seines „Prominentenstatus“ in den Besitz von Quellen und Interview-terminen zu bringen. Er schwelgt lange Zeit in der Aufmerksamkeit, die ihm seine Kreisen während des erfolgreichen Fortganges an seinem Buch zuteil werden lassen. Andererseits macht ihm die Beschäftigung mit dem Menschen hinter der Tat und besonders die persönliche Beziehung zum Täter Perry Smith zu schaffen. Er wird dessen einzige Bezugsperson. Vermutlich ging Capotes Interesse noch über das Investigative hinaus, unzweifelhaft bleibt das Dilemma, dass er sein Buch erst vollendet sah, nachdem Perry ihm alles offenbart hatte und hingerichtet wurde. Und über allem schwebt die verbriefte Tatsache, dass er nach „Kaltblütig“ zu Lebzeiten nichts mehr veröffentlichte.

Nichts liegt ferner, als Truman Capote einen Sympathieträger zu nennen, doch seine Exzentrik und die Darstellung der inneren Unruhe machen den Film selbst für diejenigen zu einem Bravourstück, die bislang für die Personen hinter den (amerikanischen) literarischen Meisterwerken wenig übrig hatten.


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